Andacht Reformationstag, 31.10.2021 von Pfarrer i. P. Martin Hahn

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Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Das Christentum ist eine Religion mit 2,26 Milliarden Gläubigen. Ungefähr eine Milliarde davon ist im weiten Sinne protestantisch. Das Christentum ist ein Meer, das seit Jahrtausenden Ebbe und Flut unterworfen ist. Es besteht aus Myriaden von verschiedenen Kirchen, die den Glauben mit der Kultur ihres jeweiligen Landes tagtäglich aufs Neue verschmelzen. Dabei entsteht eine Vielfalt, die kaum auf einen Nenner gebracht werden kann. Das, was Nachfolge heißt, wird tiefer und tiefer. Ein koreanischer Pfingstler und eine deutsche Evangelische sind extrem verschieden, in der Art, wie sie ihren Glauben leben und verstehen: wie sie beten, wie sie singen, woran sie ihr Herz hängen und was ihnen inneren Frieden gibt. Aber: es gibt ein Gemeinsames. Ein Epizentrum, aus dem sich all die Christentümer dieser Erde ihre Kraft haben. Unser Satz aus dem ersten Korintherbrief meint diese Quelle allen Glaubens. Das, was über allen Differenzen in den verschiedenen Konfessionen steht, und die Versöhnung der Verschiedenheit schafft: der eine Sohn, der lebte starb und auferstand, Jesus Christus selbst.

Lied: Ein feste Burg ist unser Gott (EG 362)

Psalm 46 (Lutherbibel)

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Amen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn …

Gebet

Vater, Du weißt, wo wir stehen in unserem Weg mit dir. Was diese Woche uns vielleicht abverlangt hat. Ob wir gerade innerlich tanzen vor Freude und nur so sprühen vor Energie, oder ob wir uns vielleicht nur mit Mühe voranschleppen. Was es auch sei, Du weist es. Schenk uns Frieden mit uns selbst. Denn nach Deinem Willen sind wir wer wir sind. Nimm dich unser gnädig an, rette und erhalte uns. Das bitten wir dich um deines Sohnes Willen. Amen

Lesung (Predigttext Galater 5,1-6 – Lutherbibel)

