Andacht Volkstrauertag, 14.11.2021 von Pfarrerin Anna Scholz

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Friede sei mit euch. Es ist Volkstrauertag. Ein Sonntag mitten im November, an dem wir uns hier versammelt haben um an die Opfer der beiden großen Weltkriege. Und für den Frieden in unserem Land zu danken. Zuggleich denken wir aber auch an die vielen Menschen auf der Welt, die auch heute von Gewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht sind. Wir legen einen Kranz nieder zum Gedenken an die Opfer von damals und heute.

Psalm

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.  Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Gebet

Gott. Wir halten inne. Und gedenken. Die Lichter verloschen in ganz Europa, 1914. Vier Jahre Krieg. Und dann: Ab dem 11. November 1918 schwiegen die Waffen. Die Schützengräben waren leer. Wir gedenken derer, die mit leeren Blicken nach Hause zurückkehrten und den Krieg nie wieder vergaßen. Wir gedenken der Familien, die zerstört wurden durch den Krieg. Durch Vermissen. Durch Tod. Durch Traumata. Wir bitten Dich, Gott, um Dein Erbarmen. Gott. Wir können nicht fassen, was Menschen einander antun. Wir bringen es Dir. Es gab den großen Krieg 14-18. Und wieder, nur wenige Jahre später, gab es den zweiten großen Krieg. Und wieder taten Menschen einander Gewalt. Wieder starben Menschen. Wieder zerstörten Menschen einander das Leben. Manche erinnern es noch. Wir bitten Dich, Gott, um Dein Erbarmen. Gott, wir denken zurück in der Zeit, in der wir heute sind. Heute leben wir hier nicht mehr in Zeiten großer Kriege.
Unsere Welt aber ist verstrickt, noch immer, an so vielen Orten, in die Kreisläufe von Hass und Gewalt. Wir bitten Dich, Gott, um Dein Erbarmen. Amen.

 

Andacht

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein, wie die Träumenden… Dieser Vers aus Psalm 126 ist der Trauspruch meiner Großeltern. beide sind Jahrgang 1924. Wenige Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs sind sie geboren. das Land war noch von den Spuren des Kriegs gezeichnet, die sich auch durch die Familien zogen.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren die beiden noch Grundschulkinder.

Und bei Ausbruch des 2. Weltkriegs dann Jugendliche. Überzeuge Nazis waren die beiden nicht, wahrscheinlich eher Mitläufer. In alten Photoalben kann man meinen Großvater mit einer Hakenkreuzarmbinde sehen, im Ferienlager der Hitlerjugend.

Und dann ist er als junger Mann auch in den Krieg gezogen, ja, eigentlich sogar noch als Jugendlicher. Bei der Marine ist er gewesen, im U-Boot unterwegs, 18, 19 Jahre muss er da gewesen sein. Eine Jugend nach unseren heutigen Maßstäben hat diese Großelterngeneration nicht gehabt. Wer weiß schon, welche Ängste sie damals ausgestanden haben, meine Oma im Ruhrgebiet vor den Bombennächten, mein Opa auf See, eingepfercht mit anderen jungen Männern in ein enges Boot, tief unter Wasser.

Und doch hatten meine Großeltern Glück. Bei Kriegsende ist mein Großvater in britische Gefangenschaft geraten, in der Nähe von Eckernförde muss das gewesen sein. Und die Engländer haben wohl gesehen, dass die Mannschaft meines Großvaters eigentlich hauptsächlich aus sehr jungen Männern bestand, deren leben noch vor ihnen lag. Jedenfalls berichtete mein Großvater später von der Zeit seiner Gefangenschaft immer fast wie von einer Urlaubsreise. Dass sie am Strand sein durften. Und dass es Schokolade gab. Vielleicht war das die erste unbeschwerte Zeit im Leben meines Großvaters überhaupt. Wo er einfach jung sein konnte und frei.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein, wie die Träumenden…so muss es ihm wohl vorgekommen sein..

 

Früher, als ich klein war und wir in der Schule den Auftrag bekommen hatten, unsere Großeltern über ihre Kriegserfahrungen auszufragen, da kamen immer nur spärliche Antworten.

Warscheinlich waren meine Großeltern froh, den Schrecken hinter sich gelassen zu haben.

