Andacht 1. So. n. Trinitatis, 19.06.2022, von Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Die einen predigen Gesundheit oder Erfolg, andere Reichtum oder Schönheit. Ich predigt heute davon, dass es eine Kraft aus der Ewigkeit gibt – und die ist: grün. – So lasst uns diese Andacht feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: Die güldene Sonne (EG 444)

Psalm 104 (Auszüge)

Meine Seele öffnet sich für Gott. Ganz vorsichtig wage ich ein Staunen: Gott, dein Mantel ist Licht. Der Himmel ist dein Zelt. Du bist kraftvoll und schön. Wind und Wasser sind deine Helfer. Du machst die Erde fest. Du hast alles geordnet und hältst es in Ordnung. Die Vögel fliegen und singen. Gras wächst als Nahrung für die Tiere und Pflanzen wachsen für uns Menschen. Der Mensch freut sich am Wein. Sein Gesicht strahlt. Du stärkst und erfreust uns. Gott! Was du mit deinem Atem anhauchst, das lebt. Wenn du dich wegdrehst, sterben wir. Wenn du das Land rüttelst, bebt es. Du berührst die Berge und sie rauchen. Alles ist in deiner Hand. Du bist treu – du hast es versprochen. Auf dich ist Verlass. Ich bin gewiss: Gott liebt. Ich hoffe: Das Böse verschwindet von der Erde. Ich singe für Gott. Halleluja! – Ehr sei dem Vater und dem Sohn …

Gebet

Du Gott des Lebens. Wir danken dir für alles Schöne, das uns immer wieder in deiner Schöpfung begegnet. Wie verschwenderisch bist du, Gott,
wenn du uns Freude schenken willst! Bewahre uns davor,
dass wir die Freude daran nur für uns allein haben wollen
und anderen deine Geschenke vorenthalten oder sogar zerstören.
Lass uns aber auch sorgsam mit deiner Schöpfung umgehen
und so in deiner herrlichen Schöpfung dich, den Schöpfer, neu erkennen,
der bei uns ist und über uns und in uns durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen

Lesung 1. Mose 1,1 bis 2,4a (Schöpfungsgeschichte)

Lied: Geh aus, mein Herz (EG 503)

Ansprache

Liebe Leser*innen

„es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün“, schreibt Hildegard von Bingen, die große Universalgelehrte, Äbtissin, Dichterin, Komponistin, erste Mystikerin des Mittelalters, sie war kräuter- und heilkundig. 1098 in Alzey, Rheinhessen als tochter einer Adelsfamilie geboren, wurde sie schon in früher Kindheit in ein benediktinisches Kloster gesteckt – ihre ausgeprägte geistliche Intuition verunsicherte ihre Umgebung. Sie brachte die Familie in zeiten von beginnender Inquisition und Kreuzzügen in Gefahr. Doch selbst hinter Klostermauern entwickelten sich ihre Fähigkeiten weiter. Das zyklische keltische Weltbild mit den Kenntnissen der ausgebildeten Druiden, die immer mit dem Göttlichen in direkter Beziehung standen und als Vermittler zwischen den Welten galten, prägte sie sehr. Sie war mutig, klug und ehrlich; so wurde sie durch ihr Wissen und ihre Eingebungen zur Beraterin von Päpsten, Königen und Kaisern, darunter Friedrich Barbarossa, denen sie allesamt schonungslos die Leviten las. Eine Frau durfte im Mittelalter allein wegen ihres Geschlechts keine Lehrerautorität in Anspruch nehmen. Diese besondere Situation von schreibenden Frauen im Mittelalter führte dazu, dass Hildegard von Bingen ihr theologisches Denken in Visionen zum Ausdruck brachte. Papgst Eugen III bestimmte zudem, dass Hildegards Werke eine Privatoffenbarung Gottes seien. So war sie außer Gefahr. Hildegard hat aber auch theologische Lehrmeinungen geschrieben, gerade wenn sie in Briefen auf theologische Fragen, die ihr gestellt wurden, antwortete. Am 7. Mai 2012 hat Papst Benedikt XVI. erklärt, dass die heilige Hildegard von Bingen nicht nur faktisch heilig ist, sondern auch in der ganzen Weltkirche verehrt werden darf. Dass sie heilig ist und deshalb auch als solche anerkannt wurde, war gerade für die Katholiken nichts Neues. Denn sie wurde in den von ihr gegründeten Klöstern und im Benediktinerorden schon bald nach ihrem Tod ein „Beispiel der Heiligkeit“ genannt. Als erste Frau machte sich die spätere Äbtissin unabhängig von Kirche und Staat und gründete ihr eigenes, ganz anderes Kloster. Trotz des geltenden Verbotes der Kirche weiterhin Körper und Geist gesamtheitlich zu behandeln, setzte sie ihre Heilkunde fort. Das alte und neue Wissen über Medizin und Natur fasste sie unter anderem in Büchern „Ursachen und Behandlungen von Krankheiten“ und „Naturlehre“ zusammen, die zur Grundlage der damaligen Heilkunde und Naturwissenschaft wurden. „Wenn Leib und Seele miteinander in Einklang sind,findet die Seele ein passendes Gefäß für das irdische Leben. Kommt diese Einheit aus dem Gleichgewicht, wird der Mensch krank.“ – so Hildegard.

