Andacht 13.11.2022, Vorletzter So. d. Kj., (Volkstrauertag) von Pfarrerin Anna Scholz

  • Beitrags-Kategorie:Andacht
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Friede sei mit Euch. Es ist November. Ein dunkler Monat, eine Zeit der sogenannten stillen Feiertage. Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus. Volkstrauertag. Ewigkeitssonntag. Heute am Volkstrauertag denken wir an die Opfer der großen Weltkriege des letzten Jahrhunderts. Und wir denken an die Opfer der Kriege und Gewalttaten heute. Ja, die meisten von uns hier kannten Zeit ihres Lebens in unserem Land nur Frieden. Jetzt kommt ein Krieg uns so nah, hier an der Grenze Europas. Das macht Angst. Wir legen einen Kranz nieder zur Erinnerung an die Opfer damals und heute und bitten um Frieden, für unsere Welt aber auch für uns im kleinen in unserer Gemeinschaft hier im Ort.

Lied: Meine engen Grenzen (EG 584, 1-2)

Lesung Röm 12,15-21

Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.  Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.  Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.  Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«  Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«  Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Gebet

Ja, Gott. Mit allen Frieden haben. Das wünschen wir uns. Und doch fällt es manchmal so schwer! Wie oft wünschen wir uns Vergeltung, oder denken daran, uns zu rächen, wenn uns ein Unrecht widerfährt. Wer kann das schon verdenken? Und manchmal sinkt uns der Mut, wenn wir das Böse auf der Welt sehen, das Leid und die Gewalt, die Menschen einander antun. Woher sollen wir Hoffnung schöpfen? Bitte Gott, hilf uns, dass wir uns nicht von all dem Schrecken überwältigen lassen. Hilf uns, an das Gute zu glauben und darauf zu vertrauen, dass Tod und Dunkelheit nicht die stärksten Kräfte sind. Amen.

Lied: Meine engen Grenzen (EG 584, 3+4)

Andacht

Liebe Leser*innen,

Eine Altbauwohnung in Paris im November 2015. Spielzeug ist auf dem Boden verstreut, ein junges Paar liegt mit verstrubbelten Haaren und verschlafenen Gesichtern im Bett, in der Mitte ihr Kleinkind. Kurz darauf sieht man die drei in die Küche schlurfen, im Mixer brodelt die Bananenmilch für Söhnchen Melvil, Helene, die Mutter, zieht sich an und geht zu ihrer Arbeit, während Papa Antoine den Kleinen in den Kindergarten bringt und dann am Schreibtisch sitzt und versucht, seinen ersten Roman zu schreiben. Am Abend wieder Familientrubel, während Kleinkind Melvil in der Badewanne planscht, macht sich Helene voll Vorfreude fertig, um mit Kumpel Bruno auf ein Konzert zu gehen. Ein langer Abschiedskuss, ein fröhliches Winken vom Balkon und Helene verschwindet im Großstadtjungel. Antoine kuschelt mit Melvil auf dem Sofa, liest Bilderbücher vor und wartet schließlich, als der Kleine schläft, sehnsüchtig auf Helene´s Rückkehr. Eine idyllische Szenerie, zwei junge Leute mit Träumen und Plänen und viel Liebe ist spürbar unter ihnen, eine große Energie und das Leben liegt vor ihnen. Doch Helene wird nicht zurückkehren. Mitten in der Nacht wird Antoine vom Messenger seines Handys geweckt. „Seid ihr in Sicherheit, ist alles in Ordnung??“ schreiben Freunde. Antoine begreift erst nicht und schaltet dann den Fernseher ein. Was er sieht, lässt ihn erzittern und mit ihm viele Menschen vor vielen Fernsehern in der ganzen westlichen Welt. Geschehen ist ein Attentat auf den Club Bataclan, ja, den Club, in dem an diesem Abend 1200 junge Menschen zu einem Konzert der Eagles of Death-Metal zusammengeströmt sind. Ein Attentat von islamistischen Terroristen. Ein Angriff auf die Werte der freien Welt. Verzweifelt versucht Antoine, Helene anzurufen, sucht dann nachts mit seinem Bruder die Notaufnahmen der Krankenhäuser ab. Die Stadt liegt im Chaos. Stunden später die grauenhafte Gewissheit. Helene ist tot. Für Antoine bricht eine Welt zusammen. Er sieht die Gesichter der Terroristen im Fernsehen vorbeiflimmern und ist wie gelähmt. Wie im Nebel taumelt er durch die Tage, vorbei an Soldaten, die die U-Bahnhöfe und öffentlichen Gebäude bewachen. Er kann mit niemandem sprechen und findet auch für Melvil, der nach „Mama“ fragt keinen Trost. Doch kurz nach Helenes Beerdigung fließen plötzlich Worte aus ihm heraus. Er schreibt auf facebook eine Botschaft an die Mörder seiner Frau:

Meinen Hass bekommt ihr nicht

Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.“

Diese Botschaft des französischen Journalisten Antoine Leiris ging vor 7 Jahren um die Welt, war auf dem Titel von le Monde und der Süddeutschen Zeitung abgedruckt und wurde in den sozialen Medien hundertausendfach geteilt. Seine Geschichte ist verfilmt worden und läuft seit Donnerstag im Kino unter dem Titel „Meinen Hass bekommt ihr nicht“. Eine starke Botschaft, in der etwas davon durchklingt, was Paulus im Römerbrief schreibt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Ja, angesichts des Schreckens in der Ukraine und an so vielen anderen Orten auf der Welt, wo Krieg und Chaos herrschen und unsagbares Leid über Männer, Frauen und Kinder gebracht wird, klingt das fast naiv. Und wer wären wir, wenn wir es Menschen die unter Angriffen auf ihr Land, auf ihr Hab und Gut und auf das kostbarste überhaupt, ihr Leben, leiden, verwehren würden oder verübeln, dass sie zu Waffen greifen und ihre Freiheit verteidigen? Wer kann es verdenken, wenn jemand auf Rache sinnt, dem sein liebstes genommen wurde und das Grauen so jäh einbricht in ein Leben und alles mit einem Schlag zerstört? Das können wir nicht und aus einer Situation des Friedens heraus lässt sich leicht sagen: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“. Und doch ist Antoine Leiris Botschaft vielleicht eine Spur, wie das gehen könnte: Sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen. Denn wenn Hass unser Herz ergreift, dann zerstört das unsere Menschlichkeit. Und das Miteinander. Und am Ende uns selbst. Ich möchte glauben und hoffe und bete, dass das in kleinen Schritten gelingt: Das Böse mit Gutem zu überwinden. Sich nicht von der Angst auffressen zu lassen. Zwietracht und Misstrauen keinen Platz zu machen, auch wenn wir uns um manches sorgen, um Wohlstand, um Energiekosten, um Inflation. Oder sogar um Schlimmeres – eine atomare Katastrophe oder den Zusammenbruch unserer Gesellschaftsordnung. Wo die Angst gewinnt oder in Hass umschlägt, ist alles verloren! Meine Hoffnung ist es, dass alle Kugeln, die unschuldige Menschen töten, auch Gott eine Wunde ins Herz reißen. Und dass er uns nicht allein lässt in allem Elend. Ja, auch, dass er uns die Kraft geben kann, es zu versuchen: Frieden zu haben, wo es möglich ist und das dafür zu tun was wir selbst können, jede und jeder auf eigene Art. Vielleicht fängt es ja so an: „Freut euch mit den fröhlichen, weint mit den weinenden“. In Paris, bei Antoine und Melvil, da gelingt es, in kleinen Schritten. Melvil wird noch lange nach „Mama“ fragen. Und noch lange füllen sich Antoines Augen mit Tränen, wenn er die Sprachnachrichten auf seinem Handy abhört und Helenes Stimme hört. Aber er kann wieder ausgehen unter Leute. Mit Bruno, der den Anschlag überlebt hat, sprechen und in einem Club tanzen. Und mit Melvil ans Meer fahren und ihm Schwimmen beibringen, so wie Helene und er es geplant hatten. „Wir sind zwei, mein Sohn und ich“, schreibt Antoine, „aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.“ „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Lasst uns das versuchen. Amen.

Fürbittengebet/Vaterunser

Gott, wir bitten Dich um Frieden für unsere Welt. Wir bitten Dich um Lösungen in dem schrecklichen Krieg in der Ukraine, der nun schon so lange dauert und viele Lebensgeschichten zerstört hat. Wir bitten Dich um Hilfe! Bitte sei bei den Menschen, die mitten drin sind, lass sie in all dem Grauen nicht allein. Gott wir bitten Dich auch für die Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind, auch hier in unser Land und unseren Ort. Hilf ihnen, sich von dem Schlimmen zu erholen und hilf uns, ihnen dabei zu helfen. Wir bitten dich für unsere Gesellschaft, in der die Stimmung auch immer angespannter wird, zwischen Armen und Reichen, zwischen den politischen Gesinnungen. Bitte hilf, dass nicht denen, die Zwietracht verbreiten das Feld überlassen wird. Hilf uns, Vernunft zu bewahren und zusammenzuhalten. – Vater unser im Himmel,…

Lied: Bewahre uns Gott (EG 171, 1+3+4)

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. – Amen+++

Bleiben Sie behütet und gesund! – Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Pfarrerin Anna Scholz

 

Schreibe einen Kommentar