Andacht 20. So. n. Trinitatis, 17.10.2021, von Pfarrerin Anna Scholz

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Friede sei mit Euch. Herzlich willkommen zum Gottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis.Wie lebe ich ein gutes Leben in dem Bewusstsein, dass wir alle vergängliche Wesen sind, das ist das Thema des heutigen Sonntags. Und wir werden nachher vom Predigttext aus dem Buch des Predigers mit auf eine Gedankenreise genommen, wie die Kunst des Lebens auch eine Kunst des Sterbens ist und worauf sich unsere Hoffnung richtet.

Lied: EG 408 Meinem Gott gehört die Welt

Psalm 119 EG 748

Gebet

Gott, sei uns nahe und hilf uns, deine Liebe zu spüren. Schenk Du uns Deine Kraft, damit wir aus der Hoffnung leben, dass Du uns nicht allein lässt, im Leben und im Sterben. Hilf uns, auf Dich zu vertrauen und unser Leben nach Deinem Willen auszurichten. Sei Du bei uns, jetzt in dieser Stunde und an allen Tagen. Amen.

Schriftlesung Prediger 12, 1-7

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht. Ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen. Zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt und alle Töchter des Gesangs sich neigen, wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf de Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht, denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt und die Klageleute gehen umher auf der Gasse. Ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Predigt

