Andacht 2. Advent, 05.12.2021 von Pfarrerin Anna Scholz mit Texten von Probst i.R. Helmut Wöllenstein

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Wir kommen zusammen – jetzt im Advent. Wir lassen los, was uns treibt, was wir tun und planen, was uns Kummer macht. Wir freuen uns an dem, was da ist: Lichter, Gesichter, Musik, Stille, ein gutes Wort. – Anders als die vielen Engel, die wir jetzt überall sehen –   und doch genau in ihrem Sinne: Ein Gruß aus Gottes Welt.

Psalm 67

Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse uns sein Antlitz leuchten, dass man auf Erden erkenne seinen Weg, unter allen Heiden sein Heil. Es danken dir, Gott, die Völker, es danken dir alle Völker. Die Völker freuen sich und jauchzen, dass du die Menschen recht richtest und regierst die Völker auf Erden. Es danken dir, Gott, die Völker, es danken dir alle Völker. Das Land gibt sein Gewächs;   es segne uns Gott, unser Gott! Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn!

Gebet

Botschaften von Dir, Gott, danach sehnen wir uns, auch wenn sie klein sind, unscheinbar, am Rand aufklingen. Jetzt vor dem großen Fest, sag uns deine Botschaften. Schick uns deine Boten. Lass dich sehen und hören. Wir warten. Wir sind schon ganz Ohr. Amen.

Andacht: „Der Engel, der übrig blieb“

Vor Jahren gab es in dem schönen Park in Hofgeismar, wo ich meine Kindheit verbracht habe eine gewaltige Eiche. Von dieser Eiche gibt es eine wunderbare „Engelsgeschichte“, die Helmut Wöllenstein, bis vor Kurzem Propst im Sprengel Marburg, aufgeschrieben hat. Als junger Mann war er Studienleiter am Predigerseminar Hofgeismar und unser Nachbar. In dieser Zeit hat sich die Geschichte ereignet, die er als Andacht für dieses Jahr zur Verfügung gestellt hat. Und weil ich selbst mit dieser Eiche auch so viele Erlebnisse und Erinnerungen verbinde, teile ich diese Geschichte mit Euch, ganz leicht verändert, aber im Wesentlichen, wie er sie aufgeschrieben hat:

 

Die Eiche: Sie stand ganz frei auf einer großen Wiese. Eine Lust für die Augen. Verlockend, zwar nicht davon zu essen, wie es von dem Baum im Paradies erzählt wird, aber doch darunter zu sitzen. Oder als Kind hineinzuklettern. Eines Morgens war der Gigant gefallen. Die alten Wurzeln hatten im sumpfigen Wiesenboden keinen Halt mehr gefunden. Er wurde zersägt, das Holz abtransportiert von einem Trommelbauer. Er wurde verheizt. Auf der blankgefegten Wiese blieben nur noch ein paar Reste liegen: Kleine Ästchen, Rinde, Splitter. Darunter dieses Stück Holz. Es stammte irgendwo tief aus dem Fleisch des Baumes. Durch zufällige Überschneidung fräsender Kettensägen war es entstanden. Ein zitterndes Restchen. Zwar noch etwas von der wilden Kraft der Eiche in sich tragend, von ihren langen groben Fasern. Und doch jetzt ganz zerbrechlich, verwundet, angesägt, leicht. Ein Engel, dachte einer, der es liegen sah, ein Stück von der Seele des Baumes. Und dieses Stück ging mit ihm, fast von selbst. Ohne zu zögern. Er half dem Stück Holz ein wenig, so dass es aufrecht stehen konnte, und stellte es von da an ganz nah an seinen Arbeitsplatz. Das soll ein Engel sein? Man sieht keine Hände, kein Gesicht. Splittriges Holz statt Federn und statt einem weißen Gewand raue Sägekettenspuren. Flügel kann man vielleicht ahnen. Was ist das für eine Gestalt? Auch derjenige, der sie in seinem Zimmer stehen hat, sucht nach einem Namen. Ist es „Der Engel des Verschwindens“, fragt er sich – oder: „Der Engel, der übrig blieb“?

