Andacht 1. So. n. Trinitatis, 02.06.2024, von Lektorin Gerlinde Abel

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Von Gottes Boten hören wir am 1. Sonntag nach Trinitatis. Gottes Wort hören wir aus dem Mund seiner Zeugen, der Apostel und Propheten. In den Schriften der Bibel ist es für uns niedergelegt und aufbewahrt, bezeugt und weitergegeben. Im Hören auf dieses Wort wollen wir es verstehen und annehmen – als Botschaft, die uns zum Leben hilft.

Lied EG+ 127 Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

GEBET

Leben schaffender Gott, du hast uns in Jesus auf deinen Weg gerufen, mit seinem Wort ermutigt und gestärkt. Lass uns auch heute finden, was wir suchen, dass sich unsere Wege klären und wir der Macht deiner Liebe trauen

durch Jesus Christus. Amen

ANDACHT

Liebe Leser*innen

Hintergrund unseres heutigen Bibeltextes ist der Streit um die Heilung am Teich Bethesda und die Vollmacht Jesu. Da hatte Jesus einen Menschen gesund gemacht und die Frommen fragten nach seiner Vollmacht: wer gibt ihm das Recht so etwas zu tun an einem Sabbat und aus welcher Kraft heraus macht er Kranke gesund? Die Anhänger Jesu müssen feststellen: Die vorausgegangene Heilung bewirkt nichts, obwohl Menschen sehen, da geschieht etwas. Nur das Sehen bedarf der Deutung. Ich muss das Gesehene einordnen und die Gegner Jesu haben eingeordnet.   Jesus kontert mit einer Rede, die für unsere Ohren schwer zu verstehen ist.

Johannes 5,39-47

Jesus sprach zu den Juden: Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Ich nehme nicht Ehre von Menschen;

aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.

Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Wo ist Gott zu finden? Wo ist Gott so zu finden, dass ich sagen kann: Ich bin ihm begegnet, ich kann auf ihn vertrauen, an ihn glauben? Und kann das anderen dann auch weitergeben, kann für den Glauben an Gott werben! Ist Gott in der Bibel, der Heiligen Schrift zu finden, in der Beschäftigung mit den Geschichten und Briefen? Oder ist Gott anderswo? In überwältigenden Erlebnissen, in der Größe des Universums, in der Schönheit der Natur, der Einsamkeit eines Strandes, der Wucht der Berge, in überwältigender Musik? Und wie gewinne ich ewiges Leben, ein Leben, dem nichts fehlt,     und dem der Tod – auch mein Tod – nichts anhaben kann? Was Jesus in unserem heutigen Predigtwort seinen Zeitgenossen sagt, hat mit diesen Fragen zu tun;

