Andacht 11. So. n. Trinitatis, 28.08.2022, von Pfarrerin Dr. Anna Scholz

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Friede sei mit Euch. Herzlich willkommen. Der Wochenspruch für diese Woche steht im 1. Petrusbrief und heißt: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Und das passt auch gut zu unsere Andacht heute, denn da gehts um ein Gleichnis, und zwar das vom Pharisäer und dem Zöllner. – Und so feiern wir die Andacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Lied: Oh komm du Geist der Wahrheit (EG 136,1)

Psalm 145 EG 756

Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich. Der Herr ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich. Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen. Gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine Herrschaft währet für und für. Der Herr ist getreu in all seinen Worten und gnädig in allen seinen Werken. Der Herr hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen. Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen. Amen.

Gebet

Gott wir danken Dir für diesen Tag. Wir danken dir für unsere Gemeinschaft. Sei du uns nah und gib uns deinen guten Geist. Öffne unser Herz, dass wir uns von deiner Kraft berühren lassen, hier im Gottesdienst und an allen Tagen. Amen.

LK 18,9-14

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.  Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.  Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!  Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. – Glaubensbekenntnis

Lied: Wohl denen, die da wandeln (EG 295,1-2+4)

Predigt

Liebe Leser*innen.

Wer hat das neueste I-Phone, wer das schönste Auto, wer den gepflegtesten Garten? Wer kommt die Karriereleiter am schnellsten nach oben, hat die meisten follower auf Insta und die meisten Likes bei facebook? Wer hat mit 40 die wenigsten Falten, wer hat die erfolgreichsten Kinder und das größte Haus in einer schönen Gegend? Ja, wer sagt nicht manchmal heimlich bei sich: Ach, wie gut, dass ich nicht so bin wie die! Ich habe zum Glück alles richtig gemacht, während der da, ja, der hat es sich eben versaut. Danke, Gott, dass ich nicht so eine bin! Oder Du denkst manchmal selbstzufrieden: Ja, ich hab vielleicht nicht so ein dickes Auto, wie die Familie von Nebenan, aber ich hab zumindest alles ehrlich verdient, während der da, dieser Zöllner, ja, der hat bestimmt irgendwelche krummen Geschäfte gemacht…So will ich ja gar nicht sein! Und ich mach es halt alles ziemlich richtig, ja, ich bin ein guter Mensch! Ich interessiere mich für die Nöte meiner Mitmenschen und helfe, wo ich kann, ich kaufe im Bioladen und selten Fleisch aus einer Massenproduktion, ich hab Ökostrom und ein energetisch saniertes Haus und wenn ich in den Urlaub fliege, dann spende ich natürlich den Co2-Ausgleich an eine wohltätige Organisation. Ich habe eine weiße Weste! – Ja, ich sag Euch was: Der Pharisäer da, der bin ich. Sein Gebet ist mir nah. Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute. Räuber. Ungerechte. Ehebrecher. Oder wie dieser Zöllner, der den Unterdrückern dient und erbarmungslos Geld eintreibt. Jetzt mal ehrlich. Dafür darf man doch wohl dankbar sein, dass man kein Unhold ist. Aber der Pharisäer ist der Buhmann, der Unsympath. Selbstgerecht und hochmütig.
Mir ist er sympathisch, denn er ist mir vertraut. Ich sehe ihn, wenn ich in den Spiegel schau, ich hör ihn aus meinem Mund sagen: ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin wie die andern Leute. Der Pharisäer bin ich. Denn klar, manchmal bin ich wirklich froh, das ich nicht bin wie manche anderen Leute. Solche, die verrückte Verschwörungstheorien glauben. Solche, die schreckliche Hassbotschaften in die Kommentarspalten im Internet schreiben. Ich finde es richtig, differenziert zu denken und nicht gleich eine schnelle Meinung herauszuschreien zu den Problemen in unserer Welt und unserer Gesellschaft. Ich finde das richtig, gegen Verleumdung und Hetze zu sein. Eben nicht so wie die, die wie ein wütender Mob auf andere losgehen.

