Andacht 1. So. n. Ostern (Quasimodogeniti), 24.04.2022, von Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Dieser Sonntag trägt den Namen Quasimodogeniti und bedeutet: Wie die Neugeborenen. Auch der heutige Sonntag steht ganz unter dem Zeichen des Osterfestes. Die Auferstehung Jesu hat die Welt verändert und in unsere Welt ein neues Licht der Hoffnung gebracht. – Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: Morgenlicht leuchtet (EG 455)

Psalm 116 (EG 746)

Gebet

Herr Jesus Christus, du lebst und herrschst als Auferstandener! Wir danken dir, dass du uns jetzt deine Gegenwart zusprichst. Wir danken dir, dass du uns im Alltag begleitest. Du erbarmst dich über uns und über deine ganze geliebte Schöpfung.   Wir kommen zu dir mit allem, was uns bewegt. Erfülle uns mit deinem Geist und Segen. Begegne uns, wie du deinen Jüngerinnen und Jüngern nach deiner Auferstehung begegnet bist. Amen

Ansprache zu Joh 21,1-14

Liebe Leser*innen, erst eine Woche ist es her, dass wir Ostern gefeiert haben, dieses einzigartige Mutmach-Fest! Aus vollen Kehlen haben wir gesungen: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wir haben auf die biblischen Ostererzählungen gehört und ihre unglaubliche Botschaft vernommen: Die Macht des Todes ist gebrochen! Das Leben siegt über den Tod! Und jetzt, nur eine Woche später, was ich jetzt damit? War es doch nur ein „Alle-Jahre-Wieder-Fest“? Was ist mit der Osterhoffnung? Lebt sie in uns oder liegt sie eingemottet auf dem Speicher wie die Krippenfiguren am 7. Januar? Wer kennt sie nicht, diese Erfahrung: Kaum sind wir wieder mit den Schwierigkeiten und Sorgen des Alltags konfrontiert, da überfällt uns kleinliche unösterliche Angst. Von österlichem Mut scheint nicht viel übrig zu bleiben. Doch genau in diesem Zwiespalt kommt uns diese späte Ostergeschichte zu Hilfe. Sie erzählt von Petrus und den anderen sechs Jüngern. Gerade war ihnen das aller erste Ostern widerfahren. Der auferstandene Christus war ihnen begegnet, hatte sie ausgesandt und ihnen den Heiligen Geist zugesprochen. Doch kurz darauf sind sie in der Mühsal des Alltags versunken. Man wundert sich: Wie können die nur so kurz darauf wieder in ihr altes Leben zurückfallen – als wäre Ostern nicht geschehen! Schauen wir, was mit ihnen passiert. An fünf Stationen halten wir inne.

Station 1: „In dieser Nacht fingen sie nichts.“ – Die Jünger fahren nachts wie gewohnt zum Fischen hinaus. Das ist ihr Alltag, darin sind sie Profis. Doch in dieser Nacht hat sie das Glück verlassen. Kein einziger Fisch zappelt im Netz. Alle Mühe umsonst! Das sind bittere Momente im Leben. Wenn man die Vergeblichkeit so hautnah erfährt. Wie schnell schwindet da österlicher Lebensmut. Immer wieder sind wir selbst so dran wie die Jünger damals: Da unternimmt jemand alle möglichen Anstrengungen, dass ein suchtkranker Mensch einen Ausweg findet aus seiner Abhängigkeit. Hoffnung keimt auf – doch dann wird er rückfällig. Es war umsonst. Da ringt eine Frau darum, dass ihre Beziehung doch noch gerettet wird. Immer wieder nimmt sie Anläufe, um eine neue Nähe in der Partnerschaft herzustellen. Aber jedes Mal laufen die Versuche ins Leere. „Ich erreiche den anderen einfach nicht. Jetzt kann ich auch nicht mehr!“ – oder da fragen sich Eltern, was geblieben ist vom Glück der Kindheitsjahre? Dort geht der Sohn, die Tochter jetzt hin, allein und auf ganz anderen Wegen, als sie es sich vorgestellt hatten. Ja, die vergeblichen Nächte und die vergeblichen Tage gehören zum Leben. Und es ist gut, wenn wir solche Erfahrungen uns selber und auch einander eingestehen. Dann gehen wir barmherziger miteinander um.

