Andacht Karfreitag, 29.03.2024 von Sabine Klatt, Diakonin/Prädikantin

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Ein Anstoß, ein Skandal ist dieser Feiertag, den wir heute begehen. Christus stirbt, Gott ist tot – wer soll das begreifen? Wer soll damit einverstanden sein? Unsere Hoffnung stirbt, der, auf den wir uns verlassen, ist fort. – So mögen es die Freundinnen und Freunde Jesu empfunden haben. Sie haben sich an diesem Tag wund gestoßen wie an einem scharfen, schweren Stein. Lassen wir uns heute hineinnehmen in diese Geschichte vom Leiden und Sterben Christi – und entdecken wir, welchen Anstoß sie uns gibt.   Der Stein hat heute eine Nachricht für uns: das Wort vom Kreuz, das Wort des Gottes, der auch durch Leid und Tod uns nahe ist, der auch die tiefste Tiefe mit uns teilt. Der Gott, der nicht von uns weicht, der Gott, der uns nicht alleine lässt, unser Gott, der sei mit euch.

Lied: O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85,1)

Psalm 22

Mt 27,31-50

Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. Und von der sechsten Stunde an kam   eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

Ansprache

Anstoß ist, liebe Leser*innen, wenn das Spiel beginnt, das Fußballspiel etwa, würde meine Großnichte sagen, da kennt sie sich aus, sie spielt selber Fußball mit ihren sieben Jahren und das macht ihr Spaß. Das Spiel aber, das heute angestoßen wird, das macht keinen Spaß, das ist ein hässliches Spiel. Da spielen Mächtige mit einem Ohnmächtigen, da wird einer hin- und hergestoßen, durch die Gassen Jerusalems gestoßen, den Hügel hinaufgestoßen, und zu Boden gestoßen, wo das Kreuz schon bereit ist, wo die Nägel schon liegen und der Hammer. Ein hässliches Spiel mit einem Geschundenen, dazu der Spott und das gemeine Gelächter, eine fürchterliche Szene, abstoßend geradezu. Ja: abstoßend, viele haben sich an ihm gestoßen, die Mächtigen sowieso, die sich von einem Dahergelaufenen, einem galiläischen Schreihals doch wohl nichts sagen zu lassen brauchten; und selbst die, die ihm nachliefern, zu Tausenden, die ihn bewunderten und auf Wunder hofften, selbst die stießen ihn von sich: „Kreuzigt ihn! Kreuzigt ihn!“ Sie waren enttäuscht. Irgendwie waren alle enttäuscht. Es war ja auch skandalös, dass der in keine Erwartung passte. Die ihn zärtlich wollten und sanft, die erschraken über seinen Zorn, als er die Wechsler aus dem Tempel peitschte; die ihn mächtig haben wollten und königlich, die rümpften die Nase über seine Bescheidenheit, seine Schwäche; die ihn zum Führer erkoren und zum Wundermann, die verachteten ihn schließlich, weil er sich nicht wehrte, weil er keine Heerscharen rief und nicht im Triumpf vom Kreuz hinunterstieg. Er war anstößig für alle, ein Skandal, ein „Stein des Anstoßes“. Und das sollte er auch sein, das wollte Gott so: „Siehe“, heißt es bei Jesaja (8,14) und zitiert es Paulus in seinem Römerbrief (9,33): „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.“ So sollte es sein, das wollte Gott so. Warum? Warum soll ein Verstoßener unser Helfer sein, warum dieses anstößige Leid, warum dieser Todesstoß am Kreuz? Weil Gott seine Menschen liebt, und weil, wer liebt, mit denen ist, die er liebt, weil er liebend teilt, was uns zustoßen kann und wird. „Seht, welch ein Mensch!“, ruft Pilatus über den Platz, und er spricht damit – ohne es zu ahnen gewiss – er spricht die ganze Liebe Gottes aus. Christus, menschgewordener Gott, Christus, Gott hineingetaucht in die menschlichen Skandale, die menschlichen Anstößigkeiten. Denn es ist ein Skandal, dass wir hassen, wo wir doch zur Liebe fähig sind, es ist ein Ärgernis, dass Menschen zur Gewalt greifen, bevor sie es mit Versöhnung versucht haben; es ist skandalös, dass Menschen Menschen unterdrücken, dass es Hungernde gibt, während andere die Ressourcen der Erde verprassen; es ist ärgerlich, dass Beziehungen zerbrechen, weil Freunde und Partner nicht aufeinander achten – und der größte Skandal, die schlimmste Anstößigkeit, das ist unser Tod, das ist unsere Endlichkeit. Wo wir doch, bei aller Mühe, das Leben niemals ausschöpfen können, immer ist es zu kurz; wo wir doch geplagt sind mit Unglück, Krankheit, Schmerz, wo wir uns doch nach Dauer sehnen, nach