Andacht 11. So. n. Trinitatis, 15.08.2021, von Pfarrerin i.P. Annika Hofmann

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Der Friede Gottes sei mit dir! Ich grüße Sie heute am 11. Sonntag nach Trinitatis. Am Trinitatisfest und den 24 folgenden Sonntagen geht es um das Geheimnis Gottes, um seine Wesensart als wahrer Gott und wahrer Mensch, und um Personen, die den Geist dieses Geheimnisses offenbaren. Heute hören wir aus dem Brief an die Epheser von der Gnade, Güte und Liebe Gottes, mit der er uns Menschen begegnet und zum Leben befreit.

LIED: EG 452,1+2+5 „Er weckt mich alle Morgen“

PSALM: Ps 145

Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich. Groß ist die Lebendige und sehr zu loben, und ihre Größe ist unerforschlich. Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine Heilstaten verkündigen.   Zuneigend und mitfühlend ist die Lebendige, geduldig und voller Güte. Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine Herrschaft währet für und für. Die Lebendige hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.   Du öffnest deine Hand und sättigst alle Lebewesen mit Zufriedenheit. Die Lebendige ist nahe allen, die zu ihr rufen, allen, die aufrichtig zu ihr rufen. Sie erfüllt das Begehren derer, die sie fürchten, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

GEBET

Gott, du widerstehst den Hochmütigen und bist gnädig den Demütigen. Öffne uns die Augen für unsere Schwächen und Stärken, dass wir, stark oder schwach, deiner Güte und Barmherzigkeit vertrauen. Amen.

LIED: EG 584,1-4 „Meine engen Grenzen“

LESUNG: Eph 2,4-10

Gott aber, reich an Erbarmen, wegen ihrer großen Liebe, mit der sie uns liebte, hat uns, auch als wir durch Übertretungen tot waren, mit Christus lebendig gemacht. Durch Gnade seid ihr gerettet. Gott hat uns mit ihm auferweckt und in die Himmelsräume bei Christus Jesus eingesetzt, damit sich in den kommenden Zeiten der überragende Reichtum göttlicher Gnade zeige, in der Güte gegenüber uns, die wir zu Christus Jesus gehören.   Denn durch die Gnade seid ihr gerettet durch Glauben. Ja, das heißt: nicht aus euch. Das Geschenk kommt von Gott.   Nicht aus eigenem Wirken, damit niemand sich rühme. Denn wir sind Gottes Geschöpfe, geschaffen in Christus Jesus zu guten Taten, die Gott im Voraus bereitet hat, damit wir in ihnen leben.