Kurz nach dem Krieg, 1947 haben die beiden geheiratet. Eigentlich wollte mein Großvater Pfarrer werden. Aber weil er in den letzten Kriegstagen noch zum Offizier befördert worden war, durfte er nicht mehr Theologie studieren. So war das damals mancherorts. Und dann ist er Lehrer geworden. Meine Großeltern haben 5 Kinder bekommen und ein gutes Leben geführt.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein, wie die Träumenden… Wie Träumende sind sie damals vielleicht gewesen. Erleichtert und dankbar, dass sie überlebt hatten, im Gegensatz zu vielen anderen, auch aus unserer Verwandtschaft. Und dass ihnen größeres Leid erspart geblieben ist. Sie haben später nicht gern darüber geredet, was sie sonst noch miterlebt haben. Den Abtransport jüdischer Familien. Die Gewalt und die Diskriminierungen. Denn auch die nationalsozialistische Erziehung, die beide in der Schule mitbekommen haben, die hat sich irgendwie in ihnen eingebrannt, auch wenn sie beide sehr gläubige Christen und Menschenfreunde gewesen sind. Dass es verschiedene Menschenrassen gibt zum Beispiel, dieses Denken saß tief in ihnen fest. Sie hatten es eben als Kinder gelernt. Und einmal, als mein Cousin vor einigen Jahren mal seine Freundin mitbrachte, ihre Eltern stammten aus einem afrikanischen Land und sie hatte dunkle Haut, das sagte meine Großmutter, die damals noch lebte, wie um sich selbst zu beruhigen: naja, ist ja auch ein Menschenkind.

Ich war entsetzt über so einen rassistischen Satz aus dem Mund meiner geliebten Großmutter. Und zugleich ist mir klargeworden, dass sie da vielleicht kein Einzelfall war. Auch an ihr hatte diese Zeit eben tiefe Spuren hinterlassen, die sich, obwohl nicht mehr davon geredet wurde und am besten auch nicht dran gedacht, eingegraben haben in die Seelen.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein, wie die Träumenden…dieser Satz hat meine Großeltern durch ihr gemeinsames Leben begleitet. Aber manches ließ sich eben nicht wegträumen. Es blieb und es kam wieder hervor.

Mit über 90 Jahren begann mein Großvater, vom Krieg zu erzählen. Plötzlich war alles detailgetreu wieder da. Meine Großmutter schimpfte, wenn er nach dem Kaffeetrinken mit seinen Kriegsgeschichten anfing. Aber in ihm hatten sie lange geschlummert und es kam mir vor, als wollte er dieses Erbe weitergeben an uns später geborene. Auch, damit wir wissen, wie es damals war, wenn alle Zeitzeugen gestorben sind.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein, wie die Träumenden…Manchmal, nachdem ich die Geschichten meines Großvaters kannte, da habe ich gedacht, es ist vereinnahmend, dass meine Großeltern diesen Satz so für sich reklamiert haben. Einen Satz aus einem Psalm, einem Gebet des Judentums. Denn sie sind ja selbst dabei gewesen, als die jüdischen Nachbarn abgeholt wurden und in die Waggons steigen mussten. Sie haben geschwiegen, so wie viele andere auch.

Und zugleich waren sie beinahe selbst noch Kinder. Kann man ihnen das vorwerfen? Ich weiß es nicht. Aber wir dürfen diese Geschichten unserer Eltern und Großeltern nicht vergessen. Und müssen aufpassen auf den Frieden, den wir haben, denn er ist zerbrechlich, wie ein Traum.

Amen.

Fürbitten und Vaterunser

Gott, wir sind Gefangene zwischen damals und heute, Gefangene der Gewalt, die umfängt, Mensch gegen Mensch, Bruder gegen Bruder,
Schwester gegen Schwester. Wenn unser Gott die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Gott, wir sind Trauernde zwischen damals und heute, traurig über Tod und Vermissen.  Wenn unser Gott uns erlösen wird, wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Gott, wir sind Hoffende zwischen damals und heute,
erinnern um nicht zu vergessen, erinnern, um nicht zu wiederholen.
Und wir hoffen, bis in Ewigkeit. Auf Erlösung aus der Gefangenschaft von Gewalt und Trauer und Frage. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. Wir hoffen auf dich, dass es so sein wird. Und dass Du uns dabei hilfst.

Vater unser im Himmel, …

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen +++

Es grüßt Sie herzlich, Ihre Pfarrerin Anna Scholz

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