Andacht 3. So. v. d. Passionszeit, 13.02.2022, von Diakonin/Prädikantin Margaretha Eidam

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Herzlich begrüße ich alle Leserinnen und Leser am 3. Sonntag v. d. Passionszeit. Wir sind verbunden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Der Wochenspruch der uns in der neuen Woche begleiten soll steht im Buch Daniel im 9.Kap Vers 18 b und lautet: Wir liegen vor dir mit unserm Gebet, und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Lied 473

Mein schönste Zier und Kleinod bist auf Erden du Herr Jesu Christ, dich will ich lassen walten und allezeit in Lieb und Leid in meinem Herzen halten.

Gebet

Gott, du bist treu in deinen Verheißungen und doch immer wieder anders als wir uns dich vorstellen. Du legst andere Maßstäbe an als wir. Du kannst etwas tun, wo wir keine Möglichkeiten mehr sehen. Wir bitten dich: öffne uns die Augen des Herzens, dass wir deiner Zusage vertrauen und dich immer wieder neu sehen, damit wir dich nicht festlegen auf das Bild, das wir uns von dir gemacht haben, und deine lebendige Macht im Leben erfahren. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Bruder, der mit dir und dem Heiligen Geist alles neu macht und doch immer derselbe bleibt in Ewigkeit. Amen.

Der heutige Predigttext steht im Buch des Propheten Jeremia im 9 Kap Verse 22+23

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde, bei einer Fortbildung vor einigen Jahren bekam ich, zusammen mit anderen Heimleiterkollegen folgende Aufgabe: Was sind deine wichtigsten Stärken? Notiere mindestens 20 davon! Das war unerwartet schwer. Bei 9 wusste ich nichts mehr aufzuschreiben. Es wäre mir leichter gefallen, die Stärken meines besten Kollegen aufzuzählen. Es war nicht nur schwer, weil mir nicht genug einfiel, es war auch unangenehm.   Sogar peinlich. Noch peinlicher, den anderen die eigene „Liste meiner Stärken“ vorzulesen. Das gehört sich doch nicht, das ist doch Angeberei. So dachten die meisten meiner Kollegen. Wie oft habe ich die Ansprüche nicht alle erfüllt die an mich gestellt wurden, wie oft musste ich auch mal Aufgaben, Lösungen unvollständig abgeben. Eigentlich ein Wunder, dass ich es doch immer wieder geschafft habe gut ans Ziel zu kommen. Solche Gedanken hatte nicht nur ich. Im Austausch mit meinem Kollegen merkte ich, dass nicht nur ich auch er geprägt war von dem Anspruch, bescheiden zu bleiben. Man lobt sich doch nicht selbst!   Das sind Worte, die ich zu Hause von meinen Eltern und Großeltern immer wieder einmal hörte. Die Kehrseite dieser Bescheidenheit: Wir trauen uns zu wenig zu, packen Dinge nicht an, die wir doch ändern sollten. Und letztlich wollen wir eben doch gelobt werden und geschätzt für unsere Leistungen: von Eltern, Großeltern, Lehrern und oder später im Beruf auch von Vorgesetzten. Im krassen Gegensatz zu dieser Erfahrung steht doch heute die Kultur der Selbstdarstellung. Ein Blick in die Zeitung oder in Facebook genügt. Wer ist der Stärkste, die Klügste, der Schönste, die Reichste? Wer hier nicht laut genug „Ich“ schreit, wird gar nicht wahrgenommen. Selbst wenn wir uns in dieser Öffentlichkeit gar nicht bewegen, wir sind auch von dieser Kultur geprägt. Spätestens bei der Bewerbung um die nächste Stelle oder um eine Beförderung, als Kandida*tin für ein Amt oder Vertreter*in in einem Gremium: Da muss gesagt werden, was ich gut kann, worin ich gut bin, was ich erreichen will. Zwischen Minderwertigkeitsgefühl und maßloser Selbstüberschätzung was kann ich eigentlich wirklich? Was kann ich bewirken in der Welt in meiner unmittelbaren Umgebung und im Zusammenleben in der Familie, bei der Arbeit, in der Kirche? Bin ich nicht zu schwach, zu unbedeutend? Welchen Wert haben meine Fähigkeiten, meine Begabungen, mein Dasein in dieser Welt? Der Prophet Jeremia erzählt von solchen Ohnmachtserfahrungen. Er ist ein Prophet des Untergangs. Er erlebt Krieg und Zerstörung und maßlose Gewalt. Er beschreibt das alles mit unbestechlichem Blick: Was geschehen ist, muss angesehen und ausgesprochen werden. Die verbrannten Häuser und die vergewaltigten Frauen. Die zerstörten Stadtmauern Jerusalems und die Leichen, die in den Straßen liegen. Wenn ich im Buch des Propheten Jeremias lese, graust mir. So wie bei den Erzählungen und Bildern der Kriege späterer Zeiten bis in unsere Gegenwart. Mein väterlicher Freund erzählte mir, zu Lebzeiten immer   wie er das Ende des zweiten Weltkrieges erlebt hatte, hungrig, auf der Flucht von Breslau nach Göttingen. Bilder, die sich bei ihm eingebrannt hatten, die für ihn ein Leben lang bedrohlich geblieben sind. Ein Beispiel von unzähligen. Eine Erfahrung, die Menschen täglich machen, heute wie vor 73 Jahren, wie zur Zeit Jeremias. Der Prophet sieht solche Bilder, erlebt solche Gräuel, und er sagt, was er sieht. Er mutet uns zu, genau wie er hinzusehen:   In die Geschichte und in unsere Welt heute. Er mutet uns zu, seine Worte auf uns zu beziehen: Diese Erfahrungen sind nicht so weit weg, wie es uns oft scheint. Krieg und Gewalt betreffen uns hier, in Mitteleuropa, heute zwar meistens nicht unmittelbar, darüber können wir froh sein. Aber wir sind Teil der großen Zusammenhänge. Der Prophet Jeremias konfrontiert uns genau damit: Seht hin, auch wenn das Leiden weit weg zu sein scheint. Duckt euch nicht weg, auch wenn ihr meint, ihr könnt gar nichts tun.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ Es ist eben nicht weit her mit unserer Weisheit und Stärke. Und unser Reichtum ist eher Grund zur Scham als Grund zum Selbstlob. Jeremia stellt menschliche Weisheit und Stärke radikal infrage. Er sieht im Streben nach materiellem Reichtum einen Grund für Krieg und Gewalt.   Er ist einer der Ohnmächtigen, über die die Geschichte hinwegfegt. Das Buch des Jeremia erzählt seine Lebensgeschichte als Spiegelbild der Geschichte des Gottesvolkes:   Er soll Unheil verkündigen und gleichzeitig Hoffnung predigen. Er sieht zahlreiche Gewalttaten und wird selbst mit dem Tod bedroht. Einsam und ohne Familie lebt er am Rande der Gesellschaft. Sein Reden bleibt erfolglos, er kommt ins Gefängnis, wird gefoltert, am Ende deportiert und getötet. Ohnmacht und Entsetzen sind der Lohn seiner Treue zu Gott und seinem Auftrag. Da könnte die Frage aufkommen: hat Jeremia umsonst gelebt? „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ Jeremia zeigt uns die Grenzen menschlicher Weisheit und Stärke, die Grenzen unseres Reichtums. Es ist nicht weit her damit – außer, dass wir uns für kurze Zeit in Sicherheit wiegen: „Ein Glück, dass es uns nicht getroffen hat!“

