Andacht 4. So. v. d. Passionszeit 06.02.2022 von Pfarrer i. P. Martin Hahn

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Psalm 116

Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der Herr tut dir Gutes. Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen. Wie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltat, die er an mir tut? Ich will den Kelch des Heils nehmen und des Herrn Namen anrufen. Dir will ich Dank opfern und des Herrn Namen anrufen. Ich will meine Gelübde dem Herrn erfüllen vor all seinem Volkin den Vorhöfen am Hause des Herrn, in dir, Jerusalem. Halleluja!

Schriftlesung Lk 10, 38-42

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369)

  1. Wer nur den lieben Gott lässt walten / und hoffet auf ihn allezeit, / den wird er wunderbar erhalten / in aller Not und Traurigkeit. / Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, / der hat auf keinen Sand gebaut.
  2. Was helfen uns die schweren Sorgen, / was hilft uns unser Weh und Ach? / Was hilft es, dass wir alle Morgen / beseufzen unser Ungemach? / Wir machen unser Kreuz und Leid / nur größer durch die Traurigkeit.
  3. Man halte nur ein wenig stille / und sei doch in sich selbst vergnügt, / wie unsers Gottes Gnadenwille, / wie sein Allwissenheit es fügt; / Gott, der uns sich hat auserwählt, / der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Ansprache

Ich glaube, dass Neid nur eine Facette der Angst ist. Der Angst, dass es nicht reichen könnte. Diese Angst, dass das was wir brauchen, das was uns erhält und trägt das irgendwann bröckeln irgendwann versickern könnte. Dass die Quelle, irgendwann einfach versiegt. Manchmal äußert sich diese Angst als Geiz. Dieser Impuls, Klopapier zu horten. Zeug zu sammeln, das dann einfach rumsteht. Einfach mehr zu nehmen, als man braucht, weil man dem misstraut, was man hat. Man verliert sich an das viele, das man trotzdem nicht genießen kann. Manchmal äußert sich diese Angst als das Aufschieben in alle Ewigkeit. Denn das bedeutet ja das Steigern des eigenen Machtgefühls durch das ewige Offenhalten aller Optionen. Denn man ist angreifbar, wenn man sich auf irgendetwas wirklich festlegt hat. Wenn man sich für irgendetwas entscheidet. Wenn man sich für den einen, für die eine wirklich entscheidet. Die Angst macht aus dem einen Gott, der übersprudelnden Quelle der Gnade ein Rinnsal, etwas das nicht reicht, das zu unsichtbar ist, um die empfundene Knappheit von allem zu überbrücken.   Ich glaube die Geschichte von Maria und Marta beackert diese Angst, dass es nicht reichen könnte. Erstmal regt sie einen ja auf, weil Jesus Maria lobt und nicht Martha. Martha ist zwar ein bisschen übergriffig, aber doch zupackend und sie traut sich auch Kritik zu äußern, Maria viel zu passiv und unterwürfig. Ich glaube aber, das ist nicht der Witz der Geschichte. Der Witz ist, sie sind alle drei etwas übergriffig. Martha ist vollkommen übergriffig, denn sie lädt einen fremden Mann ein, einfach allein in ihr Haus zu kommen. Das war damals ziemlich direkt, könnte man sagen. Bis heute ist das in arabischen Ländern für alleinstehende Frauen ein Tabu. Maria ist übergriffig denn setzt sie sich Jesus vor die Füße. Die Füße sind in der Bibel ja meistens ein Euphemismus für Sex. Auf jeden Fall ist es ziemlich intim, was sie da macht. Außerdem sitzen Männer in der Antike normalerweise zu Füßen ihrer Meister, weil sie ja selber Meister werden wollen. Es ist die klassische Haltung in einer Rabbinatsschule. Indem Maria das einfach so mal macht als Frau, zeigt sie: Jesus, ich will Rabbinerin werden. Sie zerdeppert damit die Gendervorstellungen ihrer Zeit. Und Lukas ist ihr Komplize, denn er erzählt seiner Zeit (und auch der katholischen Kirche unserer Tage) diese Geschichte. Martha weiß um diese Frechheit, aber sie stört etwas anderes: Maria kümmert sich nicht um´s Essen. Die Psychologen nennen das was Martha dann macht, Triangulation: Sie zieht Jesus mit rein in das Problem, dass sie eigentlich mit ihrer Schwester hat. Ein bisschen schwingt auch mit: Ey Jesus, du bist undankbar. Statt seine Gegenwart zu genießen, bosst sie ihn also herum. Und dann reagiert Jesus selber ein bisschen übergriffig: er „disst“ ja schließlich seine Gastgeberin. Aber was sagt er genau? Ich finde, er geht er auf ihre Angst ein. „Du sorgst dich um vieles, doch eines ist nötig“. Denn weil man Angst hat, dass das eine was man ist, nicht reicht, fängt man an mit dem Geiz oder dem Neid oder dem Aufschieben, fängt man an, sich in die falsche Sicherheit des vielen zu verlieren. All der Aufwand, den Marta da treibt, all das Getöse in der Küche und der Rabbatz gegen die Schwester sagen also vielleicht: bloß vor deinen Füßen zu sitzen und zu genießen dass du da bist, reicht nicht. Ein bisschen fromm gesagt: Marta glaubt nicht, dass Jesus genügt. Sie regt sich auf über Maria, verliert sich an das viele statt sich zu besinnen auf das eine. Ich glaube in Jesus ist Gottes völlige Aufmerksamkeit auf uns gerichtet. Er begegnet uns als einer von uns, von Angesicht zu Angesicht. Gott geizt nicht, und er verliert sich damit auch nicht an das viele. Er bleibt der eine und er entscheidet sich für das eine, nämlich bei uns zu sein. Das zu genießen genügt. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus. Amen

