Andacht 29.05.2022 – Exaudi – von Lektorin Gerlinde Abel

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Der heutige Sonntag mit Namen Exaudi – Herr, höre meine Stimme – steht zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Jesus hat seine Jünger zurückgelassen; aber er hat sie nicht verlassen. Er sendet ihnen seinen Geist, durch den er gegenwärtig bleibt in der Welt- bis heute. Dass sein Geist auch unter uns spürbar ist, darauf vertrauen wir.

Lied 136   1+3+7

Psalm 27   714

Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten. Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen. Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich! Mein Herz hält dir vor dein Wort: „Ihr sollt mein Antlitz suchen.“ Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf. Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen. Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn! Amen.

Gebet

Herr Jesus Christus, du König der Herrlichkeit, du bist erhöht über alle Welt. Wir bitten dich: Lass uns nicht allein, sondern sende uns den Geist, den du verheißen hast, dass er uns in aller Anfechtung tröste und dahin bringe, wohin du uns vorangegangen bist. Der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Liebe Leser*innen,

nach Himmelfahrt sind wir die Alleingelassenen der Schöpfung. Mit der Himmelfahrt hat sich Jesus einstweilen von dieser Welt verabschiedet. Es wird berichtet, wie die Menschen ratlos dastanden und ihm nachsahen. Wie auch immer man sich dieses Ereignis vorstellen mag, das Resultat ist eindeutig: Wir sind jetzt allein. Mich erinnert diese Situation nach Himmelfahrt an ein Gleichnis, das Platon – in anderem Zusammenhang – benutzt: Jeder Mensch war mal eine Kugel. Also etwas Rundes, in sich Ganzes, Stimmiges. Und dann ist diese Kugel auseinandergebrochen.

Ich finde, dieses Bild passt genauso gut auf unsere Verbindung mit Gott. Wir waren mal eins. Jeder Mensch war mal eine Kugel und als solche mit Gott eins. Aber dann ist diese Kugel zerbrochen, der göttliche Teil ist weg, und der Mensch findet sich alleine vor. Was aber geblieben ist, ist eine unerklärliche und unerschöpfliche Sehnsucht nach einander. Gott sehnt sich nach uns und wir sehnen uns nach Gott, also nach unserer anderen Hälfte. Diese Sehnsucht mögen viele Menschen gar nicht bewusst spüren.
Aber sie spüren doch eine innere Unruhe, dass sie irgendwie, so wie sie sind, nicht ganz sind, und auf der Suche sind nach etwas, das sie ganz machen könnte. So allein gelassen mit einer unerklärlichen Sehnsucht und den vielen Herausforderungen dieser Welt, geht der Mensch ins Leben. Das kann nicht gut gehen und das geht auch nicht gut. Er gerät ins Wanken und begeht Fehler und kämpft um die Erfüllung seiner Sehnsucht. Nicht immer mit den geeigneten Mitteln. Denn nicht immer glückt der Weg zum Ziel der Sehnsucht. Die Sehnsucht kann auch wehtun, und man kann zerstörerische Wege gehen, um sie scheinbar zu erfüllen. So fängt der Mensch bisweilen an, um sich zu schlagen. Was wir uns gegenseitig antun, das ist schon unglaublich; nur weil jeder um seinen Platz kämpft, für seine Sehnsucht, um ein bisschen Gesehen werden und um die Liebe. Das ist, bei Licht betrachtet, die Welt nach Himmelfahrt – nachdem Gott sich verabschiedet hat. Und dann kommt der Sonntag Exaudi, auf dem Weg nach Pfingsten. Wir hören das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Brief an die Epheser im dritten Kapitel, die Verse 14 – 21:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, er der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,  dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Leser*innen,

