Andacht zum 6. So. n. Trinitatis, 19.07.2020

Liebe Gemeindeglieder,

an diesem Sonntag, zum ersten Mal für mich, bin ich an der Reihe, ein paar Gedanken über Gott und die Welt mit Ihnen zu teilen. Auch wenn wir uns noch nicht persönlich kennen, freue ich mich doch schon auf die Begegnungen, die ich in meiner Vertretungszeit für das Pfarramt Unteres Lahntal 3 mit Ihnen haben werde.

Als ich 1970 in die Schule kam, hatte ich gleich das Vergnügen mit einer Sportlehrerin, die noch in einer anderen Zeit ihre pädagogische Ausbildung erhalten hatte und nun kurz vor ihrer Pensionierung stand. Ich genoss in ihrem Unterricht geradezu militärischen Drill: Wir mussten uns immer der Größe nach aufstellen und der beste Sportler der Klasse wurde ausgewählt, die Reihe anzuführen, voraus zu laufen, zu turnen oder was auch immer. Machte er etwas falsch oder war nicht gut genug, musste er seinen privilegierten Platz verlassen. Und zwar zackzack und nicht selten mit den Worten „Du bist ja dümmer, als die Polizei erlaubt! Zurück in die Reihe!“ Hatte der Vorturner Glück, wurde er irgendwann begnadigt und durfte wieder nach vorne. Mir wurde diese Ehre des Vorturnens auch einmal zuteil… mit entsprechendem Abgang – an eine Begnadigung kann ich mich nicht mehr erinnern.

In unterschiedlichen Konstellationen und an verschiedenen Plätzen im Leben kennen wir wahrscheinlich alle dieses Spielchen: Wir kommen einen Schritt nach vorne, aber das Glück hält nur für eine bestimmte Zeit bis wir wieder abserviert sind.

Das kann im Beruf, in der Schule, im Sport, in der Nachbarschaft, sogar in der Familie oder sonst irgendwo sein.

Emotional besonders anstrengend wird´s, wenn wir das Gefühl haben, dass uns Unrecht angetan wird und wir zurückgestellt werden, ohne dass wir Schuld an der Situation hätten. Oder wenn wir merken, dass das, was wir bisher gemacht haben, auf einmal von jemand anderem besser gemacht wird und wir deswegen abserviert werden – trotz all unserer Treue und Gewissenhaftigkeit bisher.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag berichtet auch von einer Auswahl, von einer Erwählung: Von der Erwählung des Volkes Israel durch Gott. Und da ist doch manches überraschend anders, als wir es üblicherweise kennen. Der Text steht in 5. Mose 7, 6-12:

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Israel ist von Gott ausgewählt worden. Und dabei hat Gott sich nicht das beste, das moralisch hochstehendste und auch nicht das größte oder agilste Volk ausgewählt. Die Begründung, warum er gerade Israel erwählt hat, könnte sogar im Gegensatz nicht wirklich schmeichelhaft sein: Die Israeliten waren die Kleinsten, wohl auch die Schwächsten von allen. Sie waren keine Vorturner.

Aber möglicherweise gerade das erregte die Liebe Gottes.  Er liebt offensichtlich besonders die Kleinen und die Schwachen (– ohne die Großen und Starken nicht auch zu lieben).

Wir haben hier ein Lehrstück über die Liebe vor uns. Über die Liebe Gottes. Sie ist bedingungslos, ohne Ansehen der Person.

Und sie ist Selbstverpflichtung. Auch das ist eine Begründung für die Erwählung Israels. Gott hat es Abraham versprochen, also löst er sein Versprechen auch ein. Der Gott der Bibel hat sich aus freien Stücken an sein Volk gebunden. Er behandelt es nicht nach dem Leistungsgedanken: Bist du gut genug, dann darfst du bleiben, bist du zu schlecht, musst du zurück in die Reihe. Nein, Gott verpflichtete sich, treu zu sein. Er weiß, dass wir Menschen mal bessere und mal schlechtere Zeiten haben. Und wir lesen in der Bibel, dass ihn das nicht ungerührt lässt. Wenn sein Volk seine Liebe nicht erwidert, wenn es Gott vergisst, verschmäht, ignoriert oder verlässt, dann leidet Gott darunter – und bleibt trotzdem treu.

Dennoch ist dieser Text nicht ohne Irritation für uns: Wir sind es nicht gewohnt, negative Ankündigungen einfach nur hinzunehmen. Gerade, wenn es um Glauben geht. Und weil damit in früheren Zeiten hierbei schon ordentlich Druck erzeugt wurde. Wir spüren zurecht, dass Glaubensfreiheit und Druck nicht zusammenpassen. