Andacht 2. Sonntag in der Passionszeit, 13.03.2022, Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Inmitten der Erfahrungen von Leid und Schuld erinnert das Evangelium des Sonntags an die Liebe Gottes, der nicht will, dass die Menschen verloren gehen. Wenn die Not groß ist, dann hilft es, sich selbst – und Gott – daran zu erinnern: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!

Psalm 25

Nach dir, Herr, verlanget mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden. Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret. Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Der Herr ist gut und gerecht, darum weist er Sündern den Weg. Die Wege des Herrn sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten. Um deines Namens willen, Herr, vergib mir meine Schuld, die so groß ist! Der Herr ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund lässt er sie wissen. Meine Augen sehen stets auf den Herrn; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen. Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend. Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten! Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden! Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich.

Lied: Bei dir, Jesu, will ich bleiben (EG 406,1-4)

Lesung: Mt 26,36-46

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und  er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und  fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen:  Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser  Kelch an mir vorüber; doch  nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?  Wachet und betet, dass ihr nicht in  Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

 

Ansprache zu Mt 26,36-46

Liebe Leser*innen, im Rückblick betrachtet war es wirklich nicht so schlimm gewesen. Aber vorher hatte sie große Angst gehabt. Sie musste operiert werden, es war eine Routineoperation, eigentlich kein Grund zu Sorge, aber sie hatte Panik vor der Narkose. Wenn irgendetwas schief gehen würde? Wenn sie nicht mehr aufwachen würde? Das Gedankenkarussell drehte sich immer weiter. Die Nacht vor dem Eingriff wollte nicht vergehen. An Schlaf war nicht zu denken. Gott sei Dank war sie allein im Krankenzimmer. So störte sie niemanden. Die Schwester, die Nachtdienst hatte, war sehr nett. Sie schaute immer wieder herein und brachte ein Beruhigungsmittel. Aber das half auch nicht. Sie kam nicht zur Ruhe. Ihre Gedanken kreisten um den Eingriff am nächsten Morgen. Zweimal rief sie ihren Mann an, mitten in der Nacht. Aber das hatten sie so vereinbart: „Ruf an, wenn du mich brauchst. Ich höre das Telefon. Ich bin da für dich.“ Das tat gut. Ihr Herz wurde etwas leichter. Und irgendwann wurde es Morgen.

Und als sie nach der Operation aufwachte, wieder zurück in ihrem Zimmer, saß ihr Mann neben ihrem Bett, er legte seine Zeitung weg und lächelte: „Na? Lebst du noch? War doch gar nicht so schlimm!“

Da ist eine alte Dame, sie kommt noch ganz gut zurecht und lebt in ihrer Wohnung. Sie ist verwitwet, alleine. Die Kinder sind lange aus dem Haus, haben ihre eigenen Familien. Aber sie leben weit weg. Sie können nicht so oft zu Besuch kommen, vielleicht wollen sie auch nicht. Sie sind sehr eingespannt in ihrem eigenen Leben. Und wenn die Familie dann einmal zu Besuch kommt, an den Feiertagen, dann finden sie in kein tiefes, gemeinsames Gespräch. Jeder ist mit eigenen Themen beschäftigt. Und bald fahren sie wieder nach Hause.