Manchmal steht er nur da an seiner Stelle und schweigt. Manchmal hat er eine Botschaft. Er sagt seinem Betrachter ganz schlichte, starke Dinge. Er erinnert daran, wie schnell sich etwas ändern kann. Wie schnell etwas, das groß und stark war, fallen kann. Und sagt dann mit einem verschmitzten Lächeln, dass nicht nur ein runder starker Baum schön ist – nicht nur das Große, Erhabene, Lebendige, Gesunde, Beachtung verdient, sondern auch noch der Splitter, der von seinem Holz abfiel und liegen blieb. Er sagt: Sei vorsichtig mit Deinen Bewertungen. Sieh, wie verletzlich das Leben ist, deins und das der anderen. Und sieh auch, wie stark das sein kann, was übrigbleibt. Achte das Kleine, den Rest, die Spur.

Der Engel, der übrig blieb. Er erzählt vom Vergehen und vom Vorübergehen. Er weiß, welche Ausstrahlung im Verschwinden liegen kann. – Von Gott selbst wird in der Bibel erzählt, wie er vorübergeht. Und dass er sich gerade im Vorübergehen zeigt. Zum Beispiel bei Mose, der Gott von hinten schauen darf (2. Mose 33, 18 – 23). Oder wie bei Elia, der Gott erst vernimmt, als Donner und Sturm verklingen, in einem leisen Flüstern (1. Könige 19, 11-13). Von vielen Engel wird in der Bibel erzählt, dass sie erst im Moment des Verschwindens als Boten Gottes zu erkennen sind. Doch mit dem Bild eines solchen Engels soll man wohl gar nicht so viel reden, sondern lieber auf ihn hören. Vielleicht sagt er Dir: Gib acht auf das, was Du hast. Hüte das Kleine. Achte auf den Rest, der dir so viel Trost schenken und aus dem so viel neues Leben wachsen kann. – So wie wir es jetzt im Advent feiern. „Jetzt im Advent: Achte auf das Leise. Dann beginnt es zu sprechen.“ Amen.

Lied: Wie soll ich dich empfangen (EG 11)

Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn‘ ich dir? / O aller Welt Verlangen, / O meiner Seelen Zier! / O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei, / damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.

Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin, / und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn. / Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis / und deinem Namen dienen, /so gut es kann und weiß.

Was hast du unterlassen / zu meinem Trost und Freud? / Als Leib und Seele saßen / in ihrem größten Leid, / als mir das Reich genommen, / da Fried und Freude lacht, / da bist du, mein Heil, kommen / und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden, / du kommst und machst mich los; / Ich stand in Spott und Schanden, / du kommst und machst mich groß. /
Und hebst mich hoch zu Ehren / und schenkst mir großes Gut, /
das sich nicht läßt verzehren, / wie irdisch Reichtum tut.

Nichts, nichts hat dich getrieben / zu mir vom Himmelszelt. /
Als das geliebte Lieben, / amit du alle Welt / in ihren tausend Plagen / und großen Jammerlast, / die kein Mund kann aussagen, / so fest umfangen hast.

Fürbittengebet / Vaterunser

Schick uns deine Engel, Gott, uns und allen, die dich brauchen. Lass dich jetzt hören, wo Menschen einsam sind, ohne Familie oder in der Familie.   Bei denen die stumm geworden sind,   oder die mitten in Lärm und Gerede stecken.

Schick uns deine Engel, Gott, uns und allen, die dich brauchen. Lass dich sehen, für einen Augenblick: Als etwas Helles im Dunkeln, als bergendes Dunkel im gleißenden Licht. Du mit deinem freundlichen Blick.

Schick uns deine Engel, Gott, uns und allen, die dich brauchen. Lass dich spüren und berühren.   Zeig uns dein Kind: Neues Leben in unserer Erschöpfung. Aufwachen in unserer Gleichgültigkeit. Rauskommen aus der Corona-Wüste. Weniger kaufen, besitzen und verbrauchen als wir gewohnt sind. Aber mehr Freude. Das wäre wunderbar!

Vater unser im Himmel,…

Gott segne dich und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Amen.

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