Andacht Drittletzter So. im Kirchenjahr, 07.11.2021, von Pfarrerin Anna scholz

  • Beitrags-Kategorie:Andacht
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Friede sei mit Euch. Wir sind hier zusammen zum Gottesdienst am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres. November, ein dunkler Monat, in dem wir uns mit den dunklen Seiten des menschlichen Lebens beschäftigen, auch an den kommenden Sonntagen, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag wird das so sein. Heute geht es um einen Preditgtext, der eher ungewöhnlich ist: Die Geschichte von Deborah und Jael und ihren Feinden, aus dem 4. und 5. Kapitel des Richterbuchs. Der Text war der diesjährige Predigttext für den evangelischen Frauensonntag, der in einigen Gemeinden begangen wird. Ein schwieriger Text, an dem man sich stoßen kann, aber auch solche Texte gehören zu den biblischen Erzählungen dazu.

Gebet

Gott, du lässt deine Sonne aufgehen über Böse und Gute. Du willst, dass wir auch unsere Feinde lieben, nicht immer gelingt das. An so vielen Orten ist Krieg und Unterdrückung und auch in unseren kleinen persönlichen Ebene sind manchmal dunkle Seiten. Hilf uns, darauf zu vertrauen, dass die Liebe trotzdem stärker ist als alle zerstörerischen Kräfte. Hilf uns, Frieden zu machen. Das bitten wir durch Jesus, unseren Bruder und Herrn in Ewigkeit. Amen

Schriftlesung Richter 4/5

In den Tagen von Jael waren die Wege verödet, und die auf Pfaden gingen, mussten gewundene Wege gehen…(Ri 5,7)

Jael steht da. Die Luft im Zelt ist stickig, fast zum Schneiden. So lange geht das nun schon. Bürgerkrieg. Kämpfe. Vergewaltigungen. Konflikte. Frauen und Kinder werden verletzt, getötet in diesem Chaos. Versuchen durchzuhalten, Tag für Tag. Aushalten, nicht müde werden. Auf bessere Tage hoffen. Die Tiere versorgen. Essen machen für die erschöpften Männer, die sich von den Kämpfen erholen. Kinder trösten. Sich um die Alten kümmern. Lange schon ist Jael zornig. Nie hat sie etwas gesagt. Wird sich ja eh nichts ändern, denkt sie. Dabei könnte es besser sein. Aber das bestimmen die Mächtigen, die Männer. Die sowieso alles bestimmen. Wer hört schon auf eine Frau. Und es gehört sich auch nicht für Frauen, offen zu sprechen, so hat Jael es gelernt. Freundlich soll sie sein und sanft. Ruhig und verständnisvoll. Ihre Arbeit machen und schweigen, so lang keiner sie fragt. Und es fragt sie keiner. Außer, wenn sie zu langsam ist. Etwas nicht klappt. Oder wenn sie selbst müde wird. In Jael ist Wut. Wie eine dunkle Wolke. Schwer fühlt sich das an, fast zum Bersten. Nie hat sie das gezeigt… Und da liegt er nun, Sisera. Eigentlich hat Jael gar nichts mit ihm zu tun. Ein Heerführer ist er, einer von denen, die ziemlich weit vorne mitmischen in den Grabenkämpfen, die überall sind. Mit ihrer Sippe hat er eigentlich keinen Streit. Deshalb hat sie ihn bewirtet. Ihm ein Lager gemacht. Wie es üblich ist. Jael schaut ihn an.   Sie weiß, er ist einer von denen, die Frauen quälen. Kinder misshandeln. Plündern und morden. Da schläft er. Schnarcht und kriegt nichts mit. Sie zögert nicht. Nimmt einen Pflock, so einen, mit dem sie die Zelte im Boden verankert. Sie setzt ihn Sisera an die Schläfe. Und dann schlägt sie zu.

In den Tagen von Jael waren die Wege verödet,

und die auf Pfaden gingen, mussten gewundene Wege gehen…(Ri 5,7)

Deborah triumphiert. „Jael sei gesegnet“ singt sie. Ein Lied des Sieges. Ein kraftvolles Lied. Ein Lied voll Erleichterung. Ein Spottlied gegen die Mächtigen. Sie hat es geschafft. Interveniert, manipuliert und gewonnen. Deborah und Jael. Zwei Frauen nehmen das Geschick in die Hand. Grausam und brutal endet die Geschichte. Ein Triumphzug voller Blut. Unterdrückte begehren auf und befreien sich. Beseitigen ihre Unterdrücker. Ruhe kehrt ein nach der gewaltsamen Tat. Aber Frieden? Voller Grausamkeit ist die Geschichte. Hier siegt Gewalt. Menschen werden so, wenn sie keinen Ausweg sehen. Wenn sie unerhört sind. Wenn ihre Wut keinen Platz hat. Und doch ist diese Geschichte schwer zu ertragen. In den Tagen Jaels waren die Wege verödet, und die auf Pfaden gingen, mussten gewundene Wege gehen. „Wohin mit meiner Wut“ heißt ein Buch der US-amerikanischen Psychologin Harriet Lerner. Sie beschreibt darin, dass es oft Frauen sind, die ihre Wut unterdrücken. Gefühle für sich behalten, um des lieben Friedens willen. Krank kann das machen und depressiv. Und in eine destruktive Spirale führen, in der etwas eskaliert, und Gewalt zum einzigen Ausweg wird. Frauen sollen behüten. Frauen sollen schützen. Trösten. Frieden stiften. Gleichgewicht herstellen, wenn die Welt ins Wanken gerät. Beschwichtigen. Bewahren. Anderen gefallen. Und manchmal hältst du das einfach nicht aus. Für die Kinder sorgen und ihnen einen guten Weg ebnen. Deine Arbeit machen, denn schließlich liebst Du deinen Job. Eine gute Ehefrau sein, freundlich, liebevoll und sexy zugleich. Verständnis haben, für alle. Wissen, dass du gebraucht wirst und für alle da sein: Die alten Eltern. Den Bruder, der seinen Weg noch nicht so recht gefunden hat. Den Mann, der seine beruflichen Sorgen mit dir teilt. Die Kinder, die alle gleichzeitig Schnupfen haben. Und manchmal wird das zu viel. Und du schreist los. Dir rutscht die Hand aus. Du machst anderen Vorwürfe. Wer eigentlich ist schuld an deiner Lage? Die anderen? Du selbst? Die Strukturen, in denen ihr lebt? Dann verbeißt du dich in deiner Wut. Fronten bilden sich. Frust und das Gefühl von Ausweglosigkeit. Spannung und Schmerz. Ein Kreislauf aus Wut und Verzweiflung beginnt, unaufhaltsam.

Hannas Geschichte zum Beispiel. Als Kind schon hat sie das Gefühl gehabt, irgendwie nicht richtig zu sein. Den ruhigen jüngeren Bruder hat die Mutter mehr geliebt als sie, das anstrengende und wissbegierige kleine Mädchen. Und der Vater, der eher stolz auf seine begabte Tochter war, der war selten zu Haus. Studieren durfte sie – aber nicht das Fach, das sie wollte. Geld gaben die Eltern ihr – aber immer zu knapp. Fertig werden in kürzester Zeit, das war ihnen wichtig.Die Gedanken der Tochter, ihre Entwicklung interessierten sie nicht. Ich mache es ihnen nicht Recht. Irgendwie bin ich nicht richtig. Gibt es überhaupt einen Platz für mich, an dem ich willkommen bin? Mit diesem Grundgefühl hat Hanna gelebt. Lange Zeit. Sich selbst hat sie‘s nicht leicht gemacht und anderen auch nicht. Dann kam die Liebe – endlich doch. Einer, der sie zu verstehen schien. Einer, der ähnliche Gedanken und Pläne hatte wie sie. Sie feiern Hochzeit. Kaufen ein Haus. Drei Wunschkinder werden geboren, schnell, bevor wir zu alt sind. Als alles zu viel wird, gibt Hanna ihren Beruf auf. Die Kinder sind ihr Glück – und überfordern sie manchmal. Ihr Mann hat einen anspruchsvollen Beruf. Der braucht seine ganze Energie. Die Partner werden sich fremd. Kälte breitet sich aus. Plötzlich kontrolliert er sie: Wo bist du gewesen? Was hast du schon wieder gekauft? Mit wem telefonierst du so lange? Miteinander reden wird schwierig. Ich mache es ihm nicht recht. Keinem kann ich es recht machen. Bin ich eine Versagerin? Hanna sucht Hilfe. Sie beginnt eine Therapie. Ihr Mann: Das ist Vertrauensbruch! Du redest über uns mit einem Fremden! Am Ende sieht Hanna nur noch eins. Sie muss da raus. Sich trennen, sonst geht sie kaputt. Am Abend sagt sie es ihm, schlägt vor, wie sein Kontakt zu den Kindern sich gestalten könnte. Er schweigt. In der Nacht bringt er sich um. Hinterlässt einen Brief, in dem er ihr die Schuld gibt, dass er es im Leben nicht mehr aushält. Auch andere sehen das so. Freunde, Kollegen, Verwandte sogar. Sie hat ihm das Herz gebrochen, sagen sie, sie ist schuld. Keiner von ihnen   weiß, was vorher alles war… Hanna gibt nicht auf. Sie kämpft . Um sich und ihre Gesundheit. Um einen guten Weg für ihre Kinder. Es dauert Jahre. Aber irgendwann macht Hanna ihren Frieden mit allem, was gewesen ist. Mit ihrer Geschichte, wie sie nun einmal war. Und mit sich selbst, wie sie nun einmal ist. Es gibt ein paar Menschen, die ihr dabei geholfen haben.

In den Tagen von Jael waren die Wege verödet,

und die auf Pfaden gingen, mussten gewundene Wege gehen…(Ri 5,7)

Manchmal gehst du auf öden Pfaden. Ein „dickes Fell“ kriegen, ist ein gutgemeinter Rat. Aber auch das kann dich kaputtmachen. Hart und stumpf. „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe“, sagt Jesus. Gut klingt das. Warm und schön. So soll es sein. Einander lieben, das geht nur, wenn du dich selbst auch liebst. Mit allem, was dich ausmacht.

Jede Seite in dir hat ein Recht. Du musst dich nicht schämen. Du kannst dir vertrauen. Hör dir zu. Was sagt deine innere Stimme? Verstehst du dich selbst? Nimmst du dich ernst? Woher kommt deine Wut? Wo willst du hin? Wo kommst du her? Was brauchst du? Wer könnte dir helfen? „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“. Sich selbst lieben.

Hanna hat das irgendwann gelernt. Spät. Hat sich selbst verziehen. Und konnte dann auch anderen verzeihen. Hanna hat verstanden, woher das Dunkle kommt. Ihr Schuldgefühl. Ihre Angst. Ihr Schmerz. Sie hat aufgehört, sich etwas vorzuwerfen. Alles, was war, gehört zu ihr. Sie kann lieben. Und wird geliebt. Sie kann sagen, wenn sie etwas stört. Sie wartet nicht mehr. Sie vergräbt nichts mehr in sich. Sie ist frei und kann anderen frei begegnen. Nicht immer. Aber immer öfter. In den Tagen Jaels waren die Wege verödet, und die auf Pfaden gingen, mussten gewundene Wege gehen. Auch heute sind Wege manchmal verödet und gewunden. Und manchmal gehst du verschlungene Pfade, bis du ankommst. Bei dir selbst und anderen. Und manchmal braucht`s dazu Wut. Und manchmal braucht`s dazu Kraft. Und manchmal musst du etwas Schweres, Hartes, Verletzendes tun. Und Verwundung in Kauf nehmen. Damit es irgendwann so sein kann: Dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe und du deinen Nächsten lieben kannst: Wie dich selbst. Amen.

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Anna Scholz

Schreibe einen Kommentar