Andacht Sonntag Kantate, 15.05.2022, von Lektorin Gerlinde Abel

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Am Sonntag Kantate erfahren wir, dass das Lied wesentlicher Bestandteil des gemeindlichen Lebens ist. Das lobpreisende Lied kann nicht nur die Herzen fröhlich machen, sondern auch Türen aufschließen; das Klagelied hilft nicht nur, Not und Sorgen abzulegen, sondern vermag auch neue Hoffnung zu geben.

Der Wochenspruch für die kommende Woche ist der erste Vers aus dem 98. Psalm:

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“

Psalm 98   (EG 739)

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Halleluja.

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Der Herr lässt sein Heil kund werden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes. Jauchzet dem Herrn, alle Welt, singet, rühmet und lobet! Lobet den Herrn mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel! Mit Trompeten und Posaunen, jauchzet vor dem Herrn, dem König! Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn; denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Halleluja.

Lied: Du meine Seele singe (EG 302)

Gebet

Gott, sprich ein Wort in meine Ohren, ein Wort, das Sinn hat. Zünd ein Licht an meinen Augen, ein Licht, das nicht erlischt. Leg ein Lied auf meine Lippen, ein Lied, das begeistert. Gib eine gute Nachricht in meinen Mund, eine Nachricht, die frei macht. Wirk eine Tat in meinen Händen, eine Tat, die prägt. Wirf einen Rhythmus in meine Füße, einen Rhythmus, der bewegt. AMEN

Ansprache

Immer wieder spüren wir: Musik spricht unsere Seele an, berührt uns, verändert uns durchaus auch. Auf jeden Fall merken Menschen, dass ihnen die Musik, in welcher Form auch immer, gut tut,   ob wir ihr nun zuhören oder sie selbst machen. Auch Martin Luther hat einmal die wunderbare Kraft der Musik beschrieben, eine Kraft, die manche von frühester Kindheit an in ihren Bann zieht und dann nicht mehr loslässt, eine Kraft, die den Himmel mit der Erde verbindet. Luther sagte: „Nichts auf Erden ist kräftiger und nichts mehr in der Lage, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ Auch vor vielen hundert Jahren, ja sogar vor tausenden von Jahren empfanden die Menschen so. Auch in der Bibel spielt Musik immer wieder eine Rolle, ein ganzes biblisches Buch drückt in Liedern aus, was Menschen bewegt hat, wie sie sich fühlten: In den Psalmen bringen Beter ihr gesamtes Gefühlsleben musikalisch vor Gott. Sie singen ihm ihre Klage ebenso wie ihr Lob, ihre Mutlosigkeit genauso wie ihren Schmerz, ihre Trauer wie ihren Dank.

Predigttext: Brief des Paulus an die Kolosser 3 ,12-17

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Amen.

Liebe Leser*innen

wir sind Zweithörer des Wortes, das müssen wir uns immer wieder klar machen, aber Gottes Wort spricht auch genau in unsere Zeit hinein. Heute geht es um Mode.