Jeremia schreckt uns auf aus solcher trügerischen Sicherheit. Und er fragt: Woher kommt eure Weisheit? Worin wurzelt eure Stärke? Woher habt ihr euren Reichtum? Und was fangt ihr damit an? Seht auf das, was in der Welt passiert und seht auf Gott.   Eure Weisheit ist dumm ohne seine Barmherzigkeit. Eure Stärke ist brüchig ohne sein Recht. Gottes Barmherzigkeit, sein Recht und seine Gerechtigkeit bleiben nicht verborgen. Gott will damit wirken in der Welt. Und er will uns dafür in Anspruch nehmen. Wie er das tut, haben wir eben aus dem Matthäus Evangelium ,im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gehört. Keiner arbeitet hier umsonst. Gott nimmt uns in Anspruch mit dem, was wir haben und was wir können. Auch die, die erst spät anfangen, auch die, die nur wenig Kraft haben: alle haben ihre Aufgabe, alle können etwas tun. Alle erleben Gottes Barmherzigkeit. Seine Gerechtigkeit rechnet nicht wie wir. Gott gibt, was er versprochen hat. Jeremia fordert uns auf:   Erkennt, dass alles, was ihr habt und könnt, von Gott kommt. Durch eure Fähigkeiten und Stärken will Er in der Welt wirken. Durch eure Weisheit soll Seine Barmherzigkeit erkennbar werden. Wir könnten versuchen, die Übung, von der ich am Anfang erzählte, unter diesem Anspruch noch einmal zu machen .Zehn Weisheiten und Einsichten, die uns einleuchten. Zehn Fähigkeiten, die wir wirklich gut können. Zehn Dinge, an denen wir reich sind. Das alles ist kein Grund zum Selbstlob es sind Güter aus Gottes Güte. Stellen wir sie unter seine Barmherzigkeit, unter sein Recht und seine Gerechtigkeit.   Gott will wirken durch das, was er uns zutraut. Nichts ist umsonst. Amen

Fürbittengebet / Vaterunser

Ewiger, barmherziger Gott, dein Atem belebt uns. Dein Wort gibt Klarheit. Atme in uns und öffne die Ohren und Herzen deiner Menschen. Erbarme dich, damit wir leben. Kyrie eleison / Du, unser Gott, sprich, zeige den richtigen Weg für das Miteinander deiner Menschen. Gib Klarheit im Streit. Gib Demut denen, die meinen, im Recht zu sein. Gib Besonnenheit denen, die für andere entscheiden. Atme in uns und öffne die Ohren und Herzen deiner Menschen. Erbarme dich, damit wir leben. Kyrie eleison / Du, unser Gott, sei nicht ferne, mische dich mit deinem Frieden ein. Hülle in deine Liebe die Überlebendenden, die Geflüchteten, die Traumatisierten, die Witwen und Waisen der elenden Kriege in dieser Welt. Verwandle die Kriegslust der Mächtigen in Friedensliebe. Atme in uns und öffne die Ohren und Herzen deiner Menschen. Erbarme dich, damit wir leben. Kyrie eleison / Du, unser Gott, mache die Hoffnung groß, lege deinen Trost in die Herzen der Trauernden, lindere die Schmerzen der Kranken, vertreibe die Angst. Vergelte die Liebe aller, die anderen beistehen, mit Liebe. Atme in uns und öffne die Ohren und Herzen deiner Menschen. Erbarme dich, damit wir leben. Kyrie eleison.

– Stille – Vater unser im Himmel,… Amen

Segen

Es segne und behüte dich, Gott der Allmächtige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

 

Bleiben Sie behütet und gesund

 

Ihre

Margaretha Eidam

Diakonin/ Prädikantin

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