Am Stadtrand von Belfast nieselt Regen vom Himmel. Gepflegte Vorgärten reihen sich aneinander, hie und da parkt ein Porsche. Eine bürgerliche Idylle mit glatten Hausfassaden. An einer dieser Fassaden lehnt eine silbrige Leiter, ganz oben auf der Leiter steht John. John ist ein etwas rauer Typ, an seinem Hals sieht man eine Tätowierung, Schwalbe im Sinkflug. Mit raschen Bewegungen seift John die großen Fensterfronten ein, er macht seinen Job als Fentserputzer routiniert und gut. Durch die glänzenden Scheiben sieht er hinein in die aufgeräumten Wohnungen, in Kinderzimmer mit Bergen voll Spielzeug, in Wohnzimmer mit Champagnergläsern, in Küchen. Ja, in all die Welten der Menschen, die sich einen Fensterputzer leisten können und zu denen John keinen Zutritt hat. Die Kamera macht einen Schnitt und wir sehen John zuhause mit seinem kleinen Sohn Michael. Liebevoll entkernt er in einem täglichen Ritual Weintrauben für den vierjährigen und danach kuscheln sich die beiden ins Bett und lesen Bilderbücher. Ganz subtil merkt der Zuschauer aber, dass dieses traute Bild Risse hat. Ein Badezimmerschrank ist vollgestopft mit Medikamenten. Johns Hände zittern manchmal ein bisschen, wenn er den Orangensaft für Michael aus dem Kühlschrank holt. Und man beginnt zu ahnen, dass John trotz seiner äußerlichen Stärke und der unermüdlichen Energie, mit der er sich als alleinerziehender Vater um seinen kleinen Sohn kümmert, nicht mehr lange zu leben hat. Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht. Ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen.Böse Tage sind es, die John durchleben muss. Denn einerseits versucht er, Michael zu beschützen und ihm nicht zu zeigen, wie es um ihn steht. Andererseits ist es seine größte Sorge, wie es mit seinem kleinen Sohn weitergehen soll. Und so macht er sich auf die Suche nach Adoptiveltern. Unterstützt von zwei engagierten Mitarbeiterinnen des Jugendamtes besuchen Michael und John eine Familie nach der anderen. Die potentiellen neuen Eltern zeigen ihre herausgeputzten Wohnungen, erzählen von großen Plänen für Michael und seiner grandiosen Zukunft in diesem oder jenem Eliteinternat. Und obwohl sie mit einer Ausnahme eigentlich alle liebevoll und sympathisch wirken: Nirgends will so richtig der Funke überspringen. Und man merkt, dass der kleine Michael auch ohne, dass es ausgesprochen wird, zu ahnen beginnt, was mit seinem Papa los ist. An Johns 34 Geburtstag backen die beiden einen Kuchen mit 34 Kerzen. und Michael reicht seinem Papa mit seiner kleinen Hand eine 35. rote Kerze, als ob er schon wisse, dass dieser die nicht mehr brauchen wird. John spürt, dass er sich der Sache stellen muss. Er verkauft sein Auto mit dem Fensterputzequipment, weil er merkt, dass er das Gleichgewicht verliert, da oben auf der Leiter. Und unternimmt mit Michael ein paar letzte schöne Dinge. Eis essen im Park und den Fußballern zuschauen. Mit dem Einkaufswagen im Supermarkt Karussell spielen. Und einen Freizeitpark besuchen. Und irgendwann findet er dann auch leise, zarte Worte, um dem Kind das schier unaussprechliche zu sagen: Ich werde sterben. …wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht, denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, so sagt es in rätselhaften Worten der Prediger Salomo. Unser Erdenleben ist vergänglich. Der Tod kommt fast nie zur rechten Zeit. Und es gibt schwere Tage im Leben, die sich anfühlen, wie Blei in allen Gliedern und in denen die Endlichkeit von allem sich schon mitten im Leben bemerkbar macht. Beim Verlust eines geliebten Menschen oder eines lieben Haustiers. Durch eine schlechte Diagnose beim Arzt oder einen Schmerz in einer menschlichen Beziehung. Von all solchen Erfahrungen ist das Buch des Predigers durchzogen. Und in seiner Theologie, die er hier, in den letzten Sätzen seiner Schrift zusammenfasst, da ist der Tenor: Nutze jeden Tag, der dir geschenkt ist, freu dich an dem Guten, dass doch auch immer wieder hervorleuchtet, besonders in kleinen Dingen. Iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, müh dich nicht sinnlos, genieße das Leben mit der Frau, die Du liebst, denn deine Tage sind gezählt, das sind so Sätze, die man bei ihm lesen kann. Und dann ist da aber noch mehr… Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen …Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. Darin steckt das Vertrauen, dass Du Teil einer guten Schöpfung bist. Und auch im Schweren nicht aus Gottes Hand herausfällst. Es gibt Hoffnung, über die sich nur in Bildern sprechen lässt. Eine Hoffnung, dass wir zwar vergänglich sind, aber doch so etwas wie ein Funke der Unendlichkeit in uns wohnt: Die Ewigkeit ist uns ins Herz gelegt, so sagt`s der Prediger, an anderer Stelle. In Belfast, im Stadtpark findet Michael unter einer alten Eiche einen toten Käfer. Und John erklärt ihm das so: Schau, Michael der Käfer ist tot. Was IST tot? Will Michael wissen. Und John sagt: Schau, das, was du hier siehst, ist bloß noch die Hülle des Käfers. Der Käfer aber, das, was ihn ausgemacht hat, ist schon ganz woanders. Auch ich werde bald sein, wie dieser Käfer. Und trotzdem bin ich bei Dir und Du kannst immer mit mir reden. Bloß halt nicht so wie jetzt, sondern in dir drin. Und er deutet auf Michaels kleines Herz. Bist du dann auch in den Weintrauben? will Michael wissen. Und John antwortet: Nicht IN den Trauben. Aber in ihrem Geschmack… Diese Geschichte erzählt der Film „Nowhere Special“ von Uberto Pasolini, der aktuell im Kino läuft. Ein Film von Liebe und Abschied, von Verantwortung, und Sehnsucht, der ohne viele Worte auskommt. Ein leiser Film über Vergänglichkeit und Sterben, zugleich aber auch darüber, dass da etwas ist, das unvergänglich ist. Ich stell` mir vor, der Prediger Salomo hätte diesen Film gern gesehen und hätte er heute gelebt und geschrieben, ja vielleicht hätte er von seinen leisen Hoffnungen in ähnlicher Weise erzählt. Der Film bedient sich nicht explizit religiöser Bilder und Botschaften. Und doch leuchtet immer wieder etwas Zartes auf und das macht diesen Film so sehenswert und berührend. Denn auch die Hoffnung unseres Glaubens ist ja eine, von der man nicht immer im Brustton überzeugter Gewissheiten sprechen kann, sondern eher in zarten, zurückhaltenden Worten und Phantasien, die trotzdem eine große Kraft sein können, wenn wir sie in unseren Herzen aufheben. John und Michael steigen zusammen in den Bus. Und am Ende öffnet sich eine Tür und es gibt eine Hand, die der kleine Michael ergreifen kann. Und ich hoffe, dass es auch für uns alle hier so eine Hand geben wird, wenn böse Tage kommen. Und dunkle Wolken. Und wir uns fürchten und ängstigen auf dem Wege. Und ich glaube, dass Gott sie uns reicht. Amen.

Lied EG 65 Von guten Mächten

Fürbittengebet / Vaterunser

Gott, wir danken Dir. Du lässt alles werden. Menschen, Tiere , Pflanzen. Du umgibst alles mit deiner Kraft. Wir bitten dich, reich Du uns deine Hand, wenn wir sie besonders brauchen. In Nöten und Ängsten, bei schwierigen Entscheidungen, in Trauer und Schmerz. Und hilf uns, unsere eigenen Hände zum Guten einzusetzen, kleine Dinge wertzuschätzen und mit anderen zu teilen und Frieden zu machen, mit uns selbst und unseren Lebenswegen und mit unseren Mitmenschen, da, wo wir es können. – Vater unser …

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; er lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. – Amen, Amen, Amen

Bleiben Sie behütet und gesund. Herzliche Grüße, Ihre Pfarrerin Anna Scholz

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