Andacht Buß- und Bettag, 16.11.2022

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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Was der Reformationstag für die Kirche ist, das ist der Buß- und Bettag für den Einzelnen und die Gesellschaft. Er lädt zur Selbstbesinnung, zur Umkehr und zum Gebet ein. 1995 wurde der Buß- und Bettag in Deutschland, mit Ausnahme des Bundeslandes Sachsen, von der Bundesregierung als regulärer Feiertag abgeschafft. In den Kirchen hat dieser Tag zum Innehalten, zur Neuausrichtung und für das Gebet dennoch weiterhin eine hohe Bedeutung. Das Motto für den Buß- und Bettag 2022 lautet „Und jetzt?“ – So eine Frage stellt man, wenn man nicht ganz weiß, wie es weitergehen soll. Sie scheint zu passen, wenn wir uns die Welt derzeit anschauen. „Und jetzt?“

Lied: Wohl denen, die noch träumen (EGPlus 41)

Gebet

Barmherziger Gott,   du wendest dich den Menschen zu, du gibst die Welt nicht auf. Du gibst eine Chance allen, die dich suchen. Darum bitten wir: Sei uns gnädig. Erneuere uns in der Kraft deines Geistes durch Jesus Christus, Retter und Heiland der Welt. Amen

Ansprache Off 3,1-6

Liebe Leser*innen, stellen Sie sich vor: es ist Nacht; Sie wachen von einem Alarmton auf; es ist nicht Ihr Wecker; Sie tasten nach dem Lichtschalter – es bleibt dunkel: Stromausfall. Erschrocken erinnern Sie sich: Sie sind nicht zuhause, sondern im Hotel. Schlagartig wird Ihnen klar: das ist ein Feueralarm. Sie greifen im Dunkeln nach Hose und Jacke, suchen Ihre Schuhe und rennen aus dem Zimmer. Und jetzt? Wer schon einmal in einem Hotel einen Feueralarm erlebt hat, weiß, wie hilfreich die beleuchteten grünen Schilder mit der laufenden Figur und dem Pfeil sind. Notausgangsschild – so heißt das grüne Schild, das den Fluchtweg anzeigt. Man sieht darauf eine Figur rennen und einen weißen Pfeil. Er zeigt die Laufrichtung zum nächsten Notausgang an. So kann jede und jeder den schnellsten Weg ins Freie finden. Egal ob man lesen kann oder nicht; das Zeichen funktioniert ohne Worte. Notausgangsschilder dienen der „Selbstrettung“ heißt es im Amtsdeutsch. Sie zeigen einem den Weg, wenn man auf sich allein gestellt die Flucht nach draußen antreten muss: Folge dem Pfeil! Ein Schild, wie dieses gibt es nicht. Anstelle eines eindeutigen Pfeils steht dort eine Frage: „Und jetzt?“ So ein Schild würde jede Rettung unmöglich machen. Man wäre auf sich selbst gestellt: denn man müsste die Frage für sich selbst beantworten: links oder rechts, vor oder zurück? Ein Schild, so scheint es, wie aus einem Albtraum. „Und jetzt?“ Entscheide dich! Eine kurze und einfache Frage verlangt nach einer schnellen und einfachen Antwort. Aber die Frage weitet sich aus, sie wird komplex in den vielen Krisen mit Corona, Krieg und Klimakrise, mit Inflation und steigenden Energiepreisen; mit dem Gerangel um Prioritäten und Gerechtigkeit. „Und jetzt?“ Welche Richtung ist die richtige? Welcher Weg ein Ausweg? Die moralischen Grundsätze scheinen sich zu verschieben: Menschen, die bis vor einem halben Jahr niemals Aktien von Rüstungsunternehmen gekauft hätten, denken heute darüber nach; Manche, die immer gegen Atomkernkraftwerke waren, stimmen jetzt für Laufzeitverlängerungen; Und wenn es an den eigenen Geldbeutel geht, dann ist manchen egal, woher die Energie für die Heizung kommt. Russlands Machthaber Wladimir Putin will die westlichen Demokratien destabilisieren und spalten. Die Angst geht um vor einem Auseinanderreißen der Gesellschaft. Kirchen, Diakonie, Gewerkschaften und Sozialverbände warnen seit dem Sommer vor den unsozialen Folgen von Inflation und gestiegenen Preisen für Energie und Lebensmittel[1]

„Und jetzt?“ Die Figur auf dem Schild rennt, aber weiß nicht wohin. Der Pfeil fehlt. Die Richtung ist unklar. Auf mich allein gestellt, werde ich kaum den Ausweg finden.