Ruhe – und am Ende ist nur: nichts. Dann ist das Spiel einfach aus. Ein hässliches Spiel. Doch so soll es nicht bleiben, Gott will es nicht so. darum tritt er ein in unsere Skandale, darum nimmt er den Skandal der Skandale, darum nimmt er den anstößigen Tod auf sich, darum lässt er sich stoßen, kränken, missachten, kreuzigen gar. Darum ist er sich nicht zu schade, Anstoß zu geben, nein, er will es so. Anstoß geben – diese Wendung hat zweierlei Sinn. Wer Anstoß gibt, ärgert andere, wie Jesus ein Ärgernis war, um zu tragen, was uns arg ankommt, was uns das Leben verargt. Anstoß geben heißt aber auch: in Bewegung bringen, Neues anfangen. Und es beginnt Neues, es beginnt Nie-Dagewesenes, dort am Kreuz. Denn wenn Gott in der Tod geht, dann ist der Tod nicht mehr – gottlos. Wenn Gott sich herumstoßen lässt, dann werden die Herumgestoßenen Gottes Freunde; wenn Gott in unsere Ärgernisse eintaucht und unsere Skandale mitlebt, dann sind Ärgernisse und Skandale nicht mehr ohne sinn – und in allem sind wir nicht mehr allein. Der größte Skandal, der Tod, hat seine Anstößigkeit verloren, der ist kein Schrecken mehr. Der anstößige Tod Gottes, er gibt den Anstoß zum Leben. Kein Wunder, dass Christus in einem Garten aufersteht, wo Duft von Neuem über die Gräber weht, wo rote, gelbe, weiße Blüten aufbrechen … und sie ziehen den Frühling ins Land. Anstoß zum Leben. Haben wir uns schon anstoßen lassen? Wir brauchen uns nur zu öffnen, aufzutun! Aber das ist gar nicht immer leicht. Tu ich mich auf, dann öffne ich mich auch für diese Anstößigkeit Gottes, die die menschlichen Skandale teilt. Und das weiß jede und jeder aus Erfahrung: mich anstoßen, das macht blutige Zehen, blaue Flecken und einen verstauchten Fuß. Das tut ganz schön weh! Wenn wir uns von Gott anstoßen lassen, kann es passieren, das es schmerzt. Weil Gott uns hineinnimmt in seine Liebe, uns hineinnimmt in seine Menschlichkeit. Dann sind wir auf einmal auch befasst mit den menschlichen Skandalen, mit den Tränen   der Weinenden, mit der Notdurft der Hungernden, mit der Klage der Verfolgten, mit der Trauer der Alleingelassenen. Das soll so sein, das will Gott so. Kann auch sein, dass andere Anstoß nehmen, wenn wir den skandalösen Weg Gottes mitgehen. Schadet aber nichts – lieber anstößig leben als stoßfest und tot. Wo Gott ist, treiben Knospen, flieht der Winter, geht Neues auf. Da ist gut sein, auch wenn es im Gottesgarten noch etwas zu tun gibt, auch wenn uns die Hände schmutzig und die Arme müde dabei werden, auch wenn es ab und an Wunden gibt von der Mühe, die die Liebe macht. Waren wir bisher dem Tode verfallen, so sind wir nun zum Leben berufen – und können selber Anstöße geben. In unseren Familien vielleicht, wo ein Streit schon lange schwelt – und jetzt klären wir uns suchen wir Versöhnung. In unserer Gemeinde vielleicht, wo andere uns fremd sind – und jetzt gehen wir auf sie zu und lernen sie kennen. In unserer Welt vielleicht, wo die Stärke die Politik bestimmt und der Eigennutz die Nationen – und wir fordern Gerechtigkeit und Achtung vor der Würde der Menschen. Anstöße zum Leben – können wir selber geben, angestoßen von Gott. Kommt, geben wir uns einen Stoß, tun wir uns auf! Und Gott zieht ein, der Lebendige, der uns in die Seite stößt, ein freundlicher Freund. Das soll so sein, das will Gott so! Amen

Fürbitte

Gott, du speist uns – wir bitten für die Hungernden.

Gott, du befreist uns – wir bitten für die Gefangenen .

Gott, du begleitest uns – wir bitten für die Einsamen.

Gott, du wäscht unsere Tränen fort – wir bitten für die Weinenden.

Gott, du erfüllst uns mit Freude – wir bitten für die Trauernden.

Gott, du machst uns ruhig – wir bitten für die Verängstigten.

Gott, du gibst uns Hoffnung – wir bitten für die Verzweifelten.

Du bist gekommen, Gott, dieser Welt eine Zukunft zu geben,

du bist gekommen, weil du deine Geschöpfe liebst,

du stößt uns das Tor auf, damit wir leben.

Hilf uns zu hoffen und zu lieben! – Vater unser im Himmel, …

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16)

 

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlichst, Ihre/Eure

Sabine Klatt, Diakonin/Prädikantin

 

 

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