Andacht 13.So. n. Trinitatis, 29.08.2021, von Pfarrerin Anna Scholz

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Der berühmte Künstler Joseph Beuys , der in diesem Jahr hundert geworden wäre, hat es mal gesagt: Es gibt eine unsichtbare und es gibt eine sichtbare Welt. Zur unsichtbaren Welt gehören die nicht wahrnehmbaren Kraftzusammenhänge und Energieabläufe; gehört auch das, was man gewöhnlich das Innere des Menschen nennt. Der Mensch ist eine Bodenstation für etwas viel Größeres, und Kunstwerke sind Erdstationen, die etwas aus sich entlassen, was metaphysischen, spirituellen Charakter hat.“

Und man kann es auch einfacher sagen: Kunstwerke geben uns etwas zu sehen, was mehr ist, als vor Augen ist. und so ähnlich ist es auch mit der Religion. Die Kunst lässt uns mit dem Herzen sehen. Und unser Glaube tut das auch. In der Kunst wirken schöpferische Kräfte. Und von solchen schöpferischen Kräften erzählen auch die Geschichten, Worte, Texte und Bilder unserer religiösen Tradition, ja, auch von den schöpferischen Kräften, die in uns selbst sind. Liebe, Phantasie, Freiheit. Joseph Beuys hat auch gesagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Damit meinte er genau dies: dass in jedem Menschen eine Kraft ist, mit der die Dinge verändert werden können. Mit der Neues geschaffen wird und neues in die Welt kommt. Schöpferkraft eben. Darum geht es heute.

Lied: du hast uns, Herr, gerufen (EG 168,1-3)

Psalm 104 in Auszügen

Lobe den Herrn, meine Seele. Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich, du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus, wie einen Teppich. Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die Du schaffest. Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet. Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich, der Herr freue sich seiner Werke Halleluja!

Gebet

Gott, wie wunderbar ist deine Welt. Voll von Schönheit und Kraft und trotzdem zerbrechlich und mit Rissen überall. So, wie auch wir Menschen: Kostbar und einzigartig, schöpferisch , phantasievoll und auch zerstörerisch, dunkel und kalt. Gott wir bitten dich, schenk uns deine Kraft zum Guten, zum Lieben, zum Leben. Hilf, dass wir die Welt in deinem Licht sehen, dass wir einander mit deinen Augen anschauen. Hilf uns, dem zarten, kleinen, liebevollen in uns einen Teppich auszubreiten und uns an deinen Werken zu erfreuen, denn bei dir ist Weisheit und Herrlichkeit heute und an allen Tagen. Amen

Lied: Du meine Seele, singe (EG 302, 1+2)

