Andacht 2. So. n. Trinitatis 26.06.2022 von Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Der Friede Gottes sei mit euch. Amen – Gott lädt uns ein; er ruft uns zu sich, wie es uns im heutigen Wochenspruch zugesprochen wird: „Kommt her zur mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Lied: Du hast uns, Herr, gerufen (EG 168,1-3)

Psalm 36 (EG 719)

Gebet

Herr, unser Gott, wir sind eingeladen in die Gemeinschaft mit dir. Öffne unsere Herzen und Sinne, dass wir deinen Ruf vernehmen und erkennen, was wir brauchen und was wir anderen geben können. Gib uns Augen für das, was du uns schenken willst. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen

Bibeltext Jona 3,1-10

Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage! Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der Herr gesagt hatte.  Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Ansprache

Liebe Leser*innen, für manches Leben brauchen wir einen zweiten Anlauf: den Führerschein, Prüfungen in der Schule, zur Ausbildung oder auch bei Weiterbildungen im Beruf, gelegentlich auch bei der Partnerwahl. Manche haben das Gefühl, sich zur Mitte ihres Lebens noch einmal neu erfinden und ein zweites Mal durchstarten zu müssen. Das nennen wir dann Neudeutsch: Midlifecrisis. Während wir darüber schon mal den Kopf schütteln können, gibt es aber auch die Menschen, die es tatsächlich schwer haben, im Leben Tritt zu fassen und ihren Weg zu finden. Sie brauchen meist ebenfalls einen zweiten Anlauf – und Menschen, die darauf verständnisvoll reagieren, und überhaupt die Möglichkeit, eine zweite Chance ergreifen zu können. – Jona befindet sich mit uns also in guter Gesellschaft. Denn auch er braucht einen zweiten Anlauf, um seiner Berufung als Prophet nachzukommen. Er sollte nach Ninive gehen und den Menschen dort sagen, dass ihre Bosheit mittlerweile bis vor Gott gekommen ist, gewissermaßen bis zum Himmel stinkt. Doch am Anfang (zwei Kapitel vor dem heutigen Predigttext) zieht es Jona vor, sich aus dem Staub zu machen. Der Sturm, den Gott sich zusammenbrauen lässt, um seinen abspenstigen Propheten auf die richtige Bahn zu bringen, ist legendär geworden. Und auch der Fisch, der Jona verschluckt, nachdem ihn die Seeleute in höchster Not und auf Jonas eigenes Bitten hin über Bord geworfen haben, gehört wohl zu den bekanntesten Tieren der Bibel. Nachdem der Fisch Jona endlich wieder an Land gespuckt hat, setzt unser Predigttext ein. Jona bekommt eine zweite Chance. Gott schickt ihn erneut nach Ninive, diesmal mit einer Botschaft, die er ihm erst später noch mitteilen will. Jona marschiert los und kommt tatsächlich in Ninive an. Drei Tagesreisen braucht man angeblich, um diese stadt zu durchqueren. Wir wissen heute, dass dies völlig übertrieben ist.   Für den Erzähler ist es eine Möglichkeit, die Reaktion der Bewohner von Ninive herauszustellen. Jona kommt aber nur eine Tagesreise weit und ruft seine Botschaft aus: „Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört!“ Und die Niniviten hören auf ihn. Und zwar alle. Sie glauben nicht nur an Gott, sondern lassen alles stehen und liegen. Sie unterbrechen ihre Alltagsgeschäfte. Der König unterbricht sein Regieren. Die letzte Regierungsmaßnahme des Königs ist der Befehl, dass alle fasten, inbrünstig zu Gott beten und vor allem: dass sich alle von ihren bösen Taten abwenden und keine Gewalt gegenüber anderen ausüben sollen. Am Ende macht er einen vielsagenden Zusatz: „Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.“ – Es klingt nach Verzweiflung, aber vielleicht weiß der König als Politiker auch, dass es nichts nützt, nur zu befehlen, sondern dass man den Menschen auch eine Motivation, eine Perspektive, eine Hoffnung geben muss, und sei sie noch so klein. Er begreift, gemeinsam mit seinem Volk, den von Jona als unausweichlich angekündigten Untergang als Chance für einen Neuanfang. – Nun sitzen sie also alle da – in Sack und Asche und fasten und beten und hoffen, dass Gott Gnade walten lässt. Am Ende lässt sich Gott von ihnen beeindrucken und nimmt Jonas Untergangsansage zurück. Das angekündigte Unheil tut ihm sogar leid. – Was will uns der Erzähler des Textes sagen? Es geht nicht um den „wahren Glauben“. Hier geht es um ein allgemeines religiöses Bewusstsein. Und selbst das tritt fast in den Hintergrund, denn das Kriterium, um Gott zum Einlenken zu bewegen, ist gerade keine irgendwie geartete Veränderung im Glauben, sondern die Abkehr von dem Bösen, das wir tun. Es geht um unser Verhalten. Im wahrsten Sinne des Wortes „Not wendig“ ist rechtschaffenes Verhalten, nicht unser religiöses Bekenntnis zu Gott. Der Predigttext vertritt also eine theologisch extrem offene Position. Gleichzeitig bietet er auch eine Perspektive zur Rettung vor einem drohenden Untergang: die Umkehr vom eigenen falschen Tun. Das ist nämlich das, was Gott am Ende zum eigenen Umdenken bewegt. – Das regt natürlich zum selbstkritischen Nachdenken über die eigene Lebensführung an. Über was es im eigenen Leben nachzudenken gilt, mag jede und jeder selbst entscheiden. Gesellschaftlich betrachtet gäbe es viel: soziale Ungerechtigkeit, Ausgrenzung, Umweltzerstörung und vieles mehr. Zu bedenken wäre auch: Nicht Worte, sondern Taten zählen am Ende dieses Kapitels im Jonabuch. – Dabei erweist sich der Erzähler durchaus als Realist in der Einschätzung unserer Lage. Eine Sicherheit, dass die erhoffte Rettung dann auch geschieht, gibt es nicht. Die Hoffnung kann nur sein: „Wer weiß, Gott könnte umkehren und sich erbarmen.“ Das klingt enttäuschend und unbarmherzig hart in einer Religionsgemeinschaft, die so auf die Verkündigung von Trost und Kraft zur Krisenbewältigung setzt wie unsere. Aber es zeigt uns, dass der Erzähler des Jonabuches nicht einfach nur auf Gottesstürme und Fische setzt, um menschliches Versagen zu ändern, sondern von uns ganz konkrete Taten erwartet. Vierzig Tage sind endlich: Ein „Es wird schon werden“ wird es nicht geben. Unsere Zukunft liegt wie eine zweite Chance in unseren Händen. Die Niniviten haben sie ergriffen. Amen.

