Andacht 21. So. n. Trinitatis, 24.10.2021, Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Diesen Satz schreibt Paulus in einem Brief an die junge Gemeinde in Rom. Diese Aufforderung – der Spruch für die kommende Woche – ist heute noch so aktuell wie vor knapp 2000 Jahren. Christsein ist nicht immer einfach. Entscheidungen und Bekenntnis wird uns abverlangt. Das kann zu Konflikten führen. Nicht immer lassen diese sich friedlich lösen. Doch es ist möglich, mit Gottes Hilfe und aus seiner Liebe, das Gute zu wagen und zu erfahren: Das Böse wird vom Guten überwunden. Wie es gelingen kann, darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken.

Lied: Gott ist gegenwärtig (EG 165)

Psalm 17 (Basisbibel)

Ich rufe zu dir, denn du, Gott, wirst mich erhören; neige deine Ohren zu mir, höre meine Rede! Sprich du in meiner Sache; deine Augen sehen, was recht ist. Du prüfst mein Herz und suchst mich heim bei Nacht; du läuterst mich und findest nichts. Ich habe mir vorgenommen, dass mein Mund sich nicht vergehe. Im Treiben der Menschen bewahre ich mich / durch das Wort deiner Lippen vor Wegen der Gewalt. Erhalte meinen Gang auf deinen Pfaden, dass meine Tritte nicht gleiten.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn …

Gebet

Zu dir, Gott, kommen wir, wie wir sind. Mit dem Guten in uns, und dem Bösen. Warum schaffen wir es  oft nicht,
das Böse mit Gutem zu überwinden? Stärke unseren Glauben an deine Liebe. Stärke unsere Liebe zu uns selbst und zu den Menschen um uns.
Stärke unsere Hoffnung auf Versöhnung, wo Streit ist. Auf Frieden, wo Krieg ist. Auf Gerechtigkeit, wo Unrecht regiert. Amen

Lesung (Predigttext Mt 10,34-39 – Basisbibel)

„Denkt ja nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Ich bringe Streit zwischen einem Sohn und seinem Vater, einer Tochter und ihrer Mutter, einer Schwiegertochter und ihrer Schwiegermutter. Die engsten Verwandten eines Menschen werden dann zu seinen Feinden. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir folgt, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Aber wer sein Leben verliert, weil er es für mich einsetzt, wird es erhalten.“

Liebe Leser*innen,

heute in zwei Monaten ist Heiligabend. Wir freuen uns auf die schönen Weihnachtslieder mit den griffigen Melodien und den wohltuenden und freudigen Worten. Das Wort Frieden kommt in fast allen dieser Lieder vor. Die Geburt des Friedefürsten feiern wir fröhlich und gefühlvoll. Und dann diese schroffen Worte! Noch fünf Kapitel vorher hat Matthäus die Bergpredigt geschildert. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ ruft Jesus dort den Menschen zu. Und dann das!!! „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Jesus polarisiert, ja er provoziert. Das Wort vom Schwert irritiert und verstört mich. Das klingt eher nach Gotteskrieger als nach Friedenstifter. – Dunkle Flecken des Kampfes hat auch das Christentum in seiner Vergangenheit. Nicht zuletzt rund um den Reformationstag wird uns dies schmerzlich bewusst, dass im Namen des Christentums viel Blut vergossen wurde. Man denke nur an die Bauernaufstände. Die Kreuzzüge waren auch keine Friedensmissionen. Diese Aktionen von Krieg und Zerstörung werden durch diese Worte Jesu sicher nicht biblisch legitimiert. Aber was bedeutet dann die Rede von Streit und Entzweiung? Schauen wir mal auf die Situation, in der sie damals gesprochen wurden: Die Verse stehen in der Aussendungsrede. Jesus bereitet die Jünger auf das vor, was sie erwartet, wenn sie seine Botschaft der unbedingten Gottesliebe zu den Menschen weitersagen. Diese Liebe, die befreit von Angst und Erpressbarkeit, ist eine Gefahr für alle Ausbeuter und Unterdrücker. Damit ist klar: Diese Mission ist keine harmonische Wanderung mit ein paar moralischen Weltverbesserungsideen. Da geht es um Nachfolge. Diese muss radikal durchgezogen werden. Jeder Kompromiss würde zur Verweichlichung der Anweisungen und zur Unglaubwürdigkeit führen. Auch wenn diese Radikalität mitunter aneckt: Christsein verträgt keine faulen Kompromisse um den lieben Friedens willen. Damals wie heute. Wer sich in der frühen Kirche taufen ließ, wandte sich von der Familie ab und wurde zum Außenseiter. Das brachte Konflikte in den Familien mit sich. Die christliche Botschaft – auch die Friedensbotschaft – ist Herausforderung. Sie fordert mich zum klaren Bekenntnis heraus. Glaubwürdig Christ sein kann man nicht nur ein bisschen – genausowenig, wie man nur ein bisschen schwanger sein kann. Um Jesus nachzufolgen müssen wir Stellung beziehen. Christlicher Glaube ist keine Privatsache, er lebt davon, dass ich das sage, was ich tue und das tue, was ich sage: Wer Gottes Liebe, die allen Menschen gilt, verkündigt, wird sich mit denen auseinanderzusetzen haben, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Wer von einer gerechten Welt redet und dafür kämpft, wird sich mit denen auseinanderzusetzen haben, die ungerechte Arbeitsbedingungen beibehalten wollen. Wer von der Bewahrung der Schöpfung redet, wird sich mit denen auseinanderzusetzen haben, die den Klimawandel leugnen und meinen, die Natur sei ihr Besitz. Weitsichtig erkennt Jesus, dass die Nachfolge seiner Jünger*innen nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Jesus leitet uns mit seinem Leben an, uns für eine grechte und friedfertige Welt einzusetzen, Notleidende in den Blick zu nehmen und alle Verhältnisse, die Menschen erniedrigen und demütigen, aufzudecken. ER ist dafür gestorben!