Andacht

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dunkel war es noch. Eine kalte Stille im Nichts. Und dann breitete er einen Himmel aus, wie einen Teppich voller Licht. Und machte Berge und Wasser und fruchtbares Land. Und dann bastelte er und formte. Knetete sein Material liebevoll in den Händen. Erst das Grobe. Und dann Stückchen für Stückchen, machte kleine Rundungen an die Blätter der Eichen, besah sich jeden einzelnen Grashalm, tupfte hie und da einen Punkt auf zarte Schmetterlingsflügel. Und er machte für manche Tiere ein weiches Fell und für andere ein Federkleid, prachtvoll und glänzend. Und vielleicht strich ihm dabei eine schnurrende Katze um die Beine. Und er besah sich alles und dann machte er weiter. Gestreifte Bienen und schwarze Krähen. Und Mäusebussarde und Rehe mit tiefgründigen dunklen Augen. Und grunzende Wildschweine und hoppelnde Hasen, die setzte er vorsichtig ins Gras. Und er machte kleine Puschel an die Ohren der Luchse, weil es ihm so gut gefiel. Und Fische mit schillernden Schuppen. Und an Bäume und Sträucher hängte er Früchte in leuchtenden Farben. Und er besah sich alles. Und es war gut. Und dann schaute er ein bisschen vor sich hin. Da merkte er, was ihm noch fehlte in seinem Werk. Behutsam begann er, klopfte und meißelte, strich sanft mit seiner Hand darüber, und zeichnete mit seinem Pinsel, geschwungene Linien und formte mit seiner Hand. Und dann, dann atmete er tief ein. Und er blies seinen eigenen Atem hinein in dies letzte Werk seiner Hände, den Menschen. Und in Gottes Atem, da war Liebe. Und Phantasie. Und Freiheit. Und die Menschen gingen los. Und waren fruchtbar und mehrten sich. Und der Atem Gottes war in ihnen. Und sie fingen an und bauten und klopften und meißelten und schufen neue Dinge in Gottes Welt hinein. Und machten sie zu ihrer eigenen Welt. Und sie sahen alles mit ihren Menschenaugen. Und bearbeiteten alles mit ihren Menschenhänden. Und manchmal ging dabei etwas kaputt. Und Gottes Welt bekam Risse. Und Gottes Himmel verdunkelte sich von Zeit zu Zeit und die Menschen konnten ihn nicht immer sehen. Und manchmal machten die Menschen auch aneinander etwas kaputt. Und sie bekamen selbst Risse. Und durch die entwich hie und da ein bisschen was von Gottes Atem, der in ihnen war. Und sie atmeten mit Menschenatem weiter. Und sie machten Gottes Freiheit zu ihrer eigenen. Dabei vergaßen sie hin und wieder, dass Gottes Atem in ihnen war, der Atem aus Liebe und Phantasie. Und sie wurden hart und manchmal bröckelte etwas von ihnen ab. Einmal gab es einen, der war ein bisschen anders. Ein Sohn eines Handwerkers war er. Und er hatte keinen Riss und deshalb atmete er mit Gottes Atem. Und schaute mit Gottes Augen. Und erzählte Gottesgeschichten in der Welt der Menschen. Und damit wurde sie wieder ein bisschen mehr zu Gottes Welt. Und einmal zum Beispiel, als die Menschen gerade mal wieder ganz besonders hart und bröckelig miteinander waren und Steine von der Erde aufhoben und sie werfen wollten, da saß er da und malte mit seinem Finger im Sand. Und es entstand eine Spur Gottes, aufs Neue. Und die Menschen ließen die Steine fallen, für einen Moment. Und ein paar von ihren Rissen schlossen sich für einige Zeit. Und sie atmeten tief ein und der Atem Gottes strömte zurück, durch sie hindurch. Und sie spürten etwas von der Liebe und der Phantasie, die in ihnen war. Und auch, als sie diesen Menschen, der da im Sand gesessen hatte und Gottes Spur wieder in die Welt hineingezeichnet hatte, kaputt gemacht hatten, da blieb etwas davon da, von diesen Linien im Sand und von der Liebe und der Phantasie. Und auch, wenn die Menschen weiterhin Risse hatten und immer mal wieder etwas zerbröckelte, dann spürten sie doch, dass es eigentlich anders sein konnte. Und sie schauten von Zeit zu Zeit in den Himmel und dann sahen sie ihn so, wie Gott ihn gemacht hatte, wie einen leuchtenden Teppich, der für sie ausgebreitet war. Und sie sahen mit ihren Menschenaugen und sie machten mit ihren Menschenhänden Dinge, durch die man etwas davon sehen konnte, vor allem mit dem Herzen, was als Atem Gottes in ihnen war. Und das tun sie auch jetzt noch hin und wieder. Sie atmen mit Gottes Atem und schenken einander Liebe und erzählen einander phantastische Geschichten von Gottes Himmel und sie machen mit ihren Menschenhänden Werke, die ihnen etwas zu sehen geben, von dem, was nicht immer mit Menschenaugen zu sehen ist, aber vielleicht mit dem Menschenherzen. Die schöpferische Kraft aus Liebe und Phantasie, die in den Menschen da ist. Und von der ihre Kunstwerke erzählen, auch die, in denen man etwas von den Rissen und dem Bröckeligen in den Menschen erkennt. Vielleicht sogar gerade diese. Halleluja. und Amen.

Lied: Geh aus mein Herz (EG 503, 1.2.8)

Fürbittengebet/Vaterunser

Gott, du, unser Schöpfer.

Kunstvoll hast du die Welt gestaltet. Künstlich und fein hast du auch uns bereitet. Hilf uns, daraus etwas zu machen. Hilf uns, deine Kraft in uns wirken zu lassen. Liebe zu verschenken, Phantasie zu haben und sie einzusetzen für unsere Welt, dass wir sie erhalten, so wie du sie gedacht und gemacht hast. Hilf uns, das zu erkennen, nicht hart und blind zu sein gegenüber

den Wunden, die deine Schöpfung hat und die wir einander zufügen. Hilf uns, Künstler zu sein die die Dinge, die gut sind, bewahren und neue in die Welt hineinzuschaffen. Hilf uns, Zerbrochenes heil zu machen.

Wir legen alles, was uns persönlich bewegt in das Gebet, das wir von Jesus selbst haben und sprechen das Vaterunser….

Lied: Du hast uns, Herr, gerufen (EG 168,4-6)

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen, Amen, Amen

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Pfarrerin Anna Scholz

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