Andacht 1. So. i. d. Passionszeit von Pfarrerin Anna Scholz

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Friede sei mit Euch! Wir sind hier zusammen zum Gottesdienst am 1. Sonntag der Passionszeit. Unsere Welt ist im Chaos. Wir sind ratlos und hilflos. Der Konflikt in der Ukraine zieht seine Kreise. Wir haben kaum noch Worte. Wir kommen in unserer Angst und Hilflosigkeit zu Gott. Wir bringen zu ihm, was uns bewegt. Lasst uns auf ihn hoffen und diesen Gottesdienst in seinem Namen feiern.

Lied EG 347 Ach bleib mit Deiner Gnade 1-3

Psalm 91 EG 736

Bittruf

Ach Gott: Die Welt ist ein einziges Wüten. Menschen sterben oder sind auf der Flucht. Mächtige drohen einander mit dem Schlimmsten. Es ist kein Ende in Sicht. Wir brauchen Rat und Hilfe und rufen: Herre Gott, erbarme dich.

Gebet

Gott, Du kommst in das Dunkel unserer Welt. Du gibst uns nicht verloren. Du willst, dass Frieden ist zwischen den Menschen. Bitte hilf uns, nicht aufzugeben und nicht den Mut zu verlieren, sondern auf deine Kraft zu vertrauen. Das bitten wir durch Jesus unseren Bruder, der als Mensch zwischen uns Menschen gelebt hat und uns zeigt, wie Du es mit uns meinst damals, heute und für immer. Amen

Schriftlesung 2.Kor 6,1-10

Wir als Gottes Mitarbeiter bitten euch auch: Nehmt die Gnade Gottes so an, dass sie nicht ohne Wirkung bleibt.Denn Gott spricht: »Ich habe dich zur rechten Zeit erhört und dir am Tag der Rettung geholfen. «Seht doch! Jetzt ist die rechte Zeit. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung. Paulus im Dienst der Versöhnungsbotschaft. Wir wollen auf gar keinen Fall Anstoß erregen. Denn unser Dienst soll nicht in Verruf geraten. Vielmehr beweisen wir in jeder Lage, dass wir Gottes Diener sind: Mit großer Standhaftigkeitertragen wir Leid, Not und Verzweiflung. Man schlägt uns, wirft uns ins Gefängnis und hetzt die Leute gegen uns auf. Wir arbeiten bis zur Erschöpfung, wir schlafen nicht und essen nicht. Zu unserem Dienst gehören ein einwandfreier Lebenswandel, Erkenntnis, Geduld und Güte,der Heilige Geist und aufrichtige Liebe. Zu unserem Dienst gehören außerdem die Wahrheit unserer Verkündigung und die Kraft, die von Gott kommt. Wir kämpfen mit den Waffen der Gerechtigkeit, in der rechten und in der linken Hand. Wir werden verkannt und sind doch anerkannt. Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben! Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um. Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich. Wir sind arm und machen doch viele reich. Wir haben nichts und besitzen doch alles!

Glaubensbekenntnis

Lied EG 7 Oh Heiland reiß die Himmel auf 1.2.4

Liebe Leser*innen,

Deutschland, zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Die Zeit der Hexenverfolgungen erlebt eine Hochphase. An vielen Orten brennen Scheiterhaufen. Frauen, junge und alte, verlieren ihr Leben in den verzehrenden Flammen. Angeklagt und der Hexerei beschuldigt sind sie. Mit dem Teufel sollen sie im Bund stehen. Viele haben unter der schlimmsten Folter alles gestanden. Das Todesurteil. Menschenmengen kommen zusammen bei einer solchen Hinrichtung. Manche schaulustig, manche verängstigt und entsetzt. Die wenigsten sagen etwas. Zu groß die Gefahr, selbst verdächtig zu werden. In dieser Zeit lebt Friedrich Spee, ein frommer, gebildeter Jesuit. Er ist nicht einverstanden mit dem Unrecht, das hier geschieht, mit Billigung der Kirchen. Widerstand ist gefährlich. Friedrich Spee schreibt ein Buch, das nur anonym erscheinen kann. „Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse“ nennt er es. Die wenigsten wissen das heute noch. Bekannter ist sein Lied, das wir eben gesungen haben. Geschrieben gegen die brennenden Scheiterhaufen, eigentlich ein Adventslied. Aber es passt auch zur Passionszeit: Oh Gott, ein Tau vom Himmel gieß … Hoffnung, gegen das schlimmste Grauen in der Welt.

Die Ukraine, hier und heute. Putin hat einen völkerrechtswidrigen Angriff gestartet, teilweise mit öffentlicher Unterstützung hochrangiger Geistlicher der russisch-orthodoxen Kirche. Menschen sind auf der Flucht, andere kämpfen, um ihre Freiheit zu verteidigen. Auf beiden Seiten gibt es Verluste, und auch Waffen aus Deutschland sind in das Geschehen involviert. Das Recht ist gebrochen, Lügen werden in den sozialen Netzen verbreitet und obwohl es auf beiden Seiten Menschen gibt, die laut ihre Stimme gegen das Kriegsgeschehen erheben, scheint im Moment keine diplomatische Lösung mehr in Sicht! Man möchte schreien: Oh Gott, ein Tau vom Himmel gieß!

Die griechische Hafenstadt Korinth, um das Jahr 55. Teilweise herrschen chaotische politische Zustände, es gibt Streit zwischen mehreren Parteien des öffentlichen und kulturellen Lebens. Die kleine Christengemeinde, ganz jung noch, ist auch in die Konflikte verwickelt, Uneinigkeit besteht über so ziemlich alles. Zugleich ist die noch neue Religionsgemeinschaft in der Öffentlichkeit nicht anerkannt, es gibt Verfolgungen und ständige Gefahr von Seiten der Machthaber. Schon einmal hat Paulus versucht, seinen Freunden dort Mut zu machen und ihre Streitigkeiten zu versöhnen, damit sie gemeinsam stark sind gegen das Unrecht, was ihnen zustößt und nicht untereinander auch noch Zwistigkeiten austragen. Es scheint vergeblich! Und da schreibt er ihnen, zusammen mit seinem Partner Timotheus noch einen Brief: Wir als Gottes Mitarbeiter bitten euch auch: Nehmt die Gnade Gottes so an, dass sie nicht ohne Wirkung bleibt. Denn Gott spricht: »Ich habe dich zur rechten Zeit erhört und dir am Tag der Rettung geholfen. «Seht doch! Jetzt ist die rechte Zeit. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung

Deutschland im 17. Jahrhundert. Friedrich Spee und sein Lied. Kein Tau stürzt plötzlich vom Himmel, um die Feuer zu löschen. Keine Hilfe senkrecht von oben, da, wo man sie dringend herbeisehnt. Aber: Spees Buch wird gelesen. Und verstanden. Nach einigen Jahrzehnten hören die Hexenprozesse auf. Ein Tag der Rettung. Erwirkt durch die Beharrlichkeit von Menschen, die nicht aufgehört haben, zu hoffen und an das zu glauben, was wir Gnade nennen: Dass Gottes Kraft und seine Gerechtigkeit wirksam sein können, auch da, wo unsere menschlichen Kräfte versagen. Und dass wir dieser Gnade, die wir uns zwar nicht verdienen können, aber wenn wir sie erleben und auf sie hoffen, auch zu Geltung in der Welt verhelfen können. Dass sie nicht wirkungslos bleibt.

