Andacht 01.05.2022 von Lektorin Gerlinde Abel

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Der Sonntag Misericordias Domini wird durch das Evangelium vom Guten Hirten bestimmt. Der Hirte sorgt für seine Schafe, die ihm treu folgen. Gleichzeitig wird aber auch der Hinweis laut auf die „falschen Hirten“, die nur an ihren eigenen Vorteil denken. Entscheidend ist jedoch die Zusage Jesu, dass er als der gute Hirte sein Leben hingibt für die Schafe. Das bedeutet, dass wir umfassenden Schutz genießen und uns vor nichts zu fürchten brauchen, auch wenn es dunkel um uns wird.

Psalm 23   (EG 711)

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Lied: Stimme, die Stein zerbricht (EG+ 18)

Gebet

Himmlischer Vater, guter Hirte, du führst uns zur grünen Weide und zum frischen Wasser. Wir bitten dich: hilf, dass wir mit anderen teilen, was du uns schenkst, dass auch sie von deiner Güte erfahren und ein Leben in Frieden und Dankbarkeit führen können. Durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Ansprache Joh 21,15-19

Liebe Leser*innen,

nach dem Tode Jesu kehren die Jünger in ihren gewohnten Beruf und an ihren alten Arbeitsplatz zurück. Sie gehen fischen am See Genezareth. Eine Zeit voller Anspannung liegt hinter ihnen. Sie hatten sich Jesus angeschlossen, hatten alle Brücken hinter sich abgebrochen und waren ihm nachgefolgt. Und was hatten sie nicht alles mit ihm erlebt, wunderbare Heilungen, Menschen, die ohne Orientierung waren, hatte er ein neues Ziel gegeben, den Mutlosen Trost und Kraft. – Dann aber Jesu Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung und damit auch das Ende all ihrer Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte. Und so gehen sie eben dorthin zurück, woher sie gekommen waren, versuchen dort anzuknüpfen, wo sie vor ihrem Jüngerdasein aufgehört hatten. Dann steht da dieser Unbekannte am Ufer, rät ihnen, ihr Netz noch einmal auszuwerfen, zur Rechten des Bootes, und als sie das Netz wieder einholen, ist es randvoll mit Fischen.   Jetzt ist kein weiterer Beweis nötig, keine weitere Erklärung, kein sich offenbaren, alles spricht aus sich selbst heraus und jeder erkennt, was es bedeutet, als der Unbekannte Brot und Fisch nimmt und austeilt, während sie wortlos am Kohlenfeuer sitzen und sich wärmen. Und hier setzen die Verse unseres heutigen Predigttextes ein: (Joh 21,15-19)

Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht willst.

Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Am Ende beginnt alles noch einmal. Noch einmal anfangen, nun mit den Erfahrungen von heute, die man gemacht hat, es besser machen – manchmal wünscht man sich das. „Noch-mal!“, bittet schon ein kleines Kind, um etwas wieder und wieder zu erleben und daran zu wachsen.

Heute ist der Sonntag des Guten Hirten mit dem wunderbaren 23. Psalm. Man durchwandert mit diesem Psalm irgendwie alle Lebenssituationen und ist hinterher ein bisschen ein anderer als vorher. Man möchte dieses Vertrauen finden, das der Psalm besingt, und in ihm leben.