Paulus verspricht den Christen Erkenntnis. Erkenntnis ist etwas, was wir fast alle haben wollen; es gehört zu den Urtrieben des Menschen, seinen Horizont zu erweitern, seine Neugier und Wissbegierde zu stillen. Dieser Erkenntnisdrang bewegte Adam und Eva, das Paradies zu verspielen –   denn wie lautete das Versprechen der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott, und erkennen, was gut und was böse ist.“ Das Streben nach Erkenntnis bewegte Faust dazu, sich dem Teufel auszuliefern, um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der Zwang, Kenntnisse zu erwerben, bringt Menschen dazu, sich über ethnische Bedenken oder über Verbote hinwegzusetzen. Selten, zu selten wird danach gefragt, ob man das, was man tun kann, auch wirklich tun soll. Viele Katastrophen, unter denen Gottes Schöpfung leidet, sind nicht Gottesfügung oder Laune der Natur,   sondern durchaus Menschenwerk, hervorgerufen durch Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit oder Gier. Gott oder der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen, zu rauben, ohne groß nach den Folgen zu fragen. Und hier wieder: Das Versprechen:   Ihr sollt Erkenntnis gewinnen, begreifen, was niemand zuvor begriffen hat, Wissen erwerben. Aber diesmal eben nicht als Raub, nicht gewaltsam, sondern auf eine Weise, die Gott und seine Schöpfung nicht beleidigt, Geschenkte Erkenntnis, freiwillig gegebenes Wissen. Paulus hat das gelernt. Auch er war begierig, Neues über Gott zu erfahren. Wie bekommen wir Erkenntnis Gottes? Paulus verrät es uns: Indem wir die Knie beugen. Es war bei ihnen nicht nur äußere Haltung – denn es geht hier nicht im mindesten darum, wie man korrekt betet sondern es war die innere Bereitschaft, Gott als Höheren anzuerkennen, vor Gott demütig zu sein, sich Gottes Willen im Guten wie im Bösen zu beugen. Die Bereitschaft, sich vor Gott klein zu machen, machte diese Menschen groß. Sie hatten ihren Glauben durch Unterdrückung und Verfolgung bewahrt, sie waren der Beleg dafür, dass, wer sich vor Gott beugt, sich vor den Menschen nicht beugen muss. Erkenntnis durch Demut, das ist das Geheimnis Gottes, das Geheimnis des Glaubens. Das ist uns fremd geworden. Beispiel: Wir sind wie ein Mensch, der einen Ozean begreifen will und ihm mit allen möglichen Instrumenten zu Leibe rückt. Er misst die Wassertemperatur und den Salzgehalt, er entnimmt Proben und untersucht sie im Labor, er stellt alle möglichen Versuchsreihen an. Am Ende weiß er alles über diesen Ozean – wie sein Wasser zusammengesetzt ist, welche Strömungen in ihm fließen, welche Pflanzen und Tiere darin. Dennoch hat er keine Ahnung davon, wie es ist, sich seinen Fluten anzuvertrauen, in seiner Brandung zu schwimmen, dieses, erfrischende, lebendige Wasser am Körper zu spüren. Es ist totes Wissen, das er sich angeeignet hat, Wissen, das keine Erkenntnis, kein Begreifen schenkt. – So ist es mit Gott: Ich werde niemals auch nur das Geringste von seinem Wesen begreifen, wenn ich mich ihm nicht anvertraue; wenn ich nicht gelernt habe, wie es ist, sich in seine Liebe fallenzulassen. Paulus hat sich auf dieses verrückte Leben eingelassen – und er hat dabei gewonnen. Er hat bei all den Turbulenzen, die das neue Leben in Christus mit sich brachte, Frieden im Inneren gefunden und unendliche, nicht zu ergründende Liebe. Paulus stellt Beziehungen her zwischen Kraft, Liebe,   Höhen – und Tiefendimensionen, Erkenntnis und der Gemeinde. Ein ganzer Kosmos tut sich auf – erfüllt von den handelnden Personen Vater, Jesus Christus und dem Geist, die alle auf die eine oder andere Art Erwähnung in dieser Passage finden. Erkenntnis kommt durch Christus, Stärkung und Kraft durch den Geist, und das alles wird ermöglicht durch den Vater. So erläutert Paulus der Gemeinde in Ephesus in begeisternden Worten die Zusage Gottes, zum Volk Gottes aufschließen zu dürfen. Teilzuhaben an dem Reichtum seiner Herrlichkeit. Amen

Lied   171   Bewahre uns Gott behüte uns Gott

Fürbittengebet / Vaterunser

Guter Gott, wir glauben daran, dass du uns nahe bist, wo immer wir sind. Wir kommen zu dir und bitten dich um Hilfe: Es gibt zu viel Hass in der Welt.

Viele Menschen stehen sich unversöhnlich gegenüber und wünschen sich gegenseitig alles Schlechte. Wir bitten um den Geist des Friedens. Es gibt zu viel Ungerechtigkeit in der Welt. Manche haben alles und denken nur an sich, und viele müssen auf alles verzichten. Wir bitten um den Geist der Solidarität. Es gibt zu viel Traurigkeit in der Welt. Viele haben den Mut verloren, haben resigniert und sich mit schlechten Verhältnissen abgefunden. Wir bitten um den Geist der Hoffnung. Es gibt zu viele Lügen in der Welt. Viele Menschen reden schlecht über andere, schwärzen sie an und vergiften das Klima untereinander. Wir bitten um den Geist der Wahrheit.

Es gibt zu viel Anpassung in der Welt. Viele Menschen haben keine eigene Meinung mehr, sondern tun, was alle tun, und sagen, was alle reden. Wir bitten um den Geist der Freiheit.

Vater unser……

Segen

Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden. Amen.

Bleiben Sie behütet und gesund.

Es grüßt Sie herzlichst, Gerlinde Abel, Lektorin

 

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