Unsere Welt hier, Passionzeit 2022. Die Welt ist in Aufruhr. Manche fürchten einen dritten Weltkrieg emporziehen. Es gibt ein riesiges Arsenal von Atomwaffen, das unseren ganzen Planeten mit einem Schlag in den Untergang befördern kann. Und selbst, wenn das hoffentlich nur sogenannte „Abschreckung“ bleibt, wird der Konflikt auch uns betreffen, direkt oder indirekt. In unseren Kirchen erinnern wir in dieser Zeit an Jesus, der für seine Überzeugungen ans Kreuz genagelt wurde, weil die Welt noch nicht bereit war für seine Botschaft von Liebe und Frieden und Freiheit. Und auch zu Paulus Zeiten war sie es noch nicht. Und vielleicht ist sie es heute auch nicht.

Aber ich möchte nicht aufhören, zu hoffen: dass die Gnade nicht wirkungslos bleibt. Dass es ihn gibt, den Tag der Rettung, und die Kraft Gottes, die durch das Dunkel und das Grauen in der Welt hindurchwirkt.

Ein Gedicht von Oskar Loerke, geschrieben 1940, mitten im 2. Weltkrieg, drückt das so aus: Jedwedes blutgefügte Reich sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich. Jedwedes lichtgeborne Wort wirkt durch das Dunkel fort und fort.

Daran halte ich fest. So, wie Friedrich Spee es getan hat und Paulus auch. Und Jesus selbst, auch wenn es keinen Ausweg mehr gab aus dem Gang ans Kreuz. Alle diese haben geglaubt: das Wort Gottes, ein Wort der Liebe, des Friedens und der Versöhnung, ein „lichtgebornes“ Wort, wird doch nicht aufhören, zu leuchten. Christoph Blumhardt, ein Theologe zwischen 19. und 20. Jahrhundert hat mal gesagt: Christen sind Protestleute gegen den Tod. Und ich glaube das stimmt und hat mit Jesus angefangen. Und ging weiter mit Paulus und Friedrich Spee und vielen anderen, von denen wir zum Teil gar nichts mehr wissen, weil ihre Namen nicht in Büchern stehen. Aber ich bin sicher, manchmal können wir auch ein bisschen davon sehen, von dem Protest gegen den Tod mit dem lichtgebornen Wort: Wenn auch hier in unseren Orten sofort Hilfstransporte organisiert werden und Menschen bereit sind, etwas abzugeben, um die Not zu lindern. Wenn Menschen in Russland auf die Straße gehen und laut nach Frieden und Versöhnung rufen, auch wenn ihnen dafür harte Strafen drohen. Wenn Menschen bereit sind, in Gefahrengebiete zu gehen und andere zu retten. Und da, wo Menschen ihre Türen aufmachen für

andere in Not: Dann spüre ich da etwas von Paulus Worten, der seinen Leuten trotzig zuruft: Wir sind vom Tod bedroht, aber seht doch, wir leben! Aber auch im ganz kleinen: da, wo wir, selbst wenn wir ganz persönlich gar nicht viel „machen“ können, und uns vielleicht sogar die Worte fehlen, doch nicht wegsehen, wo Unrecht geschieht und Menschen leiden. Und uns davon berühren lassen. Und eine Kerze anzünden, um das Licht Gottes um uns zu haben. Durch das Dunkel fort und fort. Amen.

EG 430 Gib Frieden, Herr 1-4

Fürbitten/Vaterunser

Gott, gib Deine Kraft in die Herzen derer, die ohne Rücksicht auf Verluste nach Macht streben. Die nicht genug bekommen können, die das geltende Recht missachten. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

Gott, gib Deine Kraft in die Herzen derer, die mitten im Krieg sind und kämpfen müssen, obwohl sie sich auch nach Frieden sehnen. Bitte Gott, lass sie nicht allein! Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

Gott, gib Deine Kraft in die Herzen derer, die sich um eine friedliche Lösung bemühen, gib ihnen Mut und Besonnenheit. Lass sie nicht aufgeben. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

EGplus 142 Verleih uns Frieden gnädiglich

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen +++

 

Bleiben Sie behütet und gesund. Beten Sie für Frieden!

Ihre Pfarrerin Anna Scholz

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