Andacht 3. So. n. Epiphanias, 23.01.2022, Pfarrerin Dr. Anna Scholz

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Friede sei mit Euch. Ein neues Jahr hat begonnen und wir sind schon wieder mittendrin im Alltag, mit manchem, was uns mühsam vorkommt und uns belastet. Lasst uns in dieser Stunde innehalten und uns in Verbindung bringen, mit Gott, der die Liebe ist, der heil macht, was zerbrochen ist. Und wir tun das im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Lied: 61, 1-2 Hilf, Herr Jesu, lass gelingen

Psalm 121 EG 749

Gebet

Guter Gott

Wir sind hier zusammen, um uns zu besinnen worauf es ankommt, was uns stärkt, was uns verbindet. Sei du bei uns in dieser Stunde, schenke uns deinen Geist. Gib und Mut und Frieden. Das bitten wir dich durch JC unseren Menschenbruder, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt, heute und an allen Tagen. Amen

Schriftlesung Mt.5

Jesus ging nach Kapernaum. Da kam ihm ein römischer Hauptmann entgegen. Er sagte zu Jesus: »Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause.Er hat furchtbare Schmerzen!« Jesus antwortete: »Ich will kommen und ihn gesund machen.« Der Hauptmann erwiderte:»Herr! Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst! Aber sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund! Denn auch bei mir ist es so, dass ich Befehlen gehorchen muss. Und ich selbst habe Soldaten, die mir unterstehen. Wenn ich zu einem sage: ›Geh!‹,dann geht er.Und wenn ich zu einem anderen sage: ›Komm!‹, dann kommt er. Und wenn ich zu meinem Diener sage: ›Tu das!‹,dann tut er es.« Als Jesus das hörte, staunte er. Er sagte zu den Leuten, die ihm gefolgt waren:»Amen, das sage ich euch: Bei niemandem in Israel habe ich so einen Glauben gefunden! Ich sage euch: Viele werden aus Ost und West kommen.Sie werden mit Abraham, Isaak und Jakobim Himmelreich zu Tisch liegen. Dann sagte Jesus zum Hauptmann:»Geh hin! So wie du geglaubt hast, soll es geschehen!« In derselben Stunde wurde sein Diener gesund.