Das Gespräch zwischen Jesus und Petrus ist das letzte Gespräch im Evangelium überhaupt. Mit dem 21. Kapitel endet das Evangelium nach Johannes. Und was da erzählt wird, geschah dort, wo alles angefangen hatte: in Kapernaum, am See Genezareth. Noch einmal war Petrus mit dem Boot ausgefahren und hatte nichts gefangen Als er aber nun diesen Jemand am Ufer stehen sah und ahnte, dass das volle Netz mit ihm zu tun hatte, da wusste er: „Es ist der Herr!“ Er, geheimnisvoll, unerklärlich, aber da war er: Christus, der Auferstandene! Quasi mit den Händen zu greifen, kein Märchen. Und Jesus trat zu Petrus; wie schon einmal nannte er ihn „Simon, Sohn des Johannes“. Da fing alles noch einmal an. Aber jetzt mit anderen Erfahrungen. Und dann die große, tiefe, Frage: „Hast du mich lieb?“ Nochmal anfangen mit dieser tiefsten Frag. Jesus und Petrus – das ist eine nicht gerade unkomplizierte Beziehung. „Simon, Sohn des Johannes, hast Du mich lieb?“ Gleich dreimal richtet Jesus diese Frage an Petrus. Dreimal, genau so oft, wie Petrus die an ihn gerichtet Frage: „Gehörst du nicht auch zu diesem Jesus?“ mit „nein“ beantwortet hat. Fast hat es den Anschein, jetzt bricht das Gericht über diesen Petrus herein. Jetzt muss er für sein Versagen büßen. Simon nennt ihn Jesus nur noch. Keine Erwähnung des Namens Petrus. Kein Hinweis auf den Fels, auf den er seine Kirche bauen will. Petrus, gar auf dem Weg der Degradierung?
Nicht ganz. Zum Glück. Denn einmal formuliert Jesus seine Frage etwas anders als die beiden anderen Male. Er fragt: „Hast du mich lieber, als mich diese haben?“ Hielte Jesus den Petrus nur für einen Versager, wäre diese Frage unnötig und überflüssig. Und am Ende, als auch von Petrus nichts mehr zu sehen war – am Ende – unter dem Kreuz – da stand Maria, die Mutter Jesu. Da standen einige wenige andere Frauen, die diesen tragischen Ausgang mit Entsetzen verfolgten. Am Ende – unter dem Kreuz – da stand alleine noch der Lieblingsjünger Jesu. Da stand Johannes. Für die Gruppe der Jesus-Anhänger, die den Evangelisten Johannes umgab, für sie war der Jünger Johannes die zentrale Figur aus dem Kreis der Zwölf, die mit Jesus unterwegs waren. Ein Kapitel früher wird berichtet, dass Petrus und Johannes einen Wettlauf zum leeren Grab veranstalten. Natürlich gewinnt Johannes. Aber der, der den Mut hat, ins Grab hineinzugehen, das ist dann doch Petrus. Im abschließenden 21. Kapitel des Johannes-Evangeliums – und ganz besonders im Predigttext – ist es nicht anders. Mag Johannes der Konkurrent des Petrus gewesen sein. Und der Liebling vieler – doch der sich für   Jesus immer wieder stark macht –   das ist Petrus. Das ist der, der seinen Meister noch lieber hat als die anderen – um Jesus hier einfach selber zu Wort kommen zu lassen. Dem Petrus hängen die einen an. Dem Johannes die anderen. Aber auch letzte wissen, dass Petrus die Schlüsselfigur ist. Auch wenn er immer wieder ins Stolpern gerät. Und versagt. Und uns genau hierin so nahe ist.   Petrus bleibt die Schlüsselfigur. Aber seine Rolle wird neu definiert. Er wird selber zum Geführten. Das ist das Geheimnis jener so schwierig zu deutenden Passage in der Rede Jesu: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen – und womöglich auch dahin, wohin du gar nicht willst.“ Petrus hat jetzt eine neue Rolle. Wer ist dieser Petrus – für uns? Das Vorbild und der Erste in der Reihe der Kirchenführer?   Eine große unerreichbare Gestalt?   Petrus steht dafür, dass wir alle unsere Rolle finden in dieser Kirche, wo wir heute Einblick genommen haben. Petrus und Johannes, Paulus und Johannes, der Verfasser der Offenbarung, Maria, die Mutter, und Maria, die Freundin – und viele andere auch. Sie sind uns Vorbilder im Glauben. Und sie sind zugleich Platzhalter für jede und jeden von uns. In all unserer Unterschiedenheit. In unserem Glauben wie in unseren Zweifeln. Und wir sind ihnen allen am nächsten, wenn auch uns dieser Rollenwechsel gelingt. Wenn wir nicht dabei stehen bleiben, sondern uns einlassen auf das Wagnis, uns führen zu lassen. Und Wege zu riskieren, deren Ziel wir noch nicht kennen. Es geht darum, den Horizont zu wechseln. Oder den Horizont hinter dem Horizont wahrzunehmen. Um am Ende, dann, wenn wir gefragt werden: „Hast du mich lieb?“ auch antworten zu können wie Petrus: „Du weißt doch und du siehst doch, dass ich die lieb habe. AMEN

Fürbittengebet/Vaterunser

Gütiger Gott, so oft hast du dich uns schon als Hüter des Lebens gezeigt, hast uns gesucht und geführt, hast uns vor bösen Wegen bewahrt, hast uns Gutes erfahren lassen und deine Barmherzigkeit uns spüren lassen. Darum bitten wir dich auch heute: Sei du unser Hirte und lass es nicht mangeln an Brot für die Hungernden, an Gerechtigkeit für die Bedrängten, an Kraft für die Schwachen, an Wegweisung für die Verirrten. Sei du unser Hirte und führ uns zum frischen Wasser, belebe uns mit deinem Heiligen Geist, damit wir uns erinnern, wie es sein soll: die Erde fruchtbar, die Gemeinschaft friedlich. Sei du unser Hirte und bleibe bei uns im finsteren Tal, nimm die Ausweglosen bei der Hand, lass Furcht und Schrecken ein Ende haben, geleite die Sterbenden, tröste die Traurigen. Sei du unser Hirte und führe uns auf rechter Straße, auch alle die, die Verantwortung tragen, die Welt zu regieren, die nicht fähig sind, das Leben zu hüten, die nicht mächtig sind, den Frieden zu schaffen. Sei du unser Hirte und sieh auch die Unbehüteten, die Vertriebenen, die Zerstreuten, die furchtbaren Wunden derer, denen Gewalt angetan wurde. Sei bei denen, die helfen und verbinden, dass sie den Mut nicht verlieren. Die ganze Welt lebt von deiner Güte, alle Menschen brauchen deine Barmherzigkeit. Gott, höre nicht auf uns zu suchen, leite uns, bring uns nach Haus. Vater unser im Himmel,…

Segen

Der Herr segne und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Amen.

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich, Ihre Lektorin Gerlinde Abel

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