Andacht 7. So. n. Trinitatis, 31.07.2022, von Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Ich habe so viel – und trotzdem bin ich manchmal ganz leer. Ich werde täglich satt, trotzdem habe ich einen ungeheuren Durst nach Mehr. Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht beschreiben kann …

Dass Gott körperlichen und seelischen Hunger stillt, davon erzählen die Lesungen des 7. Sonntag nach Trinitatis, der aus verschiedenen Perspektiven das Abendmahl beleuchtet. Essen und Trinken, Feiern und Teilen sowie große Gastfreundschaft gehören zum christlichen Glauben. Jesus nahm die natürlichen Bedürfnisse der Menschen ernst, sättigte Tausende mit fünf Broten und zwei Fischen und saß mit unterschiedlichsten Menschen zu Tisch. Im Abendmahl setzen Christen von Anfang an diese einträchtige Tischgemeinschaft fort und nehmen die Zeit vorweg, in der der Hunger nach wahrem Leben gestillt sein wird. – Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Lied: Eingeladen zum Fest des Glaubens (EG+ 32)

Psalm 107

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. So sollen singen, die erlöst sind und die Gott aus ihrer Not befreit hat. so sollen singen, die Gott zusammengerufen hat aus den Ländern des Ostens und des Westens, aus dem Norden und dem Süden. So sollen singen, die in ihrer Angst zu Gott rufen und die er befreit aus ihrer Not. So sollen singen, die sich in der Wüste verlaufen und doch zurückfinden an den Ort, an dem sie sicher wohnen. So sollen singen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit und die errettet werden aus ihrer Not. So sollen singen, die erfüllt sind durch die Güte Gottes und deren Seele gesättigt wird durch jedes Wort seines Mundes. So sollen singen, die Gott auf rechter Straße führt und durch seine Hand beschützt. Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.

Gebet

Gott, du sättigst unseren Leib mit dem Brot der Erde und speist unsere Seele mit dem Brot des Himmels. Hilf uns, dass wir deine Gaben dankbar empfangen. Lass uns auf das schauen, was du uns täglich schenkst, und nicht auf das, was wir nicht haben. Und hilf uns, von der Fülle unserer Güter abzugeben, damit auch andere davon gesättigt werden. Amen

Joh 6,1-15 – Ansprache

Danach ging Jesus weg ans andre Ufer des Galiläischen Meeres, das auch See von Tiberias heißt. Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Jesus aber ging hinauf auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden. Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das für so viele? Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten. Als sie aber satt waren, spricht er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren. Als nun die Menschen das  Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich  der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er allein.

Liebe Leser*innen.

Die Geschichte von der Speisung der Fünftausend hat bestimmt jeder und jede schon oft gehört, vielleicht nicht unbedingt fünftausend Mal, aber gewiss häufig genug, dass wir sagen können: Diese Geschichte ist bekannt. Sie kommt ja auch in allen vier Evangelien vor, bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Das ist schon etwas Besonderes, denn nicht viele Geschichten stehen bei allen vier Evangelisten. Wir können das als einen Hinweis nehmen: Diese Geschichte war weit verbreitet, oft erzählt und offenkundig so „typisch Jesus“, dass keiner der Evangelisten ohne sie auskommen wollte oder auskommen konnte. Noch verwunderlicher finde ich, dass viele Details der Geschichte in allen vier Varianten gleich erzählt werden. Es geht einmal um die 5000, Männer, wie dazu gesagt wird. Dann um fünf Brote und zwei Fische und schließlich um die zwölf Körbe, die mit den Resten – nach dem alle satt geworden waren – noch gefüllt werden. Gleich ist in allen vier Varianten auch, dass Jesus mit seinen Jüngern diskutiert. Sollen die hungrigen Leute selber gehen und sich etwas zum Essen kaufen? Sollen das die Jünger für sie erledigen? Haben sie überhaupt genug Geld dabei, um ausreichend Brot kaufen zu können? Skeptische Realisten wie Philippus und vorsichtige Optimisten wie Andreas – unterschiedliche Meinungen. Jesus scheint sehr klar gewesen zu sein: Gebt ihr ihnen zu essen – so sein Auftrag bei Markus. Große Einmütigkeit herrscht über das Ende der Geschichte: Alle wurden satt. Von dort – vom Gras – von Jesus – ist niemand hungrig weggegangen. Hunger gestillt, Sehnsucht erfüllt. Halt, das nicht ganz. Denn die Leute wollten ihn ja zum König machen. Aber da spielt Jesus nicht mit. Er entweicht wieder auf den Berg, auf dem er bereits am Anfang gewesen war, diesmal aber nicht mit den Jüngern, sondern nur er – er allein. Gemeinsam wird auch erzählt, dass Jesus das Brot nahm, dafür dankte, es gebrochen hat und es dann verteilte. Die Anklänge an das Abendmahl sind überdeutlich. Als sollte gesagt werden: Diese Speisung setzt sich fort, Sonntag für Sonntag, diese Geschichte wird immer weiter erzählt und die verschiedenen Meinungen gibt es bis heute: Es sind zu viele, die zu uns gekommen sind, die Not leiden und Hilfe suchen. Wir haben zu wenig, um allen helfen zu können und so weiter. Aber Jesus ist beharrlich: Gebt ihr ihnen zu essen. Und bis heute: Es ist genug für alle da. Alle werden satt. Johannes unterstreicht das noch, indem er eine Zeitangabe macht, die man womöglich leicht überhört: Es war kurz vor dem Passa. Als wäre da eine Verbindung zu sehen: Passa, das Fest der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Die Wanderung durch die Wüste, Hunger und Durst und das Murren der Menschen, die lieber in sicherer Existenz und in Unfreiheit leben wollten – sie sehnten sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens – als das Wagnis der Freiheit zu tragen. Aber Gott hat sie versorgt. Ausreichend. Tag für Tag. Wir haben die Geschichte vom Manna, vom Himmelsbrot gehört. Denn Jesus setzt fort, was damals begonnen hat. „Ich bin das Brot des Lebens“ – so setzt er bei Johannes die Speisung fort (Joh. 6,35.48). Was immer wieder verheißen wurde. Was durch die Kirche in dieser Welt nicht mehr verstummen wird: Es ist genug für alle da. Alle werden satt. – Und dann ist da ein Detail, das bei Johannes anders erzählt wird als bei den anderen Evangelien. Das Kind. Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Wo kommt dieses Kind her? Wohin ist es unterwegs? Es trägt mehr an Nahrung mit sich, als es selber für sich allein benötigt. In der wundersamen Speisung des Propheten Elisa viele Generationen vor Jesus kommt auch ein Kind vor (2.Kön. 4,42-44). Will Johannes daran erinnern? Ich weiß es nicht. Ich denke, das Kind kommt von einem nahegelegenen Dorf, einem Hof, und bringt vielleicht den Menschen, die irgendwo draußen arbeiten, die Schafe hüten oder ein Feld bestellen, das tägliche Brot. Wie es ja bei uns auch üblich war, etwa beim Rübenhacken oder zur Kartoffelernte, dass das Mittagessen hinausgebracht wurde und dann alle, die dort seit dem frühen Morgen gearbeitet haben, sich stärken konnten. Das Kind und sein Korb mit Mittagessen lassen auf einfache Verhältnisse schließen. Brot aus Gerstenmehl, das war das Armeleutebrot, das Alltagsbrot, um das für jeden Tag gebetet wurde. Der Weizen, von dem es in Galiläa viel gegeben hat, viel mehr als Gerste, ging so gut wie ganz in den Export. Weizen war für die Einheimischen zu teuer. Und die zwei Fische – es werden wohl geräucherte oder gepökelte Fische gewesen sein, das war am See Genezareth üblich gewesen. Aber wie gerät dieses Kind in unsere Geschichte? Hat es seinen Auftrag vergessen und ist einfach mit der Menge mitgelaufen? Oder ist es einfach rein zufällig des Weges gekommen und in die Schar geraten, die sich dort am Gras ausgebreitet hatte? – Es muss genügen, wenn Andreas sagt: Es ist ein Kind hier, das hat ein wenig von dem, was unser Problem lösen würde. Aber bestimmt nicht genug. Jesus hat es anders gesehen: Mit dem

Kind und dem Wenigen, das es bei sich hatte, war der Anfang gemacht, war sogar die Entscheidung gefallen: Jetzt sollen sich alle lagern auf dem grünen Gras. Jetzt ist es klar und eindeutig, wie die Geschichte weitergehen kann und weitergehen muss. Andreas sieht die fünf Brote und zwei Fische und sagt: Zuwenig! Jesus hingegen sieht die fünf Brote und zwei Fische und sagt: Genug! Einstellungssache. Hoffnungssache. Rechnen in Kalorien oder Rechnen in Gottesverheißung? Deshalb trägt ein Kind diese Hoffnung. Weil sie nach so wenig, ja nach gar nichts aussieht. Aber aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hat sich Gott eine Macht zugerichtet, heißt es im achten Psalm. Und Gott wird Mensch nicht als Erwachsener, sondern als Kind. So stellt auch Jesus den Seinen das Kind in die Mitte und sagt: „Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind wird nicht hineinkommen.“ Im Kind begegnet uns unsere eigene Zukunft. Schau dem Kind in die Augen und dann sage mit Andreas: Zuwenig. Gott lehrt uns mit Jesus dem Kind in die Augen zu sehen und immer zu sagen: Genug! Auf jeden Fall! Ohne jeden Zweifel! Es ist genug für alle da. Alle werden satt. – Zwölf Körbe bleiben übrig. Nichts wird weggeworfen. Das Kind nimmt sich wohl wieder, was es gegeben hat und es ist mehr, als es vorher gewesen war. Seltsam, wie auf dem Acker der Solidarität, wie auf dem Feld der Mitmenschlichkeit, dem immergrünen Gras der Hoffnung das Geteilte wächst und sich vermehrt. Amen

Lied: Brich dem Hungrigen dein Brot (EG 418)

Fürbittengebet / Vaterunser

Gott, du weißt um unsere Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, du weißt um unseren Hunger nach Liebe und Zuwendung. Du schenkst uns deinen Sohn, Jesus Christus, der unsere Sehnsüchte stillt und uns mit dem Brot des Lebens sättigt. Wir bitten dich: Mach uns bereit, von der Fülle abzugeben, die wir deiner Gnade verdanken. Damit das Brot für die ganze Welt reicht, und auch die Hungernden täglich satt werden. Schärfe unseren Blick, dass wir Armut und Ungerechtigkeit wahrnehmen hier vor unserer Tür, aber auch in aller Welt. Damit wir das Unsere dazu beitragen, dass die Not gewendet werde. Hilf uns, zu einer Gemeinde zu werden, die offen ist für alle Menschen, die zu uns kommen. Damit wir niemanden ausgrenzen, der anders lebt oder anders glaubt als wir. – Vater unser im Himmel…

Segen

Der Herr segne und behüte dich; er lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen +++

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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