Ernährung und pflanzliche Rezepturen mit ihrer „Grünkraft“ standen neben Gebet und Meditation im Mittelpunkt der Therapie. Das Heilfasten als effektive Methode um sowohl Körper als auch die Seele zu reinigen lag ihr am Herzen. Hildegards Medizin ist einzigartig und unnachahmlich. Jahrhundertelang half sie gegen vielerlei Krankheiten und Seuchen. Als die aktive und ermutigende Mystikerin im Alter von 81 Jahren starb, hinterließ sie neben unzähligen Büchern, Musikstücken und Heilmitteln eine Aufforderung an uns: „Pflege das Leben bis zum Äußersten.“ – Und sie weckt Begeisterung für die innewohnende Schönheit der Schöpfung: „Aus lichtem Grün sind Himmel und Erde geschaffen und alle Schönheit der Welt.“ – „Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün.“ Mit Grünkraft bezeichnet sie die in der ganzen Schöpfung wirksamen Kräfte, die Heil und Leben mit sich bringen, solange der Mensch sich ihnen nicht in den Weg stellt und sie zerstört. Grün ist für Hildegard die heilige Farbe, eine „Herzkraft himmlischer Geheimnisse, die die Herrlichkeit des Irdischen nicht fasst.“ Diese Grünkraft ist von Gott gezeugt und wirkt von daher in allem Grünen, die Pflanzen und die Natur, aber auch im übertragenen Sinne alles was lebt. Grün ist für sie die Keim- und Schöpfungskraft, die sich zum Beispiel auch in der Vereinigung von Mann und Frau und dem daraus entstehenden neuen Leben zeigt. Diese zentrale Bedeutung der Farbe Grün für Hildegard von Bingen ist für die damalige Zeit ungewöhnlich. In der christlichen Kunst spielt diese Farbe bis dahin kaum eine Rolle. Rot, Blau, Gelb, Gold, das sind die mittelalterlichen Farben der Malerei und der Kirchenfenster. Grün ist allenfalls der schmale Streifen, auf dem sich das irdische Leben abspielt; die himmlischen Dinge geschehen darüber. Eine Ausnahme gibt es allerdings und hier knüpft dann auch Hildegard an: es gibt schon im Mittelalter die Tradition vom Kreuzesstamm, aus dem das Grün sprießt. Aus dem Symbol des Sterbens, des Todes und der Trauer erwächst das neue Leben am Ostermorgen. Von daher, von Ostern, von der Auferstehung her, gewinnt das Grün für Hildegard zentrale Kraft. Von daher fließt das Leben und die Hoffnung in die Welt, die oft trostlos und traurig ist. Und vielleicht ist diese Hochschätzung des Grünen auch kein Zufall. Grün – das ist die Mischung aus Gelb und Blau. Also: die Mischung aus dem Licht der Sonne und der Farbe des Wassers, zwei für das Leben zentrale und unverzichtbare Dinge.

