Andacht 16. So. n. Trinitatis, 19.09.2021, Pfarrerin Annika Hofmann

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Der Friede Gottes sei mit dir! Ich begrüße Sie heute am 16. Sonntag nach Trinitatis, dessen Thema Gottes Macht über den Tod, seine Barmherzigkeit und Güte ist. So heißt es auch im Wochenspruch für die kommende Woche, der im 2. Brief des Timotheus steht: „Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2Tim 1,10b)

LIED: EG 450,1-3 „Morgenglanz der Ewigkeit“

PSALM: Ps 71,1.17-21

Bei dir, Lebendige , habe ich mich geborgen, lass mich nicht für immer scheitern. Gott, du hast mich unterwiesen seit meiner Jugend, und noch jetzt erzähle ich von deinen wunderbaren Taten. Auch bis zum Alter, bis zum grauen Haar, verlass mich nicht, Gott – bis ich der nächsten Generation von deinem Arm erzähle, allen Kommenden von deiner Stärke, und von deiner Gerechtigkeit, die bis zum Himmel reicht, Gott. Du hast Großes getan. Gott, wer ist wie du? Du hast uns Bedrängnisse sehen lassen – zahlreich und unheilvoll. Kehr um, belebe uns wieder, aus den Tiefen der Erde kehr um, führe uns herauf. Du wirst mich groß machen, dich wenden, mich trösten.

GEBET

Barmherziger Gott, wir wissen um uns und unsere Fehler und Versäumnisse, um unsere Umwege, die wir gehen, oft genug an dir vorbei oder ohne dich. Und doch schenkst du uns immer wieder deine Barmherzigkeit. Wir danken dir für deine Güte und Treue, mit der du um uns bist und unser Leben begleitest. Und wir bitten dich: Bleibe uns nahe, was immer wir auch tun, wohin auch immer wir gehen. Amen. LIED: EG 613,1-4 „Freude, dass der Mandelzweig“

LESUNG: Klgl 3,22-26.31-32 22

Die Güte Gottes ist’s, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24 Gott ist ein Teil von mir, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. 25 Denn Gott ist freundlich zu denen, die auf ihn harren, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist gut, geduldig zu sein und auf die Hilfe Gottes zu hoffen. 31 Denn Gott verstößt nicht ewig, 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

