Andacht 4. So. n. Trinitatis, 10.07.2022, von Diakonin/Prädikantin Margaretha Eidam

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Herzlich grüße ich alle Leserinnen und Leser, wir sind verbunden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen

Lied 472

Der Tag hat sich geneiget, die Nacht hat sich genaht. / Gott sei gebenedeiet, der uns beschützet hat. / Er woll durch seine Güte, durch seine große Macht / uns gnädiglich behüten auch jetzt in dieser Nacht.

Psalm 42

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.

Tagesgebet

Barmherziger Gott, du gehst freundlich und liebevoll mit uns um und setzt Vertrauen in uns; hilf, dass auch wir barmherzig sind und einander ertragen, wie du uns erträgst. Gib, dass wir aufeinander hören und einander verstehen lernen. Durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen.

Lied. 428  

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. / Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben. / Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.

Der Friede Gottes sei und bleibe bei euch allen. Amen

Predigttext Johannes Kap 8 Verse 3-11

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.  Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Liebe Leser*innen.

Gespenstische Stille macht sich breit, wo sonst das Leben pulsiert. Kein Wort verlässt einen Mund, wo sonst die Lippen Gott loben und die Herzen vom Trost erleichtert werden.

Nur einer bewegt sich, zieht mit dem Finger feine Furchen in den Sand des Tempelbodens. Als hätte er mit all dem um sich herum nichts zu tun. Vor wenigen Minuten war das noch ganz anders. Jesus nimmt die vertrauten alten Wort der Schriften über das Leben der Erzväter und Erzmütter auf. Er bringt sie hinein in die Gegenwart, lässt sie lebendig werden. So, dass sie nicht einengen. So, dass sie einen, das Leben spüren lassen, das Gott jedem schenkt. Jesus macht Gottes Herz ganz weit, das auch den noch liebt, der auf die schiefe Bahn gekommen ist und schuldig geworden ist. Und in dieses fröhliche Leben hinein, preschen sie: die Männer in den ordentlichen Gewändern mit den langen Bärten. Aufgebracht sind sie, zu allem bereit, ihrer Sache ganz sicher.   Schon auf dem Weg zum Tempel haben sie sich immer wieder bestärkt: „Recht muss Recht bleiben! Und Unrecht muss bestraft werden“ „Gottes Gnade wird billig verschleudert. So viel, zu viel wird zugelassen. Alles ist erlaubt!“ so denken sie. „Die Heiligen Schriften sind eindeutig. Und wir haben sie Wort für Wort zu erfüllen.“ „Wo kämen wir denn hin? Wo kämen wir denn hin, wenn wir sowas durchgehen ließen?“ „Gut, dass wir darauf achten. Wenn nicht wir, wer dann? Wir dürfen kein Unrecht dulden.“   „Das müssen wir jetzt durchziehen. Und Jesus kann nicht mehr ausweichen.“ Und zwischen ihren Worten schubsen sie eine Frau herum, zerren sie weiter, treiben sie an. Und unterwegs bücken sie sich, heben den einen oder anderen Stein auf, schließen ihre Hände fest darum, denn ihr Vorhaben ist eindeutig und sie sind zu allem bereit. Viele Augenpaare richten sich auf eine Frau. „Die da!“, beginnen sie mit ihrer Anklage, und verwandeln den Tempelhof in einen Gerichtssaal. „Ehebruch!“, mehr müssen sie nicht sagen, denn die Gesetze sind eindeutig und die Schriften des Mose bekannt. „Was sollen wir tun?“ Viele   Augenpaare richten sich auf Jesus. Sie legen zentnerschwere Erwartungen auf seine Schultern. Was gilt denn nun? Die alten Worte des Mose? Deine neuen Worte, Jesus? Die Tradition und das Recht, das unsere Gesellschaft zusammenhält? Die Gnade, die wir alle zum Leben brauchen?   Die Würde einer einzelnen Frau, die sich gegen das Recht gestellt hat? Alle Augenpaare richten sich auf Jesus. Und Jesus geht in die Knie, taucht ab. Die Frau steht da, zwischen Leben und Tod gestellt, von großer Angst und kleiner Hoffnung eingenommen, die Männer stehen da, Siegesgewiss die Hände um die Steine geschlossen. Und Jesus taucht ab, zieht mit dem Finger feine Furchen in den Sand. Er lenkt die Blicke auf sich. Was er schreibt, ist nicht zu erkennen. Angespannte Stille – alle warten auf eine Antwort. Klarheit für den eigenen Glauben, Klarheit für das eigene Leben. Ein Wort, auf das ich mich verlassen kann. Ein Satz, der trägt, eine Vorschrift, die Sicherheit gibt. Doch Jesus schweigt. Und die Männer mit den Steinen in den Händen, ordentlich in feine Gewänder gehüllt in ihrem Kopf nur das Recht, der alten Schriften und seine Anwendung. Sie sind in diesem Moment bereit, mit den Steinen in der Hand auch zu tun was sie für Recht sie lassen nicht locker.