Hildegard von Bingen bleibt aber nicht bei der reinen Symbolik stehen. Sie entwickelt – wir würden heute sagen -: Übungen, Meditationen, mit deren Hilfe die Farbwirkung auf unser Leben ausstrahlen kann und so die Grünkraft Gottes mein Leben erreichen kann und soll. So empfiehlt sie zum Beispiel Menschen, die an überanstrengten Augen leiden – aber ich denke, nicht nur ihnen: „Es soll der Mensch hinausgehen auf die grüne Wiese und sie so lange anschauen, bis seine Augen wie vom Weinen nass werden: Das Grün dieser Wiese nämlich beseitigt das Trübe in den Augen und macht sie wieder sauber und klar.“ Diese Grünkraft war für Hildegard schon in Abraham wirksam und in Maria, der Mutter Jesu, für sie die Mutter aller Medizin. Und selbstverständlich in Jesus, den sie „der grüne Lichtquell aus dem Herzen des Vaters“ nennen kann und der im Heiligen Geist weiter wirkt. So entwirft Hildegard ein umfassendes Bild der Schöpfung, durchdrungen von der Kraft des Schöpfers, die die Höhen und Tiefen des Lebens umfasst und welche ihr einendes Symbol in der Farbe Grün findet.

Auch wenn ich keinen direkten Hinweis darauf gefunden habe, so würde ich sagen wollen: im Verständnis Hildegards von Bingen ist Grün auch die Farbe des Ostermorgens, in welchem sich die Leben und Hoffnung schaffende Kraft Gottes durchsetzt in einer Welt, die immer wieder von Tod, Trauer und Hoffnungslosigkeit durchzogen und bedroht ist. Die Gedanken der großen Mystikerin gipfeln für mich in folgendem Lied, welches sie gedichtet hat: „O heilende Kraft, die sich Bahn bricht! Alles durchdringest du, die Höhen, die Tiefen, und jeglichen Abgrund. Du bauest und bindest alles. Durch dich träufeln die Wolken, regt ihr Schwingen die Luft. Durch dich birgt das Wasser das harte Gestein, rinnen die Bächlein und quillt aus der Erde das frische Grün. Du auch führest den Geist, der deine Lehre trinkt, ins Weite. Wehest Weisheit in ihn Und mit der Weisheit die Freude.“ Amen

Fürbittengebet / Vaterunser

Herr, dich bitten wir für alle Geschöpfe, die mit uns in dieser Welt leben:

Für die Erde, die uns und alles Leben trägt und die heute von Schadstoffen immer mehr belastet ist. Für das Wasser, das für uns und alle Geschöpfe unersetzliche Lebensquelle ist  und das wir doch oft unnötig verschwenden und verschmutzen. Für die Luft, ohne die wir nicht atmen und leben können und die wir dennoch mit unseren Abgasen im Übermaß belasten. Für die Tiere, unsere Mitgeschöpfe, die durch Menschen vielfach Qualen und Schmerzen leiden. Für die Pflanzen, die uns erfreuen und nützen und deren Vielfalt doch äußerst bedroht ist. Für alle Menschen, denen das Leben geschenkt ist und die dennoch unter Ausgrenzungen und Beeinträchtigungen durch ihre Mitmenschen leiden müssen. Für die Menschen, die mit Krankheit und Alter bedrängt sind und sich hilflos und allein fühlen; für die vielen, die ihnen zur Seite stehen. Für die Menschen im landwirtschaftlichen Bereich, die sich darum mühen, das tägliche Brot für alle zu sichern. – Vater unser im Himmel…

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen+++

Bleiben Sie behütet und gesund.

Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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