aber es ist eher ernüchternd, gerade für Bibelleser: Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist‘s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Ihr lest viel in der Bibel, ihr lasst euch ein auf Gottes Wort, aber ihr verliert euch darin. Ihr haltet dann Dinge für wichtig, die so wichtig gar nicht sind. Ihr solltet, sagt Jesus, auf mich schauen, ihr solltet zu mir kommen. Da könnt ihr das Leben finden. Das Leben in Christus finden. – Da zeigt sich ein hoher Anspruch: Hier und nirgendwo sonst findet ihr das Leben. An Christus glauben hieß im Verlauf der Kirchengeschichte: in der rechten – eben auf kirchliche – Weise, an Christus glauben. Kann man das heute noch so aufrechterhalten? Wie ist denn das Leben in Christus zu finden? Was heißt es denn, zu ihm zu kommen, ihm zu glauben, sich an ihm zu orientieren? In diesen Versen des Johannesevangeliums ist schlicht gesagt: Jesus ist von Gott gesandt. In Jesus begegnet Gott den Menschen. In ihm ist Gott am Werk in dieser Welt. Das haben Menschen erfahren: Wo Jesus hilft, hilft Gott. Wo er heilt, heilt Gott. Wo Jesus zurechtweist, weist Gott zurecht. Wo er zum Vertrauen einlädt, tut Gott dies selbst. Jesus lebt Gottes Liebe. Er hilft mit Gottes Zuwendung. Er liebt mit Gottes Barmherzigkeit. In ihm ist Gott zu erfahren. Die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende, eben diese Werke, die ich tue, bezeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat, sagt Jesus wenige Verse vor unserem Predigtabschnitt. Diese Werke haben Menschen bei Jesus sehen können: Blinde sehen. Menschen, die nicht mehr wahrnehmen, was wichtig ist im Leben, was schön ist, was erfüllt, merken mit einmal, dass das Leben sich lohnt. Menschen, die meinen, sie seien allein, sehen, dass andere neben ihnen sind, die ihnen helfen, Sinn im Leben zu finden, Geborgenheit, Vertrauen, das über den Tag hinaus, vielleicht bis in Ewigkeit trägt. Menschen entdecken, wie sie einander helfen können. Lahme gehen. Menschen erhalten Mut, ihren Weg unter die Füße zu nehmen. Über all die Hemmnisse und Hemmungen hinaus, die zum Stillstand verurteilen. Weil wir halt so sind wie wir sind. Lahme gehen. Menschen stehen auf. Nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Sind nicht länger angewiesen auf die Hilfen anderer. Menschen gehen ihren Weg. Aussätzige werden rein. Der Makel der Unreinheit haftet nicht mehr an ihnen. Sie sind nicht länger ausgeschlossen. Sie können wieder dazugehören. Sie sind wieder in der Gemeinschaft, eine, einer von uns, nicht mehr draußen, nicht mehr zu fürchten. Die Welt wird ein bisschen besser, als sie bisher gewesen ist, ein bisschen mehr heil. Die Welt wird ein bisschen mehr so, wie Gott sie will. Tote stehen auf. Menschen, auf die niemand mehr etwas gegeben hat, Menschen, die abgeschrieben waren, weil sie halt so sind, wie sie sind, so stur und unnahbar, so hartherzig und eigensinnig, – sie werden lebendig, finden neues Leben. Weil ihnen der Heiland begegnet, einer, der sie heil macht, der ihnen Perspektiven eröffnet. Weil viele um sie her sich beteiligen am Prozess der Gesundung, der Heilung, des Heilwerdens. Und dies gibt ihnen und allen ringsumher neuen Frieden, Heil und Leben. So ist das in der Nähe Jesu. Das ist bei ihm zu entdecken. Wir können es erleben, in und mit den Geschichten der Bibel. Da kann ich suchen und hoffen und das ewige Leben finden. Und ich finde es dann vielleicht doch nicht. Weil ich nicht an mich heranlasse, wozu mich die Schrift, wozu mich das Beispiel Jesu ermutigt: zum Schritt über mich selbst hinaus, zum Schritt auf andere zu. Daher vielleicht dieser harte Satz:   Ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Aber: Wir mühen uns doch; wir wollen uns öffnen für Gottes Liebe, freundlich sein, gutmütig und hilfsbereit. Wir setzen uns doch ein für andere. Gut, nicht immer. Manchmal sind wir auch ganz nah bei uns selbst. Das haben wir im Leben gelernt, dass ein Stück Selbstschutz,   ein Stück gesunde Ichbezogenheit dazu gehört, wenn wir nicht untergehen wollen. Auch weil wir immer wieder mal erfahren haben, dass unsere Hilfsbereitschaft ausgenutzt wird, dass wir mit unserer Freundlichkeit den Kürzeren ziehen. Das haben wir nun davon, dass wir gütig und freundlich sind, offen und hilfsbereit. Liegt es an unserer Eigenart? Sind wir zu nachgiebig oder zu weich? Nehmen wir zu viele Rücksichten? Müssten wir fröhlicher sein – wie es der Philosoph Friedrich Nietzsche den Christen vorgehalten hat? Wir sind die Dummen. Und wir müssen dann damit leben. Wir möchten unser Leben bestehen, so gut es eben geht. Wir möchten anständige Menschen sein, Menschen, denen niemand etwas nachsagen kann, nichts Schlechtes, nichts Böses. Wir möchten unseren Weg aufrichtig gehen, und wir strengen uns dazu ja auch an. So gut wir eben können. Wir möchten durchaus in Gottes Spur gehen. Wir versuchen zu tun, was Jesus tut, ihm nachzufolgen. Das ist unser Weg. Deshalb verstehen wir manchmal nicht, wenn andere uns das nicht abnehmen oder unser Bemühen nicht sehen wollen. Können wir’s uns also leicht machen und denken, das, was hier gesagt ist, ist von anderen gesagt? Ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt… Ihr nehmt mich nicht an. Wir wollen schon selbstkritisch sein. In der Tat: Nicht immer haben wir Gottes Liebe in uns. Nicht immer suchen wir zuerst Gottes Ehre. Manchmal suchen wir ja durchaus unsere eigene Ehre. Wir sollten uns die Frage gefallen lassen, die uns da gestellt ist: Wo habt ihr denn Gottes Liebe in euch, wo nicht? Wo sucht ihr eure eigene Ehre, wo die Ehre Gottes? Diese Fragen werden uns begleiten. Vielleicht können wir uns doch öffnen für Gottes Liebe und konzentrieren auf Gottes Ehre. Dann verblasst die Konzentration auf unsere eigene Ehre, und die Eigensucht macht der Liebe Raum. Und wir werden offen zur gemeinsamen Arbeit an der Welt, damit die Welt ein bisschen besser wird, ein bisschen freundlicher, ein bisschen weniger konfliktbeladen. So begegnet Gott in Jesus den Menschen. In Jesus ist Gott am Werk. Wo er hilft, da hilft Gott. Wo er heilt, da heilt Gott. Wo er zurechtweist, da weist Gott zurecht. Wo er zum Vertrauen einlädt, da tut Gott dies

selbst. Darin liegt das ewige Leben, darin kommt Gott zu uns Menschen, darin ist seine Liebe gegenwärtig. Seine Liebe, die wir erfahren und die wir weitergeben. Gottes schöpferische Liebe befreit uns vom Kreisen um uns selbst. Sie macht uns offen für Gott und füreinander. Amen.

Fürbittengebet

Guter Gott, wir möchten lernen, für andere da zu sein, zuhörend und schweigend und warten in Liebe mitten im Alltag unserer Welt: eine Atempause für die Gehetzten, Heimat für die Fremden, Geborgenheit für die Ängstlichen, Freude für die Bekümmerten, leicht erreichbar den Zweifelnden, Frieden für die Friedlosen, Entlastung für die Beladenen, ein Ja für alle,

die sich selbst verloren haben. Wir möchten lernen, uns mutiger zu dir zu bekennen, unseren Kindern von dir zu erzählen, dich bei Freunden ins Gespräch zu bringen, den Zweifeln der anderen nicht aus dem Weg zu gehen, dich im Stimmengewirr des Alltags nicht zu überhören, unserem Glauben ein Gesicht zu geben, das jeder erkennen kann. ….Vater unser im Himmel… Amen

SEGEN

Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lass leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlichst, Ihre

Gerlinde Abel, Lektorin