Der Apostel Paulus öffnet seinen Kleiderschrank. Genauso haben es die Leute von Kolossä wohl verstanden, als Paulus diese Worte sagte: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes. Paulus liebte es die Menschen in ihrer ganz eigenen Umwelt anzusprechen. „Kleider machen Leute“, sagt man. Meint das Paulus auch?
Und dann öffnet dieser Mann seinen „Kleiderschrank“! Es sind erstaunliche Gewänder, die er da vorstellt: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, so schreibt er an die Gemeinde in Kolossä. Kann man so etwas anziehen? Fast unwillkürlich möchte man sagen: Das würde manchen Menschen gut stehen!
Nicht Äußerlichkeiten sind wichtig. Die gelten vielleicht für den ersten Moment, aber dann ist es viel wichtiger, zu hören, was jemand zu sagen hat und zu sehen, wie er sich verhält. Wenn er den Mund aufmacht, dann zeigt sich wer er wirklich ist. Dann offenbaren sich sehr schnell die persönlichen Einstellungen, die jemand hat und nicht, was er zur Schau trägt. Genau das hat Jesus so oft an den Schriftgelehrten und Pharisäern bemängelt: Sie trugen oft genug ihre Frömmigkeit öffentlich in Kleidung und Haltung zur Schau und vergaßen, dass es auf den inneren Menschen ankommt. Ich kann mir vorstellen, dass die Kolossäer, als sie Paulus Worte hörten, im ersten Augenblick verblüfft waren, dann aber sehr nachdenklich wurden. Um etwas Neues anzuziehen, muss man seine alten Kleider ablegen.
Bleiben wir bei dem Bild. Würde mir Sanftmut gut stehen? Was ist damit gemeint? Sanftmut meint: ein sanftes Wesen zu haben. Sanftmut bedeutet nicht, dass man nicht auch seine Meinung sagen darf, aber es kommt darauf an, wie man das tut.
Ein Sprichwort sagt: „Eine Tür, die man im Zorn leise zumacht, kann man leichter wieder öffnen.“ Ich glaube, das Gewand „Sanftmut“ würde jedem gut stehen, ganz unabhängig von der augenblicklichen Mode. Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut und Geduld, empfiehlt Paulus. Das sind wunderbare Eigenschaften, die das Zusammenleben erheblich leichter machen! Paulus schlägt viele innere Kleider vor, aber es ist nicht leicht, sie anzuziehen. Innere Kleider müssen passen!
Paulus erwähnt herzliches Erbarmen dem anderen ohne Vorurteil zu begegnen und zu helfen, wo es nötig ist. Demut   bedeutet nicht, den Kopf hängen zu lassen, sondern sich klar machen, wo mein Platz ist Sanftmut will uns vor unangebrachtem Zorn schützen und versöhnlich stimmen. Geduld entwickeln wir, wenn wir daran denken, dass wir alles aus Gottes Hand bekommen, aber auch in seiner Hand geborgen sind. Das ist nicht so einfach, aber es lohnt sich, alte Gewohnheiten abzulegen und neue anzuziehen. Aus einem Gedanken kann eine Tat werden, aus einer Tat eine Gewohnheit, aus einer Gewohnheit ein Charakter. Paulus empfiehlt:
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. – Gott zu loben ist die Summe aller Theologie, aller Bekenntnisse, aller Gottesdienste. Das Lob Gottes verwandelt den Menschen. Denn die Früchte des Lobes Gottes sind Barmherzigkeit, Freundlichkeit, Sanftmut und Geduld. Es ist das Leben im Raum der Liebe Gottes gemeint, die überfließt und bei allen Menschen ankommen möchte. In diesem Lebensraum vollzieht sich das Leben der Christen in der Haltung der Dankbarkeit und des Gotteslobes. Das Herz singt, weil es sich freut und dankbar ist über die Güte Gottes. Diese Freude und diese Dankbarkeit verwandeln den ganzen Menschen. Das Lob Gottes als Selbstäußerung dieser Freude und Dankbarkeit erfüllt die Seele mit Frieden. Nur wer den Frieden in sich selbst und mit sich selbst erfährt, kann auch nach außen „friedlich“ sein und eine Lebenshaltung mit Sanftmut und Geduld erlangen. Die innere Ruhe und die innere Kraft sind Folgen des Gotteslobes und der Gewissheit, von Gott getragen zu sein auch dort, wo einem sonst der Kragen platzt oder die Not erdrückt. Das Lob Gottes als Lebenszeichen der Freude und der Dankbarkeit lehren den Geist das Staunen. Das Staunen erwächst sowohl über die Wunder der Schöpfung im Großen wie im Kleinen als auch über den Verlauf des eigenen Lebens.   Die Werke der Natur preisen ihren Schöpfer und singen einen ganz eigenen Lobgesang. Wessen Herz voll ist von Freude und Dankbarkeit, der wird selber von Herzen freundlich und einfühlsam sein, barmherzig eben, um das Gute und Rechte dem Nächsten zu tun. Wer Gott aus ganzem Herzen und mit seinem ganzen Leben lobt, der sieht auch Mensch und Welt mit neuen Augen, nämlich mit den Augen der Freude Gottes. Dieses Sehen aber geschieht dann in großer Geduld und Barmherzigkeit, die die Hoffnung niemals aufgibt, mag einem die Welt auch manchmal allzu düster und allzu tödlich sein. Das Gotteslob eröffnet der Hoffnung neue Wege und schenkt uns neuen Mut. Es kommt eben doch darauf an, was wir hören und sehen. Der heutige Sonntag heißt Kantate: Singt! Das ist eine wunderbare Aufforderung. Singen ist etwas Herrliches. Es tut gut, mit anderen zu singen. Wir haben ein wunderbares Musikinstrument in uns: unsere Stimme! In unserer modernen Welt lässt man andere singen. Das ist nicht nur schade. Das ist ein großer Verlust! Es heißt: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Leider doch. Auch die Bösen wissen, dass man über Lieder die Herzen der Menschen erreichen kann. Es ist wichtig, zu wissen, was die Kinder hören und genauso wichtig auszuwählen, was man selber singen und hören möchte. Martin Luther stellte das Gesangbuch zusammen, damit die Menschen bei der Arbeit und in der Küche, und im Gottesdienst geistliche Lieder singen und hören. Schauen Sie einmal auf die Anmerkungen unter den Liedern. Manche sind Schlager der damaligen Zeit, denen man neue Texte unterlegt hat. Wenn der Mensch den Mund auftut, dann offenbart er sein Wesen! Ob in Liedern, ob in Worten … man kann sich nicht verstecken und sollte das auch nicht tun. Innere Werte kann man nicht nur haben, sie tragen auch den Menschen selber, geben ihm Halt und Stütze. Paulus hatte in seinem Kleiderschrank keine kostbaren Stoffe und Gewänder, aber sehr wohl wunderbare Fähigkeiten und Eigenschaften. Man kann sich der Zeit, in der man lebt, nicht entziehen. Paulus würde vielleicht heute sagen: „Eure Markenartikel seien herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Solche Erkennungszeichen kommen nie aus der Mode, auch nicht nach zweitausend Jahren.“ Amen.