 

Lied: Meine engen Grenzen (EG 584)

  1. Meine engen Grenzen, / meine kurze Sicht / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Weite: / Herr erbarme dich.
  2. Meine ganze Ohnmacht, / was mich beugt und lähmt, / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Stärke: / Herr erbarme dich.

 

Fürbittengebet / Vaterunser

Herr, wir brauchen Erneuerung, in jeder Hinsicht. Gib, dass uns die Heilige Schrift selber reicher wird, wie sie es auch in anderen Zeiten der Krise geworden ist. Dass uns dein Evangelium neu aufrichtet und wir im Licht der Geschichten verwandelt werden. Sodass es von Wir rufen gemeinsam: Herr erbarme dich.

Herr wir bitten um Einsicht, Reue und Umkehr in den Kirchen. Wir nehmen die Zustände unter unseren katholischen Geschwistern wahr. Es ist zum Davonlaufen. Und wir Evangelen ahnen, dass es sexuellen Missbrauch auch unter uns gegeben hat. Schenk uns Wachheit für dieses Problem, schenk uns Offenheit für die Opfer und die Kraft, zu ändern was grundlegend geändert werden muss. Damit Opfer geschützt werden. Damit Fälle rigoros aufgedeckt werden. Damit Täter in kirchlichen Organisationen nicht mehr unterkommen können. Wir rufen gemeinsam: Herr erbarme dich.

Wir bitten dich für unsere Geschwister im Glauben in der Ukraine und in Russland. Fall den Mächtigen in den Arm. Gib, dass sie ahnen, dass all ihre Macht und Spiel mit dem Leben einst von dir gerichtet werden. Schenk

Einsicht und gib Frieden. Wir rufen gemeinsam: Herr erbarme dich.

Und in der Stille bringen wir die andern vor dich, die wir jetzt im Herzen tragen.

– Stille –

Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen

Segen

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.

Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der gütige Gott.

 

Gehen Sie in die Woche im Frieden des Herrn.

Ihr Pfarrer Martin Hahn

 

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