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“

Friede sei mit euch, von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Reformationssonntag also. Das klingt erst mal recht harmlos. Nach einer abgeschlossenen Sache irgendwo in der Vergangenheit, der man sich mal wieder erinnert. Aber so ist es nicht. Es ist ein Sonntag, an dem wir uns des Feuers erinnern, das in unserer Religion schlummert. Das Feuer, das schon die Propheten trieb. Die Vulkandimension des Christentums, wenn man so will. Denn das war es, was passiert ist damals. Ein geistiger Vulkanausbruch. Eine Revolution. Ein kompletter Mentalitätswechsel im Glauben, der die Menschen aus ihrer Angst vor der Hölle befreit hat. Entfesselte Leben waren die Folge. Leben, die eine Veränderung durchgetragen haben, bis das die Welt eine andere war. Es folgte ein kompletter Austausch der Eliten und eine selbstbewusste neue Spielart des Christentums, auf die der Katholizismus reagieren musste und bis heute muss. Ein Christentum, das die Moderne möglich gemacht hat. Die Welt, in der wir leben. Ausgelöst von einem Mönch, der selbst innerlich Feuer fing, als er Paulus las. Luther der Paulus las und sich innerlich von ihm entfesseln lies, wie auf andere Art Paulus schon von Jesus entfesselt worden war. Eine Kettenreaktion des Guten, so könnte man sagen, die aus der Vergangenheit kommt. Denn Luther, das ist ja eigentlich gar kein Name. Luther das ist ein Programm. Luther kommt von Eleftheria, dem Wort, das Paulus in unserem Text an die Galater richtet, und es bedeutet Freiheit. Luther, eloitherius, das heißt übersetzt: einer, der sich befreit. Dieser Impuls der Entfesselung, er ist nicht verloschen. Mir selber kommt bei diesem Text immer ein alter Gospel ins Gedächtnis, den ich aus meiner Kindheit kenne. Ich komme aus einem kleinen hessischen Dorf im Knüll, weit draußen im wunderschönen Nichts, in den Tälern hinter Bad Hersfeld. In diesem Dorf lebten die Kinder eines schwarzen G.I.s, der im kalten Krieg Hierzulande stationiert worden war. Und diese Kinder haben den Gospel auf das Dorf losgelassen: sie haben mit uns einen Chor gegründet. Der Text des Liedes ist einfach, er lautet so: Oh Freedom. Freedom over me. And before I´ll be a slave. I´ll be buried in my grave, and go home, to my Lord, and be free. Frei übersetzt lautet es: Freiheit wird über mich kommen. Bevor ich hier auf Erden zum Sklaven werde, soll man mich doch töten. Dann gehe ich eben nach Hause zu meinem Herrn, und wenigstens dort bin ich dann frei. Spüren sie das? Darin steckt eine Wucht, die kaum aufzuhalten ist. Der Schmackes, den man für eine Revolution braucht. Weil die Zukunft nicht schrecken kann, ist eine Revolution in der Gegenwart möglich. In Fall dieses Liedes ist das die Revolution eines neuen, eines schwarzen Martin Luther. Worin liegt diese Wucht? Paulus möchte, dass sich die Galater allein auf die Gnade verlassen, allein auf Jesus und sein Werk. Warum? Weil der Glaube an ihn befreit von den Ängsten, die uns aus unserer Vergangenheit oder einer ungewissen Zukunft bedrängen. Die Antwort, die Jesus auf die Angst vor der Vergangenheit gibt, sie lautet: die Vergebung der Sünden. Die Antwort, die Jesus auf die Angst vor der Zukunft gibt, sie lautet: die Auferstehung von den Toten. Wenn wir für uns Sonntag um Sonntag entpacken, was das heißt, dann entfesselt der Glaube auch uns für ein Leben im Geist, im radikalen hier und jetzt. Auf das wir ohne Angst konsequent das Richtige tun. Denn welche Revolution braucht es jetzt? Denn das ist die Frage an diesem Tag. Worauf sollten wir unsere Freiheit im Glauben richten? Ich glaube es braucht eine Revolution im Verhältnis der Spezies Mensch zur Natur. Unser Glaube kann uns auch durch diese Revolution hindurchtragen, das glaube ich tief und fest. Amen.

Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369)

Fürbittengebet / Vaterunser

Herr Jesus Christus: heute gedenken wir einer Revolution aus dem Vertrauen auf Dich heraus. Dein Evangelium ist eine Kettenreaktion des Guten, die uns immer wieder erfasst, und zur Umkehr bringt, zurück in deine Fußstapfen. Zurück in die Freiheit, die du schenkst. Lass das Evangelium auch heute wieder auf uns los, damit wir die Veränderung wagen, die es jetzt braucht.

Herr Jesus Christus: wir bitten dich für alle, die heute glücklich sind. Behüte die Liebenden, schütze die Ausgelassenheit derer, die das Geschenk des Lebens feiern.

Herr Jesus Christus: Es wird kalt da draußen. Wir bitten dich für die obdachlosen Menschen, an denen wir vorbeigehen, die so viel Missachtung für so wenig Geld bekommen. Die an der Beziehungsarmut dieser Gesellschaft krank geworden sind. Hülle sie in den Mantel deiner Liebe. Lass uns in ihr Antlitz blicken und Dir begegnen.

Wer die Schöpfung zurückweist, weist den Schöpfer zurück. Der Klimagipfel in Glasgow beginnt: eine der letzten Chancen, den aus dem Tritt geratenen Rhythmus der Natur nicht vollkommen aus dem Gleis zu werfen. Gott, wir bitten dich: schenke den Anwesenden Ehrfurcht vor deinem Werk, und Mut, der Zerstörung Einhalt zu gebieten.

Vater unser im Himmel, …

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

 

Es grüßt Sie herzlich,

Pfarrer Martin Hahn

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