Andacht Rogate, 22.05.2022, von Pfarrerin Dr. Anna Scholz

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Friede sei mit Euch, hier im Gottesdienst am Sonntag Rogate! Rogate heißt „Betet“ und genau ums Beten geht`s heute. Wir werden zusammen beten, und auch darüber nachdenken, was eigentlich Beten ist. Achtet doch mal darauf, an welchen Stellen im Gottesdienst eigentlich gebetet wird, und wie! Erstmal singen wir aber den heiligen Geist herbei und verbinden unsere Herzen miteinander und mit ihm.

Lied EG+ 34, 1+3 Komm heilger Geist

Psalm 46, EG 725

Gebet

Gott, wir kommen hier zu Dir und bringen Dir alles, was uns in dieser Woche beschäftigt hat. Manches, was schön und erfreulich war. Manches, was unsere Herzen bedrückt. Wir geben es in Deine Hand und überlassen es Dir. Nimm Du es bei Dir auf gib uns deinen Geist und zeig uns neue Wege! Amen

EG 347 1-3+5 Ach bleib mit Deiner Gnade

Schriftlesung LK 11

Wie geht eigentlich richtig beten, Jesus, wollen seine Jünger wissen. Erklär uns das! Und Jesus sagt dann folgendes zu seinen Freunden:

Der bittende Freund

5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Zuversicht beim Beten

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? 12 Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Glaubensbekenntnis

EG 358, 1-3 Es kennt der Herr die Seinen

Predigt

Stell Dir vor, Du hast einen Freund. Einer, vor dem Dir nichts peinlich ist. Einer, zu dem Du mit allen Sorgen und Nöten gehen kannst, auch mitten in der Nacht. Und der Dir zuhört, ganz gleich, um was es sich handelt, und auch wenn es grad wirklich ein ungünstiger Zeitpunkt ist, für Dich da ist. Ja, manche von uns haben vielleicht solche Freunde. Auf die man sich echt verlassen kann. Und das zu erfahren, ist ein schönes Gefühl und kann Dich mit Zuversicht erfüllen. Gut, wenn Du einem anderen Menschen so tief vertrauen kannst! Und warum das so ist, in Eurer Freundschaft, das lässt sich vielleicht auch gar nicht mit vernünftigen Worten erklären, sondern eben bloß im Herzen fühlen. Es gibt aber auch Momente im Leben, in denen Du vielleicht keine solche Freundschaft gespürt hast. Und einsam und verlassen warst. Oder zwar eine Menge Freunde und Bekannte um Dich hattest, aber es war niemand dabei, dem Du Dich in einem wirklich schwachen Moment anvertrauen wolltest. Und vielleicht hast Du gerade da gemerkt, dass Dir genau das fehlt. Wie geht eigentlich richtig beten, Jesus, wollen seine Freunde wissen. Am liebsten hätten sie vielleicht so eine ganz präzise Anleitung, um bloß nichts falsch zu machen und Gott damit zu gefallen. Und Jesus sagt: In Gott hast Du so einen Freund. Und wie sich diese Freundschaft gestaltet, dafür gibts keine klare Bedienungsanleitung. Sei einfach un-verschämt, also ohne Scham! Es gibt nichts, wofür Du Dich vor Gott schämen musst. Es gibt nichts, wofür bei Gott kein Platz ist.

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Manchmal kannst Du das vielleicht nicht gleich spüren. Vielleicht hast Du es schon mal erlebt: Dir ganz dringend etwas wünschen und es auch ganz fest von Gott erbitten. Und trotzdem passiert nichts, es kommt nicht die erhoffte Hilfe. Ein Gebet ist eben keine Bestellung bei Amazon, wo ich eingebe, was ich suche und brauche und einen Tag später wird das Produkt gegen Bezahlung geliefert. Bei Gott liegen die Dinge anders. Und beim Beten gehts erstmal nicht darum, eine Leistung zu bringen und dass etwas dabei rauskommt, sondern um das Bitten selbst. Darum, dass Du Dich traust, zuzugeben, dass Deine eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Und auch darum, überhaupt zuzulassen, dass das, was Du vielleicht niemandem sonst sagen kannst und was ganz tief in Dir schlummert, einen Ort findet. Und dass Du Dich auf die Suche machst. Und anklopfst an das Tor der Möglichkeiten, die größer sind, als die, die Dir ganz klar vor Augen stehen. Beim Beten geht´s erstmal um Dich selbst. Darum, dass ich mich in Beziehung bringe, mit dem, was mich beschäftigt oder bedrückt. Und in Beziehung bringe mit Gott. Und einen Raum freimache in mir, in dem es möglich ist, dass ich empfange, dass ich finde und dass etwas aufgetan wird. Das kann ganz anders sein, als die Lösung, die ich selbst im Kopf hatte. Beten eröffnet Möglichkeiten. Und das kann ganz unterschiedlich passieren. Im Gottesdienst beten wir ganz verschiedene Sachen. Am Anfang sprechen wir zusammen einen Psalm. Alte Worte, aus einer fernen Zeit, die manchmal fremd für unsere Ohren klingen. Wenn wir die zusammen sagen, dann verbinden wir uns mit den Menschen aus der Vergangenheit, die mit anderen Worten, als denen, die wir heute benutzen würden, Platz für ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, Enttäuschungen und auch ihre Wut gemacht haben. Und die Erfahrung, dass es hilfreich sein kann, das, was das Herz erfreut, oder was es gerade schwer macht, auszudrücken, ja vielleicht sogar aufzuschreiben. Und so ähnlich ist es auch mit dem Glaubensbekenntnis. Alte Worte, die Menschen in einer fernen Zeit zusammen gefunden haben, um zu sagen, was sie trägt. Nicht jeden Satz kannst Du heute vielleicht so richtig vollmundig mitsprechen und auch ich kann das nicht. Aber wenn wir das zusammen sagen, dann zeigen wir: Auch vor uns gab es schon Menschen, die nach Worten gesucht haben, für das, was sie geglaubt und gefühlt haben. Und wir gehören zu dieser Geschichte des Suchens und des Findens dazu. Und dann formuliere ich, oder wer auch immer mit Euch Gottesdienst feiert, noch ein Gebet für uns alle. Ich suche nach Worten, von denen ich denke, dass sie für uns alle hier und jetzt etwas bedeuten können. Manchmal gelingt das und manchmal vielleicht nicht. Aber trotzdem verbinden wir uns in diesem Moment miteinander und öffnen uns zusammen, für Gott und unsere Gemeinschaft, die wir in diesem Moment sind. Und am Schluss beten wir zusammen meistens noch für andere, für unsere Welt und für das, was chaotisch und grausam und schrecklich in ihr ist. Und auch damit zeigen wir: Wir gehören zusammen und sind manchmal hilflos. Aber es verbindet uns die Hoffnung, dass es auch anders sein könnte und sein kann. Auch wenn Gott nicht direkt eingreift und die Dinge in Ordnung bringt, so wie wir es vielleicht gern hätten: Zusammen beten heißt, zusammen Möglichkeiten suchen. Und ihnen einen Platz zu schaffen. Dass Mut und Hoffnung lebendig sind. Ich glaube, dann können Möglichkeiten, die Du selbst nicht sehen und beherrschen kannst, Wirklichkeit werden, manchmal anders, als Du dachtest, aber vielleicht so, dass Türen sich öffnen. Und auch wenn Du ganz alleine betest, in der Stille im Gottesdienst oder zuhause oder unterwegs und Dein Herz Worte flüstert, die nur Du kennst und die Du keinem Menschen sagen willst:   Dann ist da ein Ort für Sehnsucht. Für Traurigkeit und Angst. Für Zorn. Für das, was Dein Inneres zum Schwingen bringt. Für Träume und Tränen. Und ein Freund, der die Tür aufmacht, für alles, was un-verschämt ist. Denn dafür hat er Platz bei sich, dass Du das alles bei ihm unterstellst. Und dann weitergehst oder hüpfst oder tanzt. Auf leichteren Füßen.     Und neue Türen findest, die aufgehen. Amen.

EG+ 96, 1-4 Ich sing Dir mein Lied

Fürbitten / Vaterunser

Gott, Du unser Freund, Du machst Deine Tür für uns auf, wenn wir anklopfen. Egal wann. Und wir können alles bei Dir ablegen, was wir mit uns herumschleppen. Unsere Angst, wenn wir die Nachrichten aus der Ukraine hören. Unsere Hilflosigkeit, dass wir selbst kaum etwas tun können Die Sorge, dass der Krieg uns noch näher kommt. Oder dass wir seine Wirkung dauerhaft spüren wenn alles teurer wird oder die Energieversorgung zusammenbricht. Und zugleich die Scham, dass wir uns überhaupt fürchten, und Klopapier horten und Mehl, obwohl es uns ja doch so gut geht, während andere Menschen im Bombenhagel sitzen und Panzer durch die Welt fahren, die wir teilweise selbst losgeschickt haben, weil nichts anderes mehr möglich schien. Unser Leben ist voller Widersprüche. Und auch wir selbst sind es. Hilf uns, die Hoffnung lebendig zu halten, dass eine bessere Welt möglich ist und dass wir auch etwas dazu tun können. Mit unseren Händen helfen, mit unseren Köpfen denken und mit unseren Mündern freundliche Worte sagen. Mit unseren Ohren zuhören, wenn jemand bei UNS anklopft. Vater unser im Himmel …

EG 625 1-3 Wir strecken uns nach dir

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen + + +

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich,

Ihre Pfarrerin Dr. Anna Scholz

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