Viele Menschen mussten in den beiden vergangenen Jahren noch ganz andere und sehr bittere Erfahrungen machen: Pandemie, Lockdown, Hygienebestimmungen, Zugangsbeschränkungen, Besuchsverbot. Das sind Begriffe, an die wir uns gewöhnt haben. Menschen im Alten- oder Pflegeheim waren plötzlich auf sich alleine gestellt. Manche fühlten sich wie im Gefängnis, wie in Einzelhaft. Sie verstummten, weil ihnen die Sozialkontakte fehlten. Viele Angehörige wussten sich zu helfen: mit Balkongesprächen, Videotelefonaten, Treffen am Fenster. Manchmal gelangen nach nervigem bürokratischem Aufwand ein paar kostbare Minuten des Wiedersehens. Andere Angehörige schafften das nicht. Sie konnten nicht, sie wollten vielleicht auch nicht. Sie waren damit beschäftigt, ihren Alltag hinzubekommen. Oder sie waren gelähmt von Unsicherheit und Angst, voller Erschöpfung und bleierner Müdigkeit. Menschen mussten auch im Krankenhaus allein zurechtkommen. Das mag vor einer routinemäßig angesetzten Operation noch zu bewerkstelligen sein. Aber was ist mit plötzlichen schweren Erkrankungen? Was ist mit Unfällen? Was ist, wenn man sich plötzlich allein im Krankenhaus wiederfindet? Menschen erzählen von traumatischen Erlebnissen, von Ärger und Verzweiflung: Besuch ist leider nicht erlaubt. Die Sachen, die man braucht, müssen an der Pforte abgegeben werden. Niemand hilft, niemand hört zu, niemand tröstet. Das Aufladekabel des Handys liegt noch zuhause. Geld für eine Telefonkarte ist nicht zur Hand. Noch niemand hat die Sachen an der Pforte abgeholt. Das Pflegepersonal hat ohnehin viel zu tun und man will nicht zur Last fallen. Die Angehörigen hätten energischer auftreten müssen. Sie hätten schneller reagieren müssen. Warum haben sie sich so viel zumuten lassen müssen? Ist da keiner, der hilft? Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Alleine sterben müssen. Ohne Trost. Niemand hält die Hand. Ein Abschied fehlt. Da ist kein Lächeln, da sind keine Tränen. – Das sind die schlimmsten Erfahrungen, die Menschen machen mussten. Gottverlassen, erstarrt vor Angst, vor Einsamkeit, voller Hoffnungslosigkeit. Jesus betet in Gethsemane: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod, bleibt hier und wachet mit mir! Und er fleht: Mein Vater, ist´s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. – Lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Wir kennen die Geschichte von Jesus am Ölberg und verbinden sie mit der Passionsgeschichte. Wir sind gewohnt, sie zu hören als einen Abschnitt zwischen Gründonnerstag und Karfreitag. Es ist eine Nachtgeschichte, dunkel und beängstigend wie ein Alptraum. Wir fühlen uns ein in die Leidensgeschichte Jesu, auf ihn konzentrieren wir uns. Es sind nicht die schlafenden Jünger, die im Mittelpunkt stehen. Jesus leidet unschuldig. Er bittet um Gnade und Erbarmen. Aber wir heute wissen, dass der Ostermorgen kommen wird. Das macht es uns leichter, wenn Jesus verhaftet wird, die Geschichte ihren Gang geht, bis in der Liturgie des Karfreitags die Kerzen ausgeblasen werden. – Heute am Sonntag Reminiszere sind wir aufgefordert, die Geschichte im Garten Gethsemane mit anderen Ohren zu hören. Am Sonntag Reminiszere geht es um Erfahrungen von Leid und Schuld in Notlagen. Es geht um die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Sie geht über jede menschliche Hilfe hinaus. Auf diese Liebe und Barmherzigkeit ist immer Verlass. Gerade nach den Erfahrungen der Pandemie kann es sein, dass uns Jesu Wachen, Beten und Flehen sehr nahe geht. Jesus zeigt uns seine menschliche Seite. Er leidet wie wir. Er hat Angst. Er bleibt in seinem Ringen um Antwort ganz allein. In den verschlafenen Jüngern erkennen wir uns Menschen. Wir erkennen ein Versagen, das menschlich ist. Nicht merken, was jetzt gerade nötig ist. Den Ernst der Lage nicht begreifen. Das kennen Menschen von anderen. Und manchmal auch bei sich selbst. Keine Kraft haben. Nicht hören. Nicht da sein. Nicht zuhören. Nicht die Hand halten.   Bleibet hier und wachet mit mir, so bittet Jesus. Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Auch unsere Augen sind voller Schlaf, allzu oft. Wir schaffen es nicht, zu wachen und zu beten. Keiner kann das: Das Leiden der anderen immer teilen, wie es Not tut. Nicht in der Nähe, im Alltag. Und schon gar nicht, wenn es weiter weg ist. Wenn es das Leiden von Menschen in der Ferne betrifft. Die Evangelische Kirche Deutschland denkt an diesem Sonntag an verfolgte Christen in der ganzen Welt und bittet um Fürbitte und aktive Hilfe. Aber was können wir tun? Wenn Menschen das erleben: Sie rufen nach Beistand und keiner hört – was bleibt dann? Die Jünger schlafen und Jesus betet. Er wendet sich an Gott: Mein Vater, ist´s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille. Jesus betet und hört nicht auf damit: Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. So heißt es im Psalm 25. Dieser Vers hat dem Sonntag Reminiszere seinen Namen gegeben. Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit. Dieses Gebet passt zu jedem Tag. Gut, wenn wir das schaffen. An jedem Tag darum bitten, dass Gott gedenkt. „Gedenke, Herr, an deine Güte, die nicht aufhört. Niemals. In der Nacht nicht. Nicht am Tag.“ Wir legen unser Scheitern in Gottes Hand, aber auch unser Gelingen. Er möge für alle Menschen erfüllen, was der Segen verheißt: „Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Niemand ist da, der mich hält. Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Niemand ist da, der mich schützt. Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Niemand ist da, der mich liebt. Der Friede Gottes bewahre dein Herz und alle deine Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn.“ Amen.

Lied: Bleibet hier und wachet mit mir (EG 789.2)

Fürbitten / Vaterunser

Guter Gott, in Jesus Christus hast du die tiefsten Tiefen mit uns geteilt. Du bist in unsere Abgründe gekommen, um uns zu stärken und aufzurichten. Dafür danken wir dir.   – Wir bringen vor dich unsere Bitten: Für alle Menschen, die hungern nach Liebe, Verständnis und Zuwendung. Mache uns wach und bereit, diesen Menschen hilfreich zur Seite zu stehen und nicht die Augen zu verschließen vor ihrem Hunger. Für alle Menschen in der Nähe und in der Ferne, die kein Dach über dem Kopf haben, denen das tägliche Brot nicht reicht, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder groß bringen sollen. Schenke du uns Ideen, wie wir sinnvoll helfen können. Für alle Menschen, die einsam sind, die unter zwischenmenschlicher Kälte leiden und nicht von sich aus neue Kontakte knüpfen können, dass wir an dieser Einsamkeit nicht vorbeischauen. Für alle Menschen, deren Lebenspläne durch Krankheit durchkreuzt wurden, und für alle, die wegen ihrer Krankheit benachteiligt werden, lass uns für sie da sein. Für uns und unsere Gemeinde, dass du bei uns ankommst, uns aufrichtest und uns da dahin bewegst, wo gerade wir mit unseren Fähigkeiten gebraucht werden. – Vater unser im Himmel, …

Lied: Der Herr segne dich (EGPlus 31)

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen     +++

Bleiben Sie behütet und gesund.

Es grüßt Sie herzlichst, Ihre Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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