PREDIGT

Liebe Gemeinde, es wird zwar gerne gejammert, jedoch meist nicht laut geklagt. Denn das kommt in der Regel nicht gut an. Lautes Klagen hat aber Vorteile, denn es entlastet. Das Herumjammern dagegen bringt fast nur Nachteile. Das Problem wird nicht gelöst, man zieht sich selbst immer weiter nach unten. Jammern will und kann nichts ändern. Dagegen ist das Klagen ernster, es will etwas, ist intensiver. So nun auch in den Versen des Klageliedes, die wir als Lesung gehört haben. Der Beter ist in einer ziemlich brenzligen Situation. Es ist ca. 587 v. Chr. und der Jerusalemer Tempel ist – wie die gesamte Stadt Jerusalem – durch die Babylonier zerstört worden. Auf die Zerstörung folgte das babylonische Exil; die Stadt war besetzt, die Oberschicht nach Babylon verschleppt, die Religion und Kultur ernsthaft gefährdet. Wie soll es nur weitergehen? Kann es das überhaupt? Und so betet dieser Mensch in dieser sehr gedichtartigen Form. Warum macht er das? Ich denke, manchmal ist es einfacher, in einer festen Form zu klagen oder zu beten. Einige Menschen beten schlicht das Vater Unser, wenn sie beten, ohne ihre spezifischen Wünsche, Klagen, usw. einfließen zu lassen. Oder sie beten die 1000e Jahre alten Psalmen, alte Gebete in fester Form, die es den Menschen einfacher machen zu beten. Selbst Jesus spricht am Kreuz hängend einen Psalmvers: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ Die feste Form kann helfen, wenn man selbst keine Worte mehr findet. Der Mensch, der diese Zeilen betete, muss also wahrhaft verzweifelt gewesen sein. Wir kennen solch ein Gefühl der Verzweiflung, der Sinnlosigkeit, der Ausweglosigkeit, des Ausgeliefertseins – kurz: ein Gefühl existentieller Angst. In solchen Situationen reagieren die Menschen sehr unterschiedlich. Dabei gibt es wahrscheinlich so viele Wege, wie es Menschen gibt. Und dennoch möchte ich 3 mögliche und auch nicht ungewöhnliche Wege skizzieren. Denken wir mal an einen Menschen, der grundlos und unverschuldet in eine solche schwierige Lage geraten ist, z.B. durch eine schwere Krankheit. Die 1. Möglichkeit der Reaktion ist die schiere und pure Verzweiflung. Zunächst die Ausweglosigkeit und dann zunehmend auch die Sinnlosigkeit des Geschehens sind der Grund für die Verzweiflung. Eine Krankheit hat häufig keine Gründe. Und genau das ist das Problem. Da stellen wir uns die Fragen: Warum ich? Warum nicht jemand anderes? Warum überhaupt Krankheit und Leid? Wenn es keine Antworten auf diese Fragen gibt, dann folgt oft die totale, pure Verzweiflung. Wer in so eine tiefe Verzweiflung gerät, hat kaum noch Raum, zu handeln. So ein Mensch kann sich in dieser Situation kaum noch aufrecht halten. Daher gibt es noch eine 2. Möglichkeit des Umgangs mit ausweglosen Situationen: Ich versuche, der Sache einen Sinn in die Situation hinein zu geben. Das klingt dann so: Das soll wohl so sein bzw. das sollte wohl nicht sein, seit meiner Krankheit lebe ich viel intensiver. Oder auf der Glaubens-Ebene: Vielleicht ist es eine Strafe Gottes für meine Sünden oder es ist eine Prüfung wie bei Hiob und ich muss mich nur bewähren. So eine Reaktion ist in Ordnung. Und zwar nicht nur, weil es den Leuten hilft, klarzukommen und weiterzumachen, sondern weil es in vielen Fällen vielleicht wirklich stimmt. Wer einmal sehr krank war, wird anders auf sein Leben blicken und manches anders sehen. Doch die Dinge, die hier über Gott gesagt werden, sagen – nach meinem Verständnis – mehr über die Menschen aus als über Gott. Wir brauchen diesen höheren Sinn für unser Leiden. Das darf einfach nicht sinnlos sein. Und da ist Gott ein ausgezeichneter Sinnstifter. Das zeigen auch die Psalmen und Klagelieder. Aber es gibt auch noch eine 3. Möglichkeit, mit einer sinnlosen Lage umzugehen: einen Sinn außerhalb der Situation suchen oder die Sinnlosigkeit aushalten. Lassen Sie mich hier ein konkretes Beispiel nennen, damit es anschaulicher, verständlicher wird. Es ist Mai 1943. Der Aufstand im Warschauer Ghetto dauert schon einige Wochen. Die dort eingepferchten Juden wehrten sich gegen die Deportation in KZs. Doch nun ist es aus. Das Ghetto wird mit Artilleriefeuer beschossen. Viele Häuser brennen. Jossel Rackower sitzt in einem der letzten Häuser im Ghetto, das noch nicht brennt, es ist nur eine Frage der Zeit. Da legt Rackower folgendes verzweifeltes Bekenntnis ab: „Du, Gott, sagst, wir haben gesündigt. Natürlich haben wir gesündigt, dass wir dafür bestraft werden – auch das kann ich verstehen. Ich will aber, dass Du mir sagst, ob es eine Sünde in der Welt gibt, die eine solche Strafe verdient? Ich sterbe ruhig, aber nicht befriedigt, ein Geschlagener, aber kein Verzweifelter, ein Gläubiger, aber kein Betender, ein Verliebter in Gott, aber kein blinder Amensager. Ich bin ihm, meinem Gott, nachgegangen, auch wenn er mich von sich geschoben hat, ich habe sein Gebot erfüllt, auch wenn er mich dafür geschlagen hat, ich habe ihn liebgehabt und war und bin verliebt in ihn, auch wenn er mich zur Erde erniedrigt, zu Tode gepeinigt, zur Schande und zum Gespött gemacht hat. Und das sind meine letzten Worte an Dich, mein zorniger Gott: Es wird Dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an Dich glaube, damit ich an Dir verzweifle! Ich aber sterbe, genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an Dich. Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einig und einzig!