Station 2: „Als es aber jetzt Morgen war, stand Jesus am Ufer.“ Die Jünger meinten, sie seien allein, als sie mit dem Schiff hinausfuhren; sie seien allein, als sie die Netze leer aus dem Wasser zogen; sie seien allein, als sie bitter enttäuscht heimkehrten – aber der Schein trügt. In Wirklichkeit hatte er, der auferstandene Christus, alles vor Augen und war immer dabei. Er stand am Ufer. Er war ihnen viel näher als sie ahnten, als sie wussten. Was eine Niederlage besonders schlimm machen kann, ist das Gefühl: „Jetzt stehe ich alleine da. Keiner weiß wirklich, wie’s mir jetzt geht!“ Aber jene Ostergeschichte vom See sagt ihm, sagt ihr: Ich weiß es anders. Er steht auch bei dir am Ufer, wenn zu zurückkehrst mit leeren Händen und trostlosem Herzen – und er empfängt dich. Auch deine erfolglose Nacht, die sich so endlos dahin zieht, ist vor seinen Augen. Eine Nacht, von der man das weiß, liebe Gemeinde, ist anders. Ein Tag, wie schwierig er sein mag, ist anders, wenn ich ahne, dass ER in meine Nähe ist. Und auch die letzte Nacht, die jeder von uns noch vor sich hat und durchschreiten muss, die Nacht des Todes, ist anders, wenn ich weiß: Wenn es Morgen ist, steht Jesus am Ufer.

Station 3: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Liebevoll, aber auch entwaffnend direkt spricht sie der Fremde vom Ufer aus an. Habt ihr etwas, das euch nährt? Habt ihr eine Hoffnung, die Enttäuschungen standhält? „Kinder“ nennt er sie. Erwachsene Männer werden zu Kindern. Die Jünger spüren: In der Nähe dieses Unbekannten brauchen wir uns nicht zu verstellen, wir können offen sein wie Kinder. Und so kommt ohne Ausflüchte und Beschwichtigungsformeln ihr „Nein!“ Sie trauen sich, dem ins Auge zu sehen, dass sie nichts in der Hand haben – und dass eine große Leere in ihnen ist. – Liebe Leser*innen, unsre Gottesdienste würden auch anders aussehen, wenn wir uns dieser Frage von Jesus ehrlich stellen würden. „Kinder, habt ihr etwas, das euch satt macht?“ – „Übersättigt bin ich, ja“, das könnten viele heute sagen. Übersättigt durch die Arbeit. Durch ein pralles Freizeitangebot, durch Märkte und verkaufsoffene Sonntage, Unterhaltungsmöglichkeiten drinnen am Bildschirm, im Internet und draußen – ohne Ende. „Übersättigt – ja, aber etwas, das meine Seele wirklich satt macht – nein, wenn ich ehrlich bin, das habe ich nicht.“ – Darauf käme es an, dass die Menschen – wir Menschen – wieder unseren Hunger spüren. Dass wir entdecken, dass – vielleicht tief verborgen oder ganz verschüttet – eine Sehnsucht nach Gott in uns steckt. Eine Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Nähe und Verstandenwerden, eine Sehnsucht, die nur Gott stillen kann. Hier in der Kirche haben wir einen Raum zur Besinnung. Einen Raum, in dem ich spüren kann, was ich wirklich brauche. Einen Raum, der mit Begegnung mit Gott ermöglichen will. – Zurück zur Geschichte: Der Erzähler hält die Spannung aufrecht, indem wir als Hörer bzw. Leser mehr wissen als die Jünger. Für uns ist längst klar: der Unbekannte am Ufer wird sich als Jesus herausstellen. Aber für die Jünger ist er noch ein Fremder. Sie spüren zumindest: In seiner Nähe brauchen wir uns nicht zu verstellen. Sie spüren es und erkennen ihn doch nicht. Und genau darin sind sie uns wieder ganz nah. Wie oft kommt Jesus uns entgegen und spricht zu uns und wir erkennen seine Stimme nicht? Möglicherweise erkennen wir ihn deshalb nicht, weil sein Wort unserer Menschenlogik ab und zu kräftig widerspricht.