Glaubensbekenntnis

Lied: 324 Ich singe dir mit Herz und Mund 1-2, 8+10

Ansprache

Liebe Leser*innen, ein Supermarktparkplatz in einer österreichischen Kleinstadt. Es dämmert schon, der Himmel ist grau verhangen. Ein beliebiger Tag in einem beliebigen Jahr irgendwann in unserer Gegenwart. Die Schaufenster sind erleuchtet, grell stechen die Farben der Reklametafeln in der Farblosigkeit der Szene hervor. Drinnen sitzt Gabi Kovanda. Gabi ist Kassiererin, stundenlang zieht sie mit routinierten Griffen die Waren über das Band. Die Kasse piept und Gabi führt ihre monotonen Bewegungen aus, Stunde für Stunde. Nach Ladenschluss sprüht sie das Band mit Reiniger ein, ein paar kreisende Bewegungen, fertig. Sie schließt die Tür und steigt in ihr kleines türkisfarbenes Auto. Zuhause hackt sie die Zwiebeln, ohne groß hinzuschauen kocht sie Spaghettisoße für ihren Mann Hannes, der in einer Entsorgungsfirma arbeitet   und die Soße beiläufig vor dem Fernsehen in sich hineinlöffelt, während Gabi am Bügelbrett steht. Ronni, der erwachsene Sohn sitzt in seinem Zimmer und zockt Playstation, bevor er am nächsten Tag wieder in die Kaserne aufbricht, wo er eine Laufbahn bei der Bundeswehr begonnen hat. Am Wochenende grillt die Familie im Garten, Tochter Sabrina und ihr Ehemann sind gekommen. Die Männer trinken Dosenbier, während Gabi zwischen Terasse und Küche hin- und herläuft, um alle zu versorgen. Das einzige Störgeräusch in den eingespielten Routinen ist die Waschmaschine, die im Schleudergang mit einem riesigen Getöse durch das Badezimmer rattert. Doch dann verändert sich etwas in Gabi, kaum merklich erst. Erst ist es das Ticken des Küchenweckers, dann das Brummen des Kühlschranks, das irgendwie anders klingt als sonst. Aber zunehmend beginnt man zu ahnen, dass etwas mit Gabi geschehen sein muss. Die üblichen Abläufe klappen nicht mehr, die Milch wird sauer, Gabi vergisst, den Kuchen aus dem Ofen zu nehmen und man sieht sie mit einem Blick, der wie nach innen gerichtet erscheint, am Küchentisch sitzen und Kaffee eingießen, bis die Kanne leer und der Kaffee auf den Boden gelaufen ist. So beginnt der Film „Superwelt“ von Karl Markovics aus dem Jahr 2015. Hannes und der Rest der Familie sind irritiert, von Gabis verändertem Verhalten, finden aber nicht so richtig Worte, um damit umzugehen. Und eigentlich sind auch alle so sehr mit ihren eigenen kleinen Lebensordnungen beschäftigt, dass gar kein Platz ist, um richtig rauszufinden , was den jeweils anderen beschäftigt. Doch als Zuschauerin begreift man Schritt für Schritt, dass es etwas größeres ist, was da in Gabi passiert, als was nach außen sichtbar ist. Gabi beginnt, mit Gott zu sprechen. Gleichwohl – man hört ihn nie, aber man hört Gabi sprechen, die plötzlich beginnt, Fragen zu stellen: Was soll ich hier, was bedeute ich, was bin ich wert, wozu bin ich hier. Die Antworten hören wir als Zuschauer nicht, und dennoch ist auf subtile Weise bemerkbar, dass sich etwas Großes in Gabi ereignet, auch wenn es auf ihr Umfeld erstmal seltsam wirkt, weil Routinen unterbrochen werden, wenn Gabi nicht zur Arbeit geht, sondern wie eine Träumende über Feldwege streift und ihren Blick zugleich nach innen, wie nach oben richtet. Gabi ist keine gläubige Frau, sie ist, wie viele Menschen, einfach gleichgültig gegenüber Kirche und Religion. Aus dem Reliunterricht hat sie noch einen einzigen Satz im Kopf: Herr ich bin es nicht wert, dass Du mein Haus betrittst… aber sprich nur ein Wort… Früher hat Gabi dieser Satz Angst gemacht. Und auch jetzt beginnen wir zu spüren, dass Gabi nicht nur Freude an ihrer Gottesbegegnung hat. Denn wir erfahren eigentlich nichts davon, wie diese genau aussieht, bloß, dass ganz subtil etwas in Gang kommt. Drei Tage läuft sie ohne Schlaf über Felder und Wiesen. Trinkt Kaffee mit Bauarbeitern. Beobachtet einen brennenden Busch. Bis Hannes sie findet, und heimholen will. Zusammen sitzen sie in dem kleinen Auto, das Gabi irgendwo am Wegrand abgestellt hat. Und Hannes reicht ihr mit einem Löffel ein Gulasch an, das erste Mal im Leben, dass er etwas für Sie gekocht hat. Und Gabi sagt: „Ich kanns net. Ich habe geglaubt, ich kanns, aber ich kanns net: Glücklich sein, dabei wär ichs so gern“. „Seit wann“, fragt Hannes. „Seit vorgestern…“ sagt Gabi und blickt in die Ferne. Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst. Aber sprich nur ein Wort… Das sagt auch der Hauptmann von Kapernaum. Ein römischer Soldat. Keiner von denen, die ganz felsenfest im Glauben stehen und in die Riten und Gebräuche des religiösen Lebens eingeweiht sind. Keiner von den „Hochverbundenen“, wie wir heute manchmal sagen. Sondern einer, der sich einfach gut auskennt in den Logiken und Routinen seines eigenen Lebens und seine Rolle ausfüllt. Jeden Tag. Und dann sind diese Normalitäten plötzlich gestört. Ein Diener ist krank, die Abläufe funktionieren vielleicht nicht mehr, und der Hauptmann selbst kann nicht helfen, mit dem, was er sonst beherrscht. Aber er rechnet irgendwie damit, dass es sein könnte, dass es da noch mehr gibt als das, was er kennt und steuern kann. Sprich nur ein Wort… Und Jesus tut es: Geh! So wie du geglaubt hast, soll es geschehen!« Es geschieht etwas. Weil einer sich öffnet für eine Wirklichkeit, die mehr ist, als das, was klar ist und routiniert. Weil einer sich sagen lässt „Geh hin…“ Nur ein Wort…das heil macht. Auf der Wiese am Wegrand in Österreich ist Gabi eingeschlafen. Hannes lädt das ganze Auto mit der schlafenden Gabi auf seinen Lastwagen und bringt sie heim. Die Waschmaschine rattert weiter, der Kühlschrank brummt und in dem aufgeräumten Häusschen kehren die Routinen zurück. Und doch ist etwas anders. Es ist etwas heil geworden. Keine riesen Veränderung oder ein gewaltiger Sinneswandel. Aber da ist der zärtliche Blick, mit dem Gabi Hannes plötzlich von der Seite ansieht. Die kleine Bewegung, mit der Hannes seiner Gabi über die Wange streichelt. Und vielleicht ist es dann doch so, dass es geht, mit dem Glücklichsein. Glücklich und heil. Zumindest für einen Moment. Vielleicht ist es genau das, was passiert, wenn dir Gott begegnet. Nur ein Wort. Ein Blick. Ein kleiner Moment, der Dir aufhorchen hilft. Und der das, was dein Leben ausmacht, mit allen Routinen und mancher Ödnis, und manchem, was festgefahren oder verbeult ist, als kostbar erscheinen lässt. Denn Du bist es wert. Nicht erst seit vorgestern. Sondern jeden Tag und immer. Amen.

Lied: 369 Wer nur den lieben Gott lässt walten 1-3

Fürbitten/Vaterunser

Gott wir danken Dir, dass Du Dich uns zuwendest und mit uns gehst, durch Hohes und Tiefes jeden Tag, auch wenn wir es nicht immer spüren und manchmal nicht verstehen, was Du uns sagst. Wir bitten Dich für alle, die mutlos sind, für alle, die gefangen sind in den Routinen ihres Alltags und trotzdem auf der Suche nach Unterbrechung und nach Glück. Wir bitten Dich für alle, die leiden müssen an einer Trauer, an einer Krankheit oder an ihren Lebensumständen. Wir bitten für alle, die in Angst leben müssen vor Verfolgung, vor Krieg. Für alle, die auf der Suche sind nach Frieden und Freiheit und für alle, die ihr Leben dafür einsetzen sei bei ihnen mit deiner Kraft lass sie dein Wort hören und verstehen. Vaterunser…Amen

Lied: EG 171 Bewahre uns Gott 1-4

Segen

Der Herr segne und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen + + +

Bleiben Sie behütet und gesund, Ihre

Pfarrerin Anna Scholz

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