Andacht Sonntag vor der Passionszeit, 27.02.2022, Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Am heutigen Sonntag bestimmen die Leidensankündigung Jesu und der Ruf in die Nachfolge das Thema. Beides ist eingebettet in das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief. Das Leiden Jesu ist ein Leiden aus Liebe.

Auch der Wochenspruch weist auf diese Zeit hin. Er steht bei Lukas 18,31 und lautet: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Lied: Wohl denen, die noch träumen (EGPlus 41)

Psalm 31 (moderne Übersetzung von Peter Spangenberg) Lieber Gott, dir vertraue ich, bitte, lass mich nicht vor die Hunde gehen; begleite mich auf meinem Weg in einen neuen Lebensraum, der hell ist durch deine Liebe. Lieber Gott, leih mir dein Ohr, sei mein fester Grund und Boden, dass ich geborgen bin wie in einem Iglu in der Kälte. Ja, du bist fester Grund, ja, du bist wie eine schützende Hütte. Befrei mich aus meinen Verstrickungen. Ich gebe mich ganz in deine Hand, ich kenne dich ja, du hast mir immer geholfen, du treuer Freund und Gefährte. Ich kann Menschen nicht leiden, die ihr Herz an Dinge hängen. Obwohl ich durch meine Art oft Schwierigkeiten habe, bin ich froh, dass ich anders denke, – weil ich glaube. Manchmal ist mir allerdings gar nicht danach zumute. Dann kriege ich das heulende Elend. Es gibt Leute, die machen dann Witze über mich und Bemerkungen. Dann bin ich innerlich am Ende und sehe nicht mehr klar. Meine Freunde wollen dann nichts mit mir zu tun haben. Sie erklären mich für Luft.   Für sie bin ich dann gestorben. Mit mir ist dann nichts anzufangen. Ich weiß trotzdem: Meine Zeit steht in deinen Händen. Du bist wunderbar, lieber Gott! Oft habe ich den Eindruck, du setzt mir eine Tarnkappe auf, damit andere nicht sehen, wie es mir wirklich geht. Dann zeigst du mir wieder meinen festen Platz und machst mir Mut. Das möchte ich gern vielen weitersagen, denen es ähnlich geht, wie es mir ging.

Gebet Ach Gott, du hast uns gezeigt, was Liebe ist. Dafür bist du den schweren Weg gegangen und hast den bitteren Kelch getrunken. Komm nun mit deiner Liebe zu uns, sei mitten unter uns in dieser Stunde. Hilf uns, deine Liebe anzunehmen und uns an ihr zu freuen. Amen

Lied: Liebe, die du mich zum Bilde (EG 401, 1.3+4)

Ansprache zu Mk 8,31-38

Und Jesus fing an, die Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.  Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert  um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der  Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Liebe Leser*innen, hier geht es offenbar ans Eingemachte. Zwei ziemlich beste Freunde – Jesus und Petrus – geraten aneinander. Eben noch hatte Petrus Jesu Frage: „Was meint ihr denn, wer ich bin?“ vollmundig mit „Du bist der Christus!“ beantwortet. Jetzt fährt derselbe Petrus seinem Christus heftig in die Parade: „Was fällt dir ein, so etwas zu sagen? Bist du denn von Sinnen?“ Und Jesus? Er reagiert nicht minder heftig. „Er bedrohte ihn.“ Wenn es um Dämonen geht, gibt es kein Drum-herum-reden, kein Wischi-waschi. Da hilft nur ein kräftiges, klares Wort: „Und er bedrohte Petrus und sprach: Weg von mir, Satan!“ Zwei ziemlich beste Freunde geraten aneinander. Was ist passiert? Nachdem die Jünger Jesus gerade mit ihrem Bekenntnis: Du bist der Christus! ihr Vertrauen ausgesprochen haben, hat er ihnen so offen wie nie zuvor sein Herz ausgeschüttet. Ihm ist klar, dass der Konflikt mit seinen Gegnern auf eine Entscheidung zutreibt. Zu oft schon haben sie versucht, ihm eine Falle zu stellen, ihn zu packen. Sie haben ihm nie verziehen, dass er in allem, was er gepredigt und getan hat, das Recht Gottes in dieser Welt und seine bedingungslose Liebe zu den Menschen geltend gemacht hat. Damit hatte er ihre eigenen Ambitionen nach Ansehen und Macht durchkreuzt. Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden … und getötet werden … Petrus, der Sprecher der Jünger, kann das nicht ertragen. Sein Christus darf nicht leiden und sterben. Er darf nicht zu den Verlierern gehören. Dazu hat er, Petrus, nicht Haus und Hof verlassen. Dazu ist er nicht all die Jahre mit ihm durch Galiläa gezogen.

Wo stecken wir in dieser Auseinandersetzung? Der Predigtabschnitt ist ein Spiegel der Anfechtungen und Zweifel der ersten Gemeinde. Und darüber hinaus der christlichen Gemeinde aller Zeiten. Petrus, der Sprecher der Jünger, ist zugleich Sprechen der ganzen Christenheit. – Muss das sein mit dem Leiden und Sterben des Messias? Was ist denn das für ein Gott, der seinen Gesandten so hängen lässt! Fragen und Einwände, die uns nicht fremd sind. Oder habt Ihr schon einmal einem muslimischen Nachbarn oder Arbeitskollegen erklärt, was der Jesus am Kreuz für uns bedeutet? – Da kommt man schnell ins Stottern. Paulus hatte Recht: „…das Wort vom Kreuz ist eine Torheit.“ (1.Kor 1,18) Bis heute. Petrus kann dem bevorstehenden Leiden Jesu nichts abgewinnen, weil er keinen Sinn dahinter erkennt, dass sich ein Unschuldiger aufopfert… Ich muss zugeben, dass auch ich – nach menschlicher Vernunft geurteilt – kritisch aufhorche, wenn Menschen – wie du und ich wohlgemerkt – aus Leichtsinn, Dickköpfigkeit oder sonst etwas in eine Auseinandersetzung hineinstolpern, die nur Unglück und Not verursacht. Ja, ich bin überzeugt: Viele familiäre Konflikte, aber auch viele Kriege nah und fern, ließen sich so gesehen vermeiden. Sie sind gleichsam hausgemacht und in ihren Folgen einfach nur schrecklich. – Wir brauchen dieser Tage nur einmal nach Russland und in die Ukraine schauen. Was dort passiert, ist die Folge brutaler Machtpolitik. – Kann denn keiner diesem Irrsinn Einhalt gebieten?