PREDIGT

Der Predigttext lädt zu einer kleinen Auszeit ein. Wäre er narrativer gestaltet, konnte man glatt eine Phantasiereise daraus machen. Statt über eine Sommerwiese oder an einen Waldsee geleitet er uns in die himmlische Welt bzw. die Welt der himmlischen Wesenheiten. Nach dem Ende einer Phantasiereise reibt man sich die Augen, reckt und streckt sich – und blickt ein wenig anders auf den Raum, in dem man sich gerade befindet, irgendwie entspannter und doch zugleich hellwach, in jedem Fall freundlicher. Das könnte auch passieren, wenn man sich auf diesen – zugegeben – nicht ganz eingängigen Text einlässt. Predigende und ihre Hörerinnen und Hörer könnten sich die Augen reiben, sich recken und strecken und sich entspannt, hellwach und freundlich umblicken, vor allem, wenn sie bedenken, dass das, was der Epheserbrief erzählt, für ihn keine Phantasie, sondern eine Beschreibung der Realität ist. „Früher war alles besser!“ Die Neigung, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu vergleichen und letztere dabei zu verklären, ist schon sehr alt. Sie liegt dem antiken Glauben an das goldene Zeitalter und ein wenig auch der biblischen Urgeschichte zugrunde – schließlich wurden die Leute ja damals viel alter als heute. Der Epheserbrief teilt 3 diese Ansicht nicht, im Gegenteil. Mehr als einmal sagt er nicht nur: „Früher war alles schlechter!“, sondern es war einfach nur schlecht. Früher waren wir tot – und zwar aufgrund unseres Lebenswandels, der von Entfremdung und widergöttlichen metaphysischen Mächten gesteuert war (2,1–3). Und früher lebten die Menschen ohne Hoffnung und als Gottlose in der Welt, weil sie am Gott Israels und seinen Bundesschlüssen keinen Anteil hatten (2,11–13). Nun aber ist beides anders geworden. Jetzt sind wir „Mitbürgerinnen und Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“, oder anders gewendet: Jetzt sind wir nicht mehr tot, sondern lebendig. Wir sind „mitlebendiggemacht“, „mitauferweckt“ und „mitgesetzt“. Das dreifachte „Mit“ fällt auf. Es ist eines der Hauptworte des Epheserbriefes im Allgemeinen und dieses Textes im Besonderen: Gott hat uns mit Jesus lebendig gemacht, mit ihm gemeinsam von den Toten auferstehen lassen und uns mit ihm gemeinsam einen Platz im Himmel oder unter den Himmlischen gegeben. Für den Paulus des Römerbriefs stand fest, dass Menschen durch die Taufe in den Weg Jesu in den Tod hineinverwoben werden, um dann in der Zukunft auch an Jesu Auferstehungsgeschick teilhaben zu können (Rom 6,4ff.). Der Verfasser des Epheser-Briefs denkt diesen Gedanken weiter. Statt uns im Wartestand auf die kommende Auferweckung leben zu lassen, ist diese schon eine unsere Gegenwart vollgültig bestimmende Realität geworden. Da, wo wir nach Paulus erst noch hinkommen sollen, sind wir beim Verfasser des Epheser-Briefes schon längst gelandet. Nicht „Alles wird gut“, sondern „Alles ist gut!“. Dies ist der Cantus firmus der ersten Verse des Textes. Dieser wird umspielt von einer geradezu barock-prächtigen Begleitmelodie, deren Leitmotive Liebe, Gnade und Erbarmen sind. Wegen seiner großen Liebe zu uns, seiner Gnade und seinem Erbarmen, hat Gott uns vergeben, errettet und befreit zum Leben. [Gott hat es dabei auf eine gewisse Außenwirkung abgesehen. Er möchte den Überfluss des Reichtums seiner Gnade erweisen. Gott will also zeigen, wer und wie er ist. Das ist seit jeher ein Kennzeichen des Gottes Israels gewesen.] Das alles geschah ganz ohne unser Zutun, nicht aus unserem eigenen Wirken heraus. Wir haben uns nicht selbst an den Haaren aus dem Sumpf gezogen und uns erst recht nicht selbst auferweckt. Das war alles Gottes Geschenk. Wir haben uns auch nicht selbst gemacht, wir sind Gottes Geschöpfe. Als solche sind wir aus der Passivität herausund in die Aktivität hineingerufen. Das geschenkte Leben und die erfahrene Liebe befähigt zum Leben und zur Verantwortung in der Welt und in der Gesellschaft. Freiheit bedeutet nicht, dass ich jetzt tun und 4 lassen kann, was ich will, sondern Freiheit durch Jesus Christus