Andacht Palmsonntag, 10.04.2022, von Lektorin Gerlinde Abel

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Palmsonntag ist ein klingender Name. Er erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem, als er mit Palmzweigen begrüßt wurde. Eine Geschichte, die gar nicht so recht in die Passionsgeschichte passen will. Wir gehen auf die traurigste Woche des Kirchenjahres zu, und die beginnt mit einem scheinbar fröhlichen Fest. Der Retter zieht in Jerusalem ein und wird wie ein König begrüßt. In die Freude des Einzugs mischt sich ein komisches Gefühl: Der erwartete König erscheint auf einem Esel. Die Menge, die ihn jubelnd empfängt, wird sich enttäuscht von ihm abwenden. In der Person Jesus können wir beides erleben: das Hohe, das Erhebende und auch das Demütige, das Sich-Beugende

Lied : Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken (EG 91,1-3)

Gebet

Mit Jesus gehen wir in diesen Tagen nach Jerusalem. Wir bedenken sein Leiden und Sterben, seine Schmerzen, seine Einsamkeit.

Gott, geh du mit uns, wenn wir dunkle Zeiten erleben, wenn Angst uns quält und die Sorgen allzu groß sind. Du denkst an uns. Du segnest uns. Lass uns das glauben, im Namen deines Sohnes Jesu, der eins ist mit dir und dem Heiligen Geist.  Amen.

Psalmgebet Philipper 2,5-11 (EG   760)

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus   entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Lesung Johannes 17, 1-8

Dies redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht, wie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, dass er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gibt! Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte. Und nun verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war! Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Jetzt haben sie erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und haben geglaubt, dass du mich gesandt hast.

Predigt

Liebe Leser*innen,

wenn Menschen aus ihrem Leben erzählen, dann tun sie das meistens unter einem ganz bestimmten Vorzeichen. Unter einem Vorzeichen, das die Tonart ihrer Geschichte bestimmt. So erzählen manche Menschen ihre Lebensgeschichte zum Beispiel was sie alles durchgemacht haben. Was sie zu durchleiden und zu bewältigen hatten. Was sie an Schwerem zu ertragen hatten.

Andere Menschen wiederum erzählen ihre Geschichte unter dem Vorzeichen von Dankbarkeit: wie viel Bewahrung sie bei allem Schweren erlebt haben. Wie sie immer wieder aus tiefen Tälern den Weg ins Licht gefunden haben. Wie sie die Herausforderungen des Lebens bewältigt haben.

Wiederum andere erzählen gern, was sie in ihrem Leben alles geleistet habe. Jeder, der seine Geschichte erzählt, sendet immer auf irgendeine Weise eine Botschaft mit. Seine persönliche Sicht auf das Leben.

Nicht anders verhält es sich mit den Erzählungen in unserer Bibel.Unsere vier Evangelisten zum Beispiel. Sie alle senden in ihrer je eigenen Erzählung von Jesu Lebensweg ihre eigene Botschaft mit. Johannes versteht Jesu Passion als eine Verherrlichung Jesu. Jesus wird hier nicht „gekreuzigt“, sondern er wird am Kreuz „erhöht zum König der Welt“.   Seinen Leidensweg beschreibt er nicht in seinem menschlichen Elend und in seiner Not, sondern als einen Weg der Erfüllung vor Gott, als einen Weg des Lichtes und des Triumphes. …

Nachdem Jesus zuvor in langen Reden und Gesprächen seine Jünger darauf hingewiesen und darauf vorbereitet hatte, dass er weggehen, nicht immer da und mit ihnen sein wird, richtet er nun den Blick nach oben, zum Himmel, richtet seine Worte nicht mehr an seine Jünger, sondern an Gott, seinen Vater. Aber es ist kein Zufall, es ist gewollt, dass wir da mithören.

In Jesus wurde Gottes Wort ein Mensch unter Menschen, wurde zum Mitmensch aller Menschen. Jesus redet in deutlichem Einvernehmen mit seinem Vater. Er betet öffentlich, vor unseren Ohren, jetzt, unmittelbar vor seiner Verhaftung. Wie sehr er uns alle in seinem Gebet mit im Blick hat und mitmeint, wird daran deutlich, dass er zunächst von sich selbst nicht in Ich-Form redet, sondern als Er, in 3. Person, als rede er von einem anderen: verherrliche deinen Sohn, dass der Sohn dich verherrlicht … du hast ihm Vollmacht gegeben, dass er ewiges Leben gebe … dass sie dich erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. Das klingt so, als wolle er uns nicht nur zu Mithörern machen, sondern auch zu Mitsprechern. Er zieht uns jedenfalls mit hinein in sein Beten. Indem er hier den Blick von uns wegnimmt, ihn zum Himmel richtet, lenkt er auch unseren Blick auf Gott. Jesus hat   erkannt, dass seine Stunde gekommen ist.

Auch wir reden manchmal davon, dem oder jener habe die Stunde geschlagen, wenn wir Lebensgefahr, also Todesdrohung meinen, befürchten wir manchmal auch, unsere letzte Stunde habe geschlagen. Das klingt so, als stünde unsere letzte Stunde fest und zum Teil ist es das ja auch.

Nicht nur weil unsere Tage meist in bestimmten Stunden und Zeiten verplant sind   wodurch immer für Manches gerade jetzt nicht die Stunde ist .

Im Johannesevangelium wimmelt es von präzisen Zeitangaben: und es war die dritte Stunde, die sechste Stunde, die zehnte Stunde … Jetzt ist die Stunde gekommen. Jesus zieht Bilanz seiner Worte und Taten und ihrer Erfolge. Er hat seine Aufgabe erfüllt. Die Aufgabe besteht darin, Gott, seinen Vater, zu verherrlichen. Oder wie Johannes sagen würde, es ist die Verherrlichung und Vollendung. Im Kreuz berühren sich Himmel und Erde.

Und so gehen wir hinein in die Karwoche. In eine stille Zeit – auch wenn alles drum herum schreit. Eine Zeit der Besinnung auf das, was war und kommen wird. Eine Besinnung auf den, der war, der ist und der kommen wird. Und das wünsche ich Ihnen, dass sie auch einen Moment der Ruhe finden in dieser Woche, bei allem Trubel und allem, was noch zu bedenken und vorzubereiten ist, eine Minute des Innehaltens, Nachdenkens und des Friedens. Amen

Gebet

Jesus Christus, du hast den Widerspruch zwischen Jubel und Ablehnung, zwischen Glanz und Elend in deinem Leben und Leiden durchgehalten. Doch in uns herrscht Zerrissenheit. Wir fürchten das Leiden. Wir versuchen, ihm auszuweichen und passen uns lieber herrschenden Meinungen an. Du aber bist dir selber in deiner Liebe zu uns treu geblieben. Darum bitten wir dich für alle, die fasziniert sind von den Versprechungen der Macht, dass sie sich nicht verführen lassen. Wir bitten dich für alle, die durch Vorurteile und Schwarzmalerei verhärtet sind, dass ihre Herzen von deiner Liebe aufgetaut werden. Wir bitten dich für die Einflussreichen und Mächtigen, dass sie von deiner Ohnmacht lernen, und für die Ohnmächtigen, dass sie deine Macht erfahren. Schenke uns deinen Geist, den Geist deiner unwiderstehlichen Liebe, dass wir im Blick auf dich leben können.

Vater unser….

Lied: Stimme, die Stein zerbricht (EG+ 18)

Segen

Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden. Amen.

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich,

Ihre Lektorin Gerlinde Abel

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