Biblische Erzählungen sind keine antiken Berichte, die nur als historische Dokumente gelesen werden wollen, es sind Erzählungen, die in unsere Zeit hineinreichen und unsere Grundlage dafür sind, uns in den politischen bzw. gesellschaftlichen Diskurs einzumischen. Wir sind verpflichtet, an einer besseren Welt mitzubauen, auch wenn dieses Engagement Konsequenzen zeigt und uns von Menschen trennt. Die Aufgabe der Kirche ist und wird bleiben, sich nicht selbstgenügsam zurückzuziehen, sondern durch Einmischung protestantische Kirche im Wortsinn zu sein. Christliche Verkündigung ist keine Wellness-Veranstaltung, in der ich dafür sorge, dass es mir besser geht; Christlicher Glaube hat zuerst die im Blick, die sonst nicht gehört und gesehen werden!

Das ist das trennende Schwert, von dem im Predigttext die Rede ist. Wenn wir die unbedingte Liebe zu Menschen leben, müssen wir es aushalten, dass uns andere Menschen, die damit nicht umgehen können, belächeln oder auch anfeinden. Wenn wir es schaffen, über die durch dieses Bekenntnis entstehenden Gräben hinweg immer wieder Brücken zu bauen, bin ich der festen Überzeugung, dass das Gute – nämlich die bedingungslose Liebe zu den Menschen – das Böse – Menschenverachtung, Unterdrückung und Ausbeutung – überwinden wird. Amen.

Lied: Liebe, die du mich zum Bilde (EG 401)

Fürbittengebet / Vaterunser

Du Gott des Friedens, wir danken dir, dass du uns trotz allem liebst und uns annimmst, wie wir sind.

Wir bitten dich für uns, die wir immer wieder dem Kreislauf des Bösen erliegen, dass wir verständnisvoll mit anderen umgehen und nicht immer auf unsere rechte pochen.

Wir bitten dich für zerrissene Familien, die sich untereinander mit ihren Worten verletzen und sich gegenseitig nicht vergeben können, dass sie wieder aufeinander zugehen.

Wir bitten dich für unsere mit sich selbst zerstrittenen Welt, für die Völker und Nationen, zwischen denen kein Friede einkehren will, dass sie Wege der Verständigung suchen.

Wir bitten dich für alle Menschen dieser Welt, dass dein reich des Friedens komme und dein Wille geschehe.

Vater unser im Himmel, …

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

 

Bleiben Sie behütet und gesund.

Ihre Sabine Klatt, Diakonin/Prädikantin

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