Liebe Leser*innen, bislang habe ich mich nur mit den ersten Versen unseres Predigtabschnitts befasst. Und Ihr mögt Euch fragen: gibt es denn nur Fragen, Zweifel und Verunsicherung? Oder steckt nicht doch auch Evangelium – Frohe Botschaft – dahinter? Bietet der Text nicht auch Antworten, Orientierung? – Ja, Gott sei Dank, das tut er, und ich finde sie in der zweiten Hälfte. Der Predigttext besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wendet sich Jesus an die Jünger. In der zweiten Hälfte weitet sich plötzlich der Horizont. Jesus spricht das Volk an. „Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach…“ Und dann folgt eine Kurzfassung christlicher Glaubens- und Lebensweisheiten. „Wer mir nachfolgen will, der … nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen …, der wird’s erhalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? 

Dreierlei fällt mir auf:

  1. Der menschliche Widerspruch führt nicht zum Bruch mit Jesus, sondern in eine tiefere Gemeinschaft. Jesus jagt Petrus nicht zum Teufel, sondern ruft ihn erneut in seine Nachfolge. Er will den Menschen, der an ihm zweifelt, ganz nah bei sich behalten. Ich finde das unglaublich tröstlich. Ich brauche mich nicht zu schämen, wenn ich mit dem Kreuzweg Jesu nicht klarkomme. Wenn ich an seinem Leiden und   dem Leiden der Welt verzweifle   und dagegen aufbegehre. Ich brauche keine Angst zu haben, ausgeschlossen, rausgeschmissen zu werden.Ich darf weiter mit Jesus gehen, in Gottes Nähe bleiben.
    1. „Wer mir nachfolgen will…“ Der christliche Glaube ist nichts für Zuschauer. Man muss sich schon mit Jesus auf den Weg machen. Und das kann auch Mit-leiden bedeuten. Niemand von uns wird das Leiden bewusst suchen. Das wäre ein grobes Missverständnis. Jesus ist kein Sadist. Aber wenn uns unser Glaubensweg ins Leiden führt – was ja für viele Christen in anderen Ländern bittere Realität ist -, dann dürfen wir uns der Nähe Gottes gewiss sein. Der leidende Menschensohn ist ganz an unserer Seite. Und seine Nachfolge führt uns an die Seite der leidenden, verzweifelten Menschen. Ich kann nur hoffen und bitten, dass ich, wenn es darauf ankommt, den nötigen Mut und die Kraft dazu habe und meinen Glauben nicht verleugne.
    2. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen …“ Was für eine kraftvolle Sprache! Ich werde auf meinem Glaubensweg unmissverständlich darauf gestoßen, was wirklich zählt im Leben. Alle Jagd nach Reichtum, alles Streben nach Macht und Glanz ist nichts, wenn die Seele Schaden nimmt. Wenn meine Beziehung zu Gott und zu den Menschen gestört ist. Wenn ich in meinem Innersten nicht eins bin mit mir selber. Was hilft es dem Menschen…“ Ein Satz, der befreit, der entschleunigt. Ich muss nicht überall die oder der Erste sein, nicht überall mithalten wollen. Ich kann auch mal innehalten, etwas für meine Seele, für mein inneres Gleichgewicht tun. Ich kann abgeben – und dabei reicher werden. Ich kann für andere da sein – und Freunde gewinnen für mein Leben. Der Glaubensweg der Nachfolge Jesu: er mutet uns viel zu, aber er schenkt auch viel. – Leben, das seinen Namen verdient. Amen.

    Fürbittengebet /Vaterunser: Gott des Lebens, wir bitten dich für alle Menschen, die schwer tragen an ihrem Kreuz. Für alle, die fliehen müssen aus ihrer Heimat, dass sie Schutz und Aufnahme finden. Für die Opfer von Krieg und Gewalt, dass sie in Sicherheit leben können und Menschen sich stark machen für Frieden. Für die Einsamen in unserem Ort und in unserer Gemeinde, dass Menschen freundlich auf sie zugehen, dass sie Gemeinschaft finden unter uns. Für die Kranken und Sterbenden unter uns, für die Traurigen und Sorgenvollen, dass andere ihnen nahe sind und tragen helfen, sodass die Last leichter wird. Gott des Lebens, wir bitten dich für alle Menschen, die wahrhaftig, ehrlich und liebevoll ihren Weg gehen wollen. Wir bitten dich auch für uns: Stärke uns. Gib uns den Mut, Schwierigkeiten nicht auszuweichen und für uns und andere einzustehen. Sei bei uns auf unserem Weg. – Vater unser im Himmel… Amen

    Segen: Der Herr segne dich und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen + + + Bleiben Sie behütet und gesund, Ihre Sabine Klatt

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