bedeutet, frei zu sein, um das zu tun, was gut ist. Nicht mehr gefangen unter der bösen Macht. Sondern frei, in Liebe zu handeln. Wir sind geschaffen zu guten Taten, damit wir in ihnen wandeln sollen. Wieder wird das Wort Lebenswandel aufgerufen. Zu Beginn ging es um den früheren Lebenswandel, in dem wir quasi tot waren – nun geht es um einen Lebenswandel, der dem Lebendigsein entspricht. Nicht mehr Verfehlungen, sondern gute Taten sollen und können wir tun, weil wir dazu geschaffen worden sind. Die Reihenfolge ist dabei ganz wichtig: Nicht meine Werke, nicht meine guten Taten erkaufen mir diese Befreiung, sondern Gott schenkt mir diese Freiheit – und dadurch werde ich frei, Gutes zu tun. Bemerkenswert ist, dass diese guten Taten nicht unsere eigenen Erfindungen sind – sie sind von Gott schon vorbereitet worden, es gibt sie schon, wir müssen sie nur noch umsetzen. Diese Taten beschreibt der Epheser-Brief exemplarisch ab Kap. 4: Wir sind aufgerufen, uns von Demut, Sanftmut und Geduld leiten zu lassen (4,2), die Wahrheit zu sagen (4,25), auf unsere Sprache zu achten (4,29), damit das, was wir sagen, anderen zum Segen gereicht – um nur ein paar Beispiele zu nennen, die mancher Partnerschaft und vielen gesellschaftlichen Diskursen gut tun wurden. Gott hat uns Gaben und Begabungen gegeben, die wir in die Welt und die Gesellschaft einbringen dürfen. Wir dürfen am Reich Gottes mitbauen. Gott befreit uns aus dem Herrschaftsbereich des Bösen. Deswegen hat er seinen eigenen Sohn gesandt. Er hat uns in Jesus Christus das Gute aufgezeigt. Jesus hat durch sein Reden und Wirken Gottes Freundlichkeit gegenüber den Mitmenschen gezeigt, wenn er Kranke gesund machte, wenn er Hoffnungslosen Hoffnung brachte und wenn er durch sein Wort den Glauben seiner Mitmenschen stärkte. Gott hat ihn hineingegeben in die Gewalt dieser bösen Macht. Aber sie konnte ihn nicht besiegen. Sie konnte ihn nicht böse machen. Und Gott hat ihn auferweckt! Und Gott hat uns mit hineingenommen, in diese Auferweckung. Wir haben Anteil im Glauben an der Auferstehung Jesus Christus. Wir sind lebendig gemacht mit ihm. Wir sind befreit aus dem Bereich des Bösen und gesetzt in den Himmel! Dort haben wir unseren Platz! Aber: „Das Vergangene ist nicht vergangen“ – Dies mag nach dem Gesagten überraschen, aber für den Epheserbrief existiert das Vergangene trotz allem parallel zur Gegenwart. Es ist für die, die zur Gemeinde gehören, zwar Vergangenheit, aber es ist nicht vergangen. Es besteht immer die Gefahr, in „alte“ Verhaltensweisen zurückzufallen. 5 Damit dies nicht geschieht, ist Wachsamkeit nötig (5,14) – und die Fähigkeit, die Dinge nicht so zu nehmen, wie sie scheinen, sondern sie zu prüfen (5,10). Obwohl die Menschen mit Jesus gemeinsam Himmelsbewohner sind, sollen sie ihren Kopf nicht in den Wolken haben, sondern genau hinsehen, was geschieht, prüfen und unterscheiden, was Gott entspricht und was eben nicht. Insofern verhält es sich mit diesem Predigttext tatsachlich wie mit einer Phantasiereise: Nachdem sie zu Ende ist, reibt man sich die Augen und sieht klarer. Amen.

 

LIED: EG 347,1+2+4+6 „Ach, bleib mit deiner Gande“

FÜRBITTENGEBET – VATERUNSER

Gott, wir bitten dich: Lass uns deine Nähe, Gnade und Barmherzigkeit in unserem Leben erfahren. Befreie uns aus unseren Verstrickungen und unserer Entfremdung, dem Gefangensein in uns selbst, unseren Sorgen und Ängsten. Hilf uns, uns zu öffnen, zu sein, wer wir sind, und uns selbst anzunehmen. Hilf uns auch, andere anzunehmen, offen füreinander zu sein, uns besser zu verstehen, uns gegenseitig beizustehen und zu helfen, und so mitzubauen an einer besseren Welt, wie du sie gewollt hast. Schenke uns Hoffnung, Gott! In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was uns bewegt… Und mit den Worten Jesu beten wir: Vater unser…

SEGEN

Es segne und behüte dich Gott, der barmherzig und treu ist heute, morgen und alle Zeit. Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Annika Hofmann

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