Ja, ich bin eine Pharisäerin. – Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin, wie die anderen Leute. Räuber. Ungerechte. Auch in anderer Hinsicht! Denn ich gehöre schon auch zu den Leuten die denken, so richtig sucht sich das ja keiner aus, ein Krimineller zu werden. Wer wird schon geboren und nimmt sich vor „ich werde ein Dieb“? Es gibt ja auch Umstände, die es in einem Leben schwer machen, KEIN Räuber und Dieb zu werden. Ja, und dass ich das Glück hatte, in anderen Umständen leben zu können, darüber bin ich froh. Ich muss nicht stehlen und nicht betteln. Und konnte mir so ziemlich aussuchen, was aus meinem Leben werden soll. Ich bin privilegiert. Und dafür dankbar. – Und dann spür ich schon auch eine Verpflichtung, mich in dieser meiner Lage dafür einzusetzen, dass auch andere so eine Freiheit und so eine Wahl haben. Tja, aber was tu ich: Ich bin eben doch auch eine Räuberin. Ich kaufe meine Klamotten nicht fair trade, sondern sie werden von philippinischen Kindern oder chinesischen Arbeiterinnen genäht, die weder gut bezahlt, noch gut behandelt werden. Ich kaufe Sachen, die made in Bangladesh sind, obwohl ich weiß, was für Verhältnisse in den Fabriken dort herrschen. Und ein E-Auto haben wir auch nicht. Klar, ich geb mir Mühe, wie der Pharisäer. Spare Energie und gehe viel zu Fuß. Und kaufe vieles gebraucht und wenn´s geht dann auch noch bio. Spende für Brot für die Welt und die Diakonie. Aber das war´s dann wahrscheinlich auch schon. Ich bin Räuberin und Ungerechte, nur, dass ich dafür nicht ins Gefängnis komme. Und dass ich die Folgen meiner Taten nicht zu spüren bekomm.
Die Folgen meiner Taten bekommen andere zu spüren. Und was soll ich dann anderes sagen, als ich bin froh, dass ich nicht so bin wie die. Weil es mir natürlich vergleichsweise großartig geht, während andere dafür die Zeche zahlen. Und durch die Freiheiten, die ich mir nehme, keine Wahl mehr haben. Das ist eine harte Erkenntnis. Das kann man auch eigentlich nur mit Verdrängung ertragen. Aber Erkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Und ich versuchs ja auch. Will mich bessern, man sagt mir ja, wie es geht. Und scheitere. Selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge, ich bin Teil eines größeren Systems und halt wirklich nur ein sehr kleiner Teil.
„Strukturelle Sünde“ nennt das die Theologie. Dass Menschen ungleich behandelt werden, dass die Umwelt ausgebeutet wird, dass Menschen auf der Welt vollkommen unterschiedliche Chancen haben. Das ist ein riesiges Netz von Abhängigkeiten, wo ein Vergehen mit dem anderen zusammenhängt. Und in dem Netz häng ich auch drin und zapple, zappeln wir alle. Ich zapple mit deutlich mehr Spielraum als manche andere, ja. Und mir tut nix weh dabei. Aber so einfach komm ich aus der Nummer eben auch nicht raus. Mit dieser Erkenntnis kann ich mich nicht freikaufen von meiner Verantwortung. Und am Ende des Tages bleibt mir nichts anderes, als mich dann doch wie der Zöllner vor Gott zu stellen und zu sagen: Gott, sei mir Sünderin gnädig. Denn ich kann ja auch nicht raus aus meiner Haut. Als Mensch unter Menschen. Das Pharisäergebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen. Das hat seine Berechtigung. Das hat Sprengkraft. Damit verpflichte ich mich, zu versuchen, das einzusetzen, was in meiner Macht steht. Denn ich hab mehr Spielraum, von Geburt an, für die ich nichts kann. Mein Pharisäerinnengebet, mein Dank, der darf vor Gott.
Gott, sei mir Sünderin gnädig. So steh ich trotzdem vor Gott, wenn es mir bewusst wird, was das heißt. Dieser Verpflichtung und Verantwortung nachzugehen. Und doch als Mensch nur ein kleines Rädchen zu sein. Und verdrängen zu müssen, um nicht in Verzweiflung zu versinken. Mein Zöllnerinnengebet, das darf auch vor Gott. – Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Und vielleicht ist es ein und dieselbe Person. Amen.

Lied: Die ganze Welt hast du uns überlassen (EG 360,1+2+6)

Fürbitten / Stilles Gebet / Vaterunser

Gott wir danken dir, dass du immer wieder neu anfängst. Mit uns, auch wenn wir uns schuldig machen. Wenn wir manchmal blind sind gegenüber uns selbst und anderen. Du öffnest unsere Augen. Wir bitten dich für alle, die in ein Unheil verstrickt sind, das sie selbst angerichtet haben, oder in das sie einfach so hineingerutscht sind; sei du da mit deiner Gnade. Wir bitten dich für alle, die anderen helfen, einen guten Weg zu gehen: Mütter und Väter, Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Ärzt*innen, Freund*innen. Stärk sie in ihren Aufgaben. Wir bitten für alle, schuldig geworden sind und niemanden haben, der sich ihnen zuwendet. Und ihnen hilft, neu anzufangen. Wir bitten für alle Gefangenen, alle Räuber und Diebe, alle Betrüger. Für alle, die Fehler machen, für alle, die keinen Ausweg sehen. Wir bitten dich auch für uns selbst. – In der Stille sagen wir dir, was uns persönlich beschäftigt – Stille – Vater unser im Himmel,…

Lied: Bewahre uns Gott (EG 171)

Segen

Der Herr segne und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen +++

Bleiben Sie behütet und gesund! Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Pfarrerin Dr. Anna Scholz

 

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