Lied: Ich sing dir mein Lied (EG+96)

Fürbittengebet/ Vaterunser

Gott, mit den Wundern des Lebens umgibst du uns. Wir hören den Gesang der Vögel, das Lachen der Kinder, sehen das neue Grün in den Bäumen, die Farbenpracht der Blumen und spüren den Hauch des Windes,   die wärmenden Strahlen der Sonne. Deine Schöpfung singt das Lied vom Leben. Wir danken dir dafür. Wir danken dir für deine Güte und Liebe, mit der du uns umfängst, für deine Langmut und deinen Frieden – du verwandelst uns. Gib, dass wir uns immer wieder von dir verwandeln lassen und die werden, die wir in deinen Augen sind. Schenke du, dass wir und alle aus deiner Fülle schöpfen und Güte und Erbarmen, Freundlichkeit und Demut einander weiterschenken. Lass deine Liebe in uns zur Quelle werden,   aus der wir leben und nehmen und geben, teilen und heilen in unserem alltäglichen Miteinander und Füreinander. Wir bitten dich heute, barmherziger Vater, für die Mühseligen und Beladenen, die Verstummten und die Schreienden dieser Erde, wir beten zu dir mit den Trauernden und Verlassenen, mit den Kranken   und denen, die sich ausgeschlossen fühlen aus der Gesellschaft, der Familie, dem Freundeskreis – lass du sie nicht allein. Schenk du ihnen Heilung und Befreiung, Trost und neuen Lebensmut. Und lass nicht zu, dass wir uns dem Leid, der Trauer,   Sorge und Not anderer verschließen. – Vater unser…

Segen

Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Amen.

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Es grüßt Sie herzlich, Ihre Lektorin Gerlinde Abel

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