Andacht zum 1. So. n. Epiphanias, 09.01.2022 von Pfarrer Martin Hahn

Psalm 37

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Entrüste dich nicht, damit du nicht Unrecht tust. Bleibe fromm und halte dich recht; denn einem solchen wird es zuletzt gut gehen. Der Herr hilft den Gerechten, er ist ihre Stärke in der Not.

Schriftlesung Mt 17, 1-7

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!

Lied: Christus, das Licht der Welt (EG 410)

  1. Christus, das Licht der Welt. Welch ein Grund zur Freude! In unser Dunkel kam er als ein Bruder. Wer ihm begegnet, der sieht auch den Vater. Ehre sei Gott, dem Herrn!
  2. Christus, das Heil der Welt. Welch ein Grund zur Freude! Weil er uns lieb hat, lieben wir einander. Er schenkt Gemeinschaft zwischen Gott und Menschen. Ehre sei Gott, dem Herrn!

Ansprache

Friede sei mit euch, von dem der da ist, der da war und der da kommt.

Sicher wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man wirklich furchtbare Angst hat. Wirklich furchtbare. Wenn sich einem der Magen umdreht, ein eiskalter Schauer die Wirbelsäule hinunterläuft und die Augen glasig werden. Der Atem stockt dann, und alles was sich der Kehle noch entringen mag, ist ein leises: „Oh mein Gott!“ Versetzen wir uns mal in Petrus, Jakobus und Johannes hinein. Sie folgen Jesus auf den Berg. Das heißt, dem Jesus, den sie kannten.

Und dann das: sein Gesicht fängt an zu leuchten, die Buchdeckel des Alten Testaments öffnen sich quietschend und Mose und Eliah treten daraus hervor. Frisch wie am ersten Tag. Sie parken sich links und rechts neben Jesus und eine dicke Wolke kommt einfach so herbeigeflogen, fast wie ein Helikopter bei einer Liveübertragung. Und dann: der Himmel fängt einfach an zu sprechen (ja korrekt, der Himmel fängt an zu sprechen!). Er sagt, er sei Jesu Vater. Na klar.

Was machen die Jünger: das Offensichtliche. Sie verstecken sich erstmal – zu Tode erschrocken – hinter dem Sofa. Sie haben Angst. Angst an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist ein Gefühl, das identifiziert, was es ist, das wir eigentlich lieben. Die schnellste Art und Weise herauszufinden, was oder wen jemand liebt, ist zu beobachten wovor er oder sie eigentlich Angst hat. Wir ängstigen uns, weil wir nicht verlieren wollen, was wir lieben. Wir haben richtig Angst, wenn wir richtig lieben, und er sie oder es ist tatsächlich in Gefahr. Eine Welt ohne Angst, ist eine Welt ohne Gefahr, aber auch ohne Liebe.

Wenn sie sich zurückerinnern an Zeiten großer Angst, ist das vielleicht kaum auszuhalten. Aber manchmal sind das auch die Zeiten, in denen man sich lebendig gefühlt hat, und zwar mehr als sonst. Warum? Weil völlig klar war, wen oder was man liebt. Wenn sich vielleicht der Tod selbst nähert, dann will man bei den Menschen sein, die zählen und an den Orten, auf die es ankommt. Dann will man Hände ganz fest drücken, andere in den Arm nehmen und Sachen sagen, die gesagt werden müssen. Manchmal nach Jahren der gegenseitigen Ignoranz. Situationen, die angsterfüllend sind, verbinden mich mit Menschen, die mir eigentlich komplett fremd sind. Bloß weil wir Menschen sind. Und wenn die Gefahr dann vorüber ist, denkt man sich: warum ist der Rest des Lebens nicht so intensiv? In der Angst kommt der Glaube zum Vorschein: und zwar in der Art und Weise, wie wir auf die Angst reagieren: in der Art und Weise, wie wir unsere Liebe zeigen.

Auf dem Berg sehen die Jünger Jesu Verklärung, Seine Epiphanie, und es war wohl wirklich angsteinflößend. Gott selbst. Drum: schlottern sie vor Angst. Der Jesus den sie kannten, ihr Freund und Meister, ist das Wesen aller Dinge selbst. Die ganze Geschichte Israels erfüllt sich in ihm. Das ist erstmal nicht leicht zu verdauen, also gehen sie in die Knie, denn die sind auf einmal aus Wackelpudding. Und dann, dann tut Jesus etwas gegen die Angst. Vierfach. Schauen sie genau hin: „Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!“. Erst einmal geht er zu den Jüngern. Er ruft nicht aus der Ferne, er macht sich nicht lustig über ihr Verhalten, er übt keine Kritik: nein, Jesus kommt zu ihnen, er macht den ersten Schritt. Er tritt die Reise an durch ihre Angst hindurch. Und dann, zweitens: Jesus berührt sie. Alle nacheinander, noch bevor er spricht. Er tritt die Reise an durch ihre Angst hindurch und er rührt sie an, inmitten ihrer Angst. Und dann, erst dann spricht er: steht auf. Die Jünger sind also (anscheinend) immer noch versteinert. Aber Jesus stiftet ihnen Leben ein. Steh auf, auch wenn die Angst noch da ist. Jetzt ist die Zeit. Die Jünger haben etwas gewonnen: sie wissen, wen sie aufrichtig lieben. Aber sie realisieren erst ganz langsam, dass er nicht in Gefahr ist. Er ist nicht in Gefahr: nur verherrlicht worden über alles hinaus, was ihnen jemals in den Sinn gekommen wäre. Und dann, erst dann, sagt Jesus: „fürchtet euch nicht!“. Zeit, ans Werk zu gehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus. Amen

Lied: Christus, Licht der Welt (EG 410)

3. Christus, der Herr der Welt. Welch ein Grund zur Freude! Von uns verraten, starb er ganz verlassen. Doch er vergab uns, und wir sind die Seinen. Ehre sei Gott, dem Herrn!

4. Gebt Gott die Ehre. Hier ist Grund zur Freude! Freut euch am Vater. Freuet euch am Sohne. Freut euch am Geiste: denn wir sind gerettet. Ehre sei Gott, dem Herrn!

Fürbittengebet

Herr Jesus, wenn wir Angst haben, wenn wir wie gefroren sind vor Schock, wenn uns der Grund unter den Füßen abhanden kommt, dann brich durch unsere Angst, dann tritt an unsere Seite und richte uns auf. Wir rufen gemeinsam: Herr erbarme dich.

Herr Jesus, lass uns in diesen Jahren der Angst erkennen, was wir lieben. Lass es uns erkennen und festhalten. Schenk den Menschen, die um ihre Liebe füreinander wissen, aber sich nicht sehen können, weil sie isoliert diese Krankheit durchstehen müssen, deine Nähe. Wir rufen gemeinsam: Herr erbarme dich.

Herr Jesus, lass uns deinen Ruf hören, immer wenn uns etwas zu Boden gedrückt hat. Gib uns die Kraft, immer wieder trotzdem aufzustehen. Wir rufen gemeinsam: Herr erbarme dich.

Und in der Stille bringen wir die andern vor dich, die wir jetzt im Herzen tragen.

– Stille –

Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Gehen Sie in die Woche im Frieden des Herrn.

Ihr Pfarrer Martin Hahn

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