Station 4: „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden…“ Was für eine verrückte Aufforderung! Warum sollten dennauf der anderen Seite des Kiels mehr Fische sein? Und überhaupt: Jetzt ist doch Tag, da fischt kein vernünftiger Mensch. Aber die Jünger geben diesem Zweifel nicht statt. Sie reagieren voll Vertrauen – wie Kinder – und lassen sich auf das ein, was ihnen der fremde und doch vertrauenswürdige Mann vom Ufer aus zuruft. – An das, was wir gewohnt sind, an das, was logisch und vernünftig erscheint, ist Gott nicht gebunden. Er ist ein Gott der Überraschungen. Und er sucht Menschen, die bereit sind, sich auf Überraschungen einzulassen. Wie viele wichtige Gespräche bleiben ungeführt! Wie viele wichtige Begegnungen und Besuche geschehen nicht – weil wir zu viel wissen: Weil wir wissen, dass wir dafür sowieso keine Zeit haben; dass wir nicht die richtigen Worte finden werden; dass der andere uns nicht versteht u.s.w. Wir wissen alles, nur nicht, dass Gott bei uns ist und dass er immer für Überraschungen gut ist. Dieser Gott, der an Ostern gezeigt hat, dass er mit Null und Nichts etwas Neues anfangen kann. Dass er aus dem Tod neues Leben weckt und dass er leere Netze unerwartet füllen kann. Dieser Gott kann auch mit uns etwas anfangen. Geben wir nicht unserem oft so kleinlichen und kleingläubigen Wissen nach. Lassen wir uns von ihm überraschen!

Station 5: „Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische“ Es mutet einen fast wie ein Märchen an: In der Nacht leere Netze und jetzt machen sie den Fang ihres Lebens. So etwas haben sie noch nie erlebt. Was ist da passiert? Was für ein Geheimnis verbirgt sich hier? – Die berstend vollen Netze weisen darauf hin, dass in Jesus das Leben sich in einer Fülle, einem Reichtum zeigt wie noch nie. In ihm kommt ein Leben ans Licht, das auch von bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen, ja nicht einmal vom Tod aufgehalten werden kann. Und darum geschieht durch ihn etwas Umstürzendes. Wir kennen die eine Reihenfolge – und sie scheint unabänderlich: Leben und dann der Tod, auf das Werden folgt das Vergehen, die Hoffnungen blühen auf und viele davon scheitern doch. Aber der auferstandene Christus wendet die Reihenfolge um: Nicht Leben und Tod – Tod und Leben heißt es nun, seit Christus erstanden ist. Davon erzählt unsere Ostergeschichte, von dieser umgedrehten Reihenfolge. Nicht Hoffen und dann am Ende Müdesein, Enttäuschungen und verlorener Zukunftsmut – nein, leere Hände zwischendurch und die Erfahrung der Vergeblichkeit, und dann doch Hoffnung und eine neue Begegnung mit Gott am Morgen und ein neues Beginnen unter Gottes Angesicht und mit neuem Zukunftsmut. Amen

Lied: Gelobt sei Gott im höchsten Thron (EG 103)

Fürbittengebet / Vaterunser

Du Gott des Lebens, du hast deinen Sohn, Jesus Christus, nicht im Tod gelassen, sondern auferweckt, damit auch wir leben. Wir danken dir, dass durch die Kraft der Auferstehung der Stachel des Todes besiegt ist. Wir bitten dich, lass uns den Sieg des Lebens spüren und die Kraft der Auferstehung erfahren. Wir bitten dich für offene Ohren, die die Hinweise des Lebens verstehen und recht deuten. Wir bitten dich für wache Augen, damit wir die Spuren der Auferstehung auch in unserem Leben finden. Wir bitten dich, dass wir den Wert des Lebens begreifen und es mit unseren Händen schützen und bewahren. Wir bitten dich, dass wir den Geruch des Lebens wahrnehmen und mit unserer Kraft dazu beitragen, es zu erhalten. Und wir bitten dich, dass wir die Frucht deiner Auferstehung schmecken in jedem Brot, das wir essen, und in jedem Schluck, den wir trinken. Wir kommen zu dir und bitten dich um Frieden für die Menschen in der Ukraine, für die Männer und Frauen, die in den Krieg geschickt werden, und alle, die um sie bangen. Wir beten zu dir, Gott: für die unschuldigen Opfer, für die, die zwischen die Fronten geraten und Heimat und Geborgenheit verlieren, für die Flüchtenden, die Hungernden, die Kinder, Frauen und alten Menschen, die ohnmächtig dem Krieg ausgesetzt sind. Wir beten zu dir, Gott: mach dem Irrsinn endlich ein Ende. Bring die Verantwortlichen zur Vernunft. Rüttle deine Kirchen auf, in Ost und West, dass sie mutig, konsequent und laut für den Frieden eintreten. – Vater unser im Himmel,… Amen

Segen

Gott segne dich, dass das Leiden von gestern und die Angst vor morgen ihre Schrecken verlieren und die Botschaft vom Heil der Welt und der Auferstehung Jesu Christi in dir Gestalt gewinnt. Amen

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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