„Du weiß, was zu tun ist!“ „Gottes Willen durchsetzen, dafür bist du angetreten.“ „Sag was zu tun ist!“ Du der du das Wort Gottes für uns Menschen auslegen willst ……… „Also sag uns: was sollen wir tun?“ Viele Augenpaare richten sich auf Jesus. Viele Ohrenpaare erwarten endlich eine Antwort. „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“, sprichts und geht in die Knie. Die Frau schluckt schwer. Damit ist das Urteil klar. Das Steinigen wäre erlaubt. Damit haben sie das, was sie wollen. Der kleine Funken Hoffnung in ihr, schimmert nur noch schwach. Die Hoffnung auf eine zweite Chance – flackert. Die Hoffnung auf mehr Würde für die Frauen – erlischt. Viele Augenpaare richten sich nach den Worten Jesu jetzt nach innen. Und ich? Darf ich? Kann ich? Will ich? Liebe Leser*innen, weniges kann so mächtig sein, wie der eigene innere Ankläger, denn der kennt mich ganz genau. Alle Details sind aufgeschrieben, nichts vergessen. Die Liste aus eigener Schuld und eigenem Unvermögen. Die kleinen und großen Gaunereien des Alltags. Schwach geworden in den Versuchungen des Lebens. Die Brüche, die sich nur mühsam noch verstecken lassen. Wo das Leben eben nur halb gelungen ist. Wo die Kinder plötzlich abgebogen sind, vom guten Weg weg, und man sich einfach nicht mehr erinnern kann, wann man den Kontakt verloren hatte, plötzlich war er einfach weg.

Die Angst, noch mehr Leute ins Land zu lassen, weil vielleicht doch nicht genug Platz ist. Die Verletzungen und Kränkungen der vielen Jahre, die einen hart gemacht haben, unempfindlich. Und die dazu verleiten, sich am Scheitern anderer zu berauschen. Und dann noch für Recht und Ordnung, Anstand und Moral verantwortlich sein? Diese Aufgabe ist zu groß. Sie ist zu schwer, wenn man selbst immer rechtschaffen dastehen muss, sich keinen Fehler erlauben darf, keine Schuld eingestehen kann und trotzdem über das korrekte Verhalten anderer urteilen will oder soll. Die Worte und Bilder steigen auf, legen sich vor die Augen. Sie wiegen schwer und brauchen die ganze Kraft, die eben noch für die Steine in den Händen da war. Der Griff lockert sich. „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Gespenstische Stille macht sich breit, wo sonst das Leben pulsiert Kein Wort verlässt einen Mund. Nur einer bewegt sich, zieht mit dem Finger feine Furchen in den Sand des Tempelbodens. Sandkörnchen für Sandkörnchen verlässt seinen Platz.

Was über hunderte von Jahren auf dem Boden des Tempels festgetreten und festgelegt wurde kommt in Bewegung. Neue Spuren werden sichtbar, andere Möglichkeiten, Platz und Raum. Die Tür zum Leben geht auf. Da fällt der erste Stein. Er fliegt nicht. Er wird einfach losgelassen.   Stein um Stein gleitet aus den Händen, legt sich in den guten Boden des Tempelhofes. Dort wo seit hunderten von Jahren Menschen hingekommen sind, in der Hoffnung die eigene Last loszuwerden und neu beginnen zu können. Schuld darf Schuld bleiben. Versagen darf sein. Und sie dürfen ans Licht, ohne das andere darauf zeigen oder Steine hinterher werfen. Und alles darf losgelassen werden. Die eigene Schuld, das eigene Versagen. Und dann darf jeder gehen. Vielleicht mit gesenktem Blick, aber mit freien Händen und leichten Schultern. Und die Frau? Auch sie wird gesehen. Mit ihrer Not, mit ihrer Schuld, verurteilt nach den Maßstäben der Gesellschaft, aber ins Leben entlassen mit der Würde, die Gott einer jeden und einem jeden   schenkt.Amen.

Fürbittengebet / Vater Unser

Herr, allmächtiger Gott, mache uns zu einem Werkzeug deines Friedens. Hilf uns, dass wir Bösem nicht mit Bösem zu widerstehen versuchen, sondern dass wir das Böse mit Gutem überwinden. Mache uns fest in der Zuversicht, dass du letztlich alles richten wirst, aber lass uns darum auch nicht die Hände in den Schoß legen. Wir bitten dich für die Mächtigen dieser Welt, dass auch sie erkennen mögen: Friede kann nicht mit Gewalt erzwungen werden.   Hilf, dass auch sie deine Liebe erfahren, damit sie die Not der Bedürftigen erkennen und Entscheidungen treffen, die allen zum Leben verhelfen. Wir bitten dich für die, die sich um ihr eigenes Leben keine Sorgen machen müssen, weil sie im Überfluss leben.   Hilf, dass auch sie deine Liebe spüren, damit sie bereit werden, zu teilen. Lass sie erkennen, dass nichts von dem, was sie sich hier erworben haben, Bedeutung haben wird, wenn wir vor deinem Richterstuhl stehen. Wir bitten dich für die, die keinen Ausweg aus ihrer Lage wissen, die verzweifelt oder verängstigt sind: Hilf, dass sie erkennen, wie sehr du auch sie liebst, damit sie erfahren: sie sind nicht allein. Schenke den Verbitterten, dass sie erkennen, wie sehr die Verbitterung ihrer Seele die Luft zum Atmen nimmt.

Lass dein Licht in ihr Dunkel leuchten, damit sie den Weg erkennen, der zu Freiheit und Frieden führt. Herr Gott, lass uns Gutes tun, damit das Böse überwunden wird, denn du hast uns so viel Gutes getan. Dir sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit. Vater unser

SEGEN  

Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden AMEN

Bleiben Sie alle gesund und behütet

Ihre

Margaretha Eidam, Diakonin/ Prädikantin

 

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