„Und jetzt?“ – wenn der Pfeil fehlt, wenn man orientierungslos ist, dann hilft es, stehen zu bleiben. Nicht in Panik verfallen. Kräfte sammeln. Klare Gedanken fassen. Erinnern. – Der Buß- und Bettag ist dafür gemacht: als Tag gegen Panik und blinden Aktionismus, ein Tag gegen Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit; als Tag zum Kraft schöpfen und nachdenken; als Tag zum Erinnern, an das, was trägt und Halt gibt. Und zugleich ist er ein Tag, der daran erinnert, dass wir nicht auf uns allein gestellt sind. Ich muss nicht allein den Ausweg, den richtigen Weg finden. Ich gehöre zu einer Gemeinschaft, in der niemand zurückgelassen wird. Wer hier fragt: „Und jetzt?“, findet Menschen, die sich mit auf die Suche machen nach Antworten: egal, ob es um das eigene Leben, die Sorge um andere oder die großen Fragen nach dem richtigen Leben in dieser Welt geht: was ist – um Gottes willen – jetzt dran? Eine Antwort darauf finde ich im Predigtwort für den diesjährigen Buß- und Bettag. Es ist der Ruf zum Wachwerden, zum Lebendig sein, zum Überwinden. Hören wir, was der Engel der Gemeinde, was Christus der Kirche zuruft. Das Buch der Offenbarung (3,1-6): (BasisBibel) »Schreib an den Engel der Gemeinde in Sardes: ›So spricht der, der Macht über die sieben Geister Gottes hat und der die sieben Sterne hält: Ich kenne deine Taten. Ich weiß, dass du in dem Ruf stehst, lebendig zu sein. Aber du bist tot. Wach auf! Stärke die, die übrig sind und fast gestorben wären. Denn ich habe festgestellt, dass deine Taten nicht vollkommen waren in den Augen meines Gottes. Denk doch daran, wie du meine Botschaft empfangen und gehört hast. Befolge sie wieder und ändere dich. Wenn du nicht aufwachst, werde ich so unerwartet kommen wie ein Dieb. Und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich gegen dich vorgehen werde. Aber es gibt einige Leute in Sardes, die ihre Kleider nicht schmutzig gemacht haben. Sie werden weiße Gewänder tragen und mit mir zusammen auf dem Weg sein. Denn sie sind es wert. Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, dem wird ein weißes Gewand angezogen. Niemals werde ich seinen Namen aus dem Buch des Lebens streichen. Vielmehr werde ich mich vor meinem Vater und vor dessen Engeln offen zu ihm bekennen.‹ Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt!«

Wach auf! – Das ganze Bibelwort ist ein einziger Weckruf. Es brennt und du schläfst? Ich weiß, dass du in dem Ruf stehst, lebendig zu sein. Aber du bist tot. Wo ist deine Lebensenergie, dein Einsatz für das Leben? Es ist eine Anrede an die ganze Kirche, an alle Christinnen und Christen: ihr tragt den Namen Christi, des Auferstandenen und lebt doch als wärt ihr tot! Ihr tragt den Namen Christi, den Gott von den Toten auferweckt hat und verschlaft das Leben! Es ist Feueralarm in der Nacht der Welt. Werdet wach! Wir tragen den Namen Christi: wir nennen uns Christinnen und Christen. Wir sind „Aufgeweckte“, „Auferweckte“ wie Christus. Wir haben in der Taufe alles bekommen, was es braucht zum Leben: den Geist und die Kraft, dazu die Liebe, die Gemeinschaft und das ewige Leben, Leben über den Tod hinaus. Der Theologe Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1919) sagte: „Wir sind doch eigentlich ‚Protestleute gegen den Tod.’“ Das ist unsere Berufung: protestieren gegen alles, was klein und ängstlich macht, gegen alle und alles, was einschüchtert und abgrenzt, was unterdrückt und ausbeutet. Doch wir leben nicht so. Jedenfalls nicht immer. Das ist die realität. Bei uns selbst, in der Welt und in der Kirche auch. Wir sind nicht, wie wir sein sollten, wozu wird berufen sind: Denn ich habe festgestellt, dass deine Taten nicht vollkommen waren in den Augen meines Gottes. „Ich weiß, dass du in dem Ruf stehst, lebendig zu sein. Aber du bist tot.“, das ist ein hartes Urteil. Da gibt es keinen Notausgang mehr. Hier geht es nicht weiter. „Und jetzt?“ Wach auf! Stärke die, die übrig sind und fast gestorben wären. Einfach aufgeben? Keine Option für Christenmenschen, keine Option für die Protestleute gegen den Tod. Einander aufwecken und stärken – das ist jetzt dran. Nochmal genau hinhören auf die Botschaft Christi und raus aus der Sackgasse der Verschlafenheit, der Antriebslosigkeit, der Resignation. Schauen wir noch mal auf das Schild, auf das „Notausgangsschild“: Und jetzt? Es ist Feueralarm in der Nacht der Welt, aber wir bleiben nicht liegen. Wir lassen niemanden allein. Weil wir nicht allein sind. Christus ist da. Für ihn haben die Zahlen Namen: Die unendlichen Zahlen von Flüchtlingen, Kriegstoten; Die unvorstellbare Zahl von Leidtragenden auf dieser Welt – Christus kennt ihre Namen. Und wenn das auch für uns, für unser kleines Gehirn zu viel ist, wir sollten nie vergessen, dass es in jeder Statistik, jeder Nachrichtenmeldung, jeder politischen Entscheidung um Menschen geht: mit einem Namen und einem Wert und einer Würde. Denk doch daran, wie du meine Botschaft empfangen und gehört hast. Befolge sie wieder und ändere dich. Feueralarm in der Nacht. Gut, wenn es Notausgangsschilder mit einem Pfeil gibt, die den Weg zum Ausgang, den Aus-Weg zeigen. Der Pfeil am Buß- und Bettag zeigt uns die Richtung: umkehren! Umkehr heißt Buße wörtlich übersetzt. Der Pfeil zeigt in die andere Richtung: Nächstenliebe statt Hass und Abgrenzung; Gemeinschaft statt Polarisierung; Wir sollen die Schwachen mitnehmen. Statt „Rette sich, wer kann“ soll gelten: „Wer kann, rette die anderen!“ Wem es gut geht, hilft dem, der Hilfe braucht. Schauen wir noch mal auf das Bild des Gebetsheftes: Auf dem Notausgangsschild sehen wir eine Person laufen. Auf jedem Notausgangsschild ist ein laufender Mensch gezeichnet. Mich erinnert das daran: Christenmenschen laufen Christus hinterher. Jetzt. Jeden Tag. Jede Stunde. Wir lassen uns anrühren von dem, was geschieht. Aber wir erstarren nicht. Wir laufen Christus hinterher, der den Weg zum Leben kennt. Ihn will ich fragen: „Und jetzt?“ Und Christus, der Lebendige wird antworten. Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt! Amen

Lied: Lass uns in Deinem Namen Herr (EG 614,1-4)

Fürbittengebet / Vaterunser

Gott, du hast uns unsere Sünden vergeben, gestärkt und ermutigt, belebt und erquickt. Wir bitten dich für den Weg, den wir jetzt gehen. Wir bitten dich um Verständnis für unsere Mitmenschen, um Hilfsbereitschaft und um den Mut, die Wahrheit zu sagen. Wir bitten dich für unsere Kirche und die ganze Christenheit, dass sie über alles Trennende hinweg eins werde im Glauben und im Tun. Für unser Volk und alle Völker der Welt, dass sich Gerechtigkeit durchsetze und Friede werde, wo Krieg ist. Für Menschen in Not und Bedrängnis, dass ihnen geholfen werde. – Vater unser im Himmel,…

Segen

Der Herr segne und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen+++

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlichst, Ihre

Sabine Klatt, Diakonin/Prädikantin

[1] https://www.policat.org/p/9784

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