“ Was macht dieser Mann in seiner ausweglosen Lage? Zunächst einmal spricht er der Lage jeden Sinn ab! So viel Ungerechtigkeit, Leid und Schrecken kann keinen Grund haben, kann keinen Sinn haben. Soviel Leid kann man nicht verdient haben. Der sog. TunErgehens-Zusammenhang wird vom Tisch gefegt. Ein gutes Verhalten hat eben nicht zwingend auch ein gutes Schicksal zur Folge. Ich kann ein noch so guter Mensch sein und trotzdem kann ich schwer krank werden, einen Unfall haben oder es passiert sonst irgendwas Schlimmes. Dass das schreckliche Geschehen überhaupt keinen Sinn macht, das hat aber bei Rackower gerade nicht zur Folge, dass er sich von diesem Gott abwendet. Nein, genau im Gegenteil, er hält bockig und stur an ihm fest. Er will an ihm festhalten, egal wie. Was gewinnt er dabei? Warum soll er nicht diesen Gott, der ihn ja nur von sich geschoben hat, loslassen? Durch sein stures Festhalten an Gott gewinnt er zunächst einmal überhaupt die Möglichkeit zu klagen. Ohne etwas oder jemanden, an den man seine Klage richten kann, der sich die Klage auch anhört, macht klagen ja überhaupt keinen Sinn. Er gewinnt dabei einen Angeklagten für seine Anklage. Gott stellt sich als dieser Angeklagte zur Verfügung. Und Jossel Rackower tut noch etwas, indem er an Gott bockig fest- hält: Er hält die Sinnlosigkeit im Hier und Jetzt aus, er schafft es irgendwie, den Sinn außerhalb der Situation zu suchen. Natürlich schimpft er, natürlich klagt er an, aber genau darin kann er die Ausweglosigkeit und v.a. die Sinnlosigkeit aushalten. Und die letzte Verantwortung abgeben, an Gott. Noch ein anderes Beispiel: Dietrich Bonhoeffer schreibt ein Gedicht, das wir alle als Lied kennen: Von guten Mächten wunderbar geborgen. Dieses Gedicht schreibt er für seine Familie zu Weihnachten 1944. Und zwar im Gefängnis. Zuvor waren brisante Dokumente aufgetaucht, die sein Schicksal besiegelten. Es war klar, dass er da nicht mehr lebend rauskommen würde. 2 Wochen später wurde er vom Gefängnis ins KZ gebracht, 3 Monate später kurz vor Kriegsende hingerichtet. Dieses Gedicht war sein vorletzter Brief an seine Familie. Wider Erwarten klagt er hier nicht, er beschwert sich nicht, er versucht nicht, die Lage irgendwie zu erklären, der Sache einen Sinn zu verschaffen. Er kann sagen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Welch ein Vertrauen! Was für eine Gelassenheit! Und das kann er eben, genau wie Jossel Rackower, weil er den Sinn nicht in der Situation suchen muss, sondern einen letzten Sinn bei Gott lassen kann, ihm allein die letzte Verantwortung überlassen kann. Bonhoeffer kann getrost warten, auf das, was kommen mag. Er muss nicht versuchen, der Situation einen Sinn zu geben. In der Gewissheit, dass nicht bei ihm der letzte Sinn, die letzte Verantwortung liegt, sondern bei Gott, kann er seine ausweglose Lage für sich in den Griff bekommen. Und nun von diesen beeindruckenden Persönlichkeiten zurück zu unserem Predigttext. Hier finden wir große Ähnlichkeiten zu Bonhoeffer und Rackower. Der Klagelied-Dichter ist auch in einer ausweglosen Lage, und er schreibt bzw. redet auch mit seinem Gott. Dabei ist das, was beim ersten Hinhören nach Lob klingt, gleichzeitig auch Anklage, wie bei Rackower, nur etwas weniger direkt. Ja, die Gnade Gottes hört nicht auf, seine Barmherzigkeit hat noch lange kein Ende. – Stimmt doch, oder, Gott? Du wirst dich unser wieder erbarmen, stimmt‘s? Jeden Morgen erbarmt er sich von Neuem. Gott, deine Treue ist unfassbar groß! – Also bitte, wann ist denn dieser neue Morgen? Ich warte auf Dich und deine Hilfe! Gott ist ein Teil von mir, spricht meine Seele, daher hoffe ich auf ihn! – Du gehörst doch zu mir, und ich zu Dir, wir sind Teile voneinander, du kannst mich doch nicht im Stich lassen. Ich hoffe und vertraue auf Dich, weil wir untrennbar zueinander gehören. Gott ist freundlich zu denen, die auf ihn hoffen und nach ihm fragen. – Ich habe Dich gesucht, warte auf Dich, habe alles getan, was du wolltest. Ich warte auf deine Hilfe! Ich warte… Und ich werde weiter warten! Denn er verstößt nicht für immer, er wird wieder freundlich sein. – Du verstößt uns vielleicht jetzt, jedenfalls sieht es gerade so aus, aber du wirst auch wieder freundlich zu uns sein. Stimmt‘s? Ich weiß das! Nach all diesen furchtbaren Ereignissen, wirst du uns bald wieder freundlich gestimmt sein! Das weiß ich, darauf vertraue ich! Denn hat er betrübt, so erbarmt er sich wieder nach seiner großen Güte. – Ja, du betrübst uns! Und wie! Betrüben ist gut gesagt, wir leiden! Wir sind am Ende! Und du weißt, dass wir das nicht verdient haben, also erbarme dich doch endlich! So lese und verstehe ich diesen Text. Auf den ersten Blick lobt er fast nur. Doch im Grunde höre ich dahinter Anfragen und Anklagen. Doch wie schon Jossel Rackower lässt er seinen Gott nicht los. Hält stur an ihm fest und kann die Situation so aushalten. Wie Bonhoeffer kann er vertrauen, ohne einen Anlass dafür zu sehen, kann hoffen, ohne einen Sinn suchen zu müssen. Nun sind wir alle keine Bonhoeffers, Rackowers oder Klagelied-DichterInnen. Wir sind nicht im brennenden Warschauer Ghetto, nicht im Nazi-Knast, nicht in einer vom Feind belagerten Stadt oder im Exil. Und doch kennen wir solche Situationen, in denen alles keinen Sinn mehr macht, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Und da wünsche ich uns allen, dass wir nicht daran verzweifeln. Vielleicht doch einen Sinn finden können, um daran nicht zu zerbrechen. Oder die Sinnlosigkeit im Vertrauen auf Gott aushalten können, in der Gewissheit, dass es nicht in unserer letzten Verantwortung steht. So, dass vielleicht auch wir sagen können: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Amen.