Lied: Komm in unsere stolze Welt (EG 428)

Fürbittengebet / Vaterunser

Allmächtiger und barmherziger Gott, wir danken dir, dass du uns nicht aufgibst, auch wenn wir vor dir bekennen müssen, dass unser Leben nicht deinem Willen entspricht. Und so bitten wir heute für uns, dass du nicht nur unmissverständlich zu uns sprichst, sondern uns auch noch die Ohren öffnest, denn wir selbst verschließen sie zu oft und übersehen deine Zeichen. Wir bitten dich für die Menschen, die in unserer Gesellschaft Verantwortung tragen in Politik, Wirtschaft und auch in deiner Kirche.   Lass sie erkennen, was zu tun ist.   Lass sie entschlossen handeln und nicht zögerlich abwarten. Mach auch uns immer wieder bewusst, welche Kraft in unserer Gesellschaft von uns als Einzelnen ausgeht. Auch in Ninive waren es zuerst die Menschen, die handelten, und dann erst die Politiker. Wir bitten dich, dass du uns von unseren in vielerlei Hinsicht zerstörerischen Wegen abbringst. Und wir bitten für die Menschen, die unter unserem Handeln, aber auch unter unserem Nicht-Handeln und Verzögern leiden. Gib uns das Bewusstsein, dass wir gemeinsam vor dir und voreinander in der Verantwortung stehen,   und lass uns unser Leben und unsere Zukunft gemeinsam anpacken. Gib uns den Blick für das Gute in unseren Mitmenschen, unabhängig davon, ob sie unseren Glauben und unsere Überzeugungen teilen oder nicht. Die Botschaft des heutigen Predigttextes klingt hart. Aber gerade deshalb wenden wir uns an dich und bitten um Vertrauen zu dir und um deine Erneuerung in unserem Leben. – Vater unser …

Segen

Der Herr segne und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen +++

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlichst, Ihre Sabine Klatt, Diakonin/Prädikantin

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