LIED EG+ 6,1-4 „Von guten Mächten“

FÜRBITTENGEBET – VATERUNSER

Guter Gott, Du bist ein Gott der Barmherzigkeit. Die Schöpfung lebt durch dich. Wir danken dir, dass du gütig bist. Wir hoffen auf deine Barmherzigkeit und bitten für deine Welt. Wir bitten um Frieden für diese Welt. Hilf denen, die Brücken bauen, die Brot und Medikamente zu den Schwächsten bringen, die unerschrocken am Vertrauen festhalten. Behüte und bewahre die Flüchtlinge auf ihren gefahrvollen Routen, die Verfolgten in Lagern und Gefängnissen, die Frauen und Kinder in Afghanistan und Syrien. Wir hoffen auf deine Barmherzigkeit. Du bist das Leben – erhöre uns. Wir bitten um Versöhnung von Verfeindeten. Hilf denen, die guten Willens sind, die der Gerechtigkeit dienen, die miteinander um die Wahrheit ringen. Erinnere uns an dein Wort und mahne die politisch Verantwortlichen, diejenigen, die Recht sprechen, und alle, die sich um ein öffentliches Amt bewerben. Wir hoffen auf deine Barmherzigkeit. Du bist das Leben – erhöre uns. Wir bitten um Heilung für die Kranken, um Kraft für die Pflegenden, um Hilfe für die Flutopfer, um Hoffnung für die Verzweifelten, um Trost für die Trauernden. Wir hoffen auf deine Barmherzigkeit. Du bist das Leben – erhöre uns. 8 Wir bitten für deine Gemeinde in aller Welt, für unsere jüdischen Geschwister unter den Laubütten, für unseren Ort und für alle, die zu uns gehören. Auf deine Güte hoffen wir, nach deiner Barmherzigkeit suchen wir, durch deine Liebe leben wir. Du bist das Leben – erhöre uns.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

SEGEN

Es segne und behüte dich Gott, der barmherzig und treu ist, heute, morgen und allezeit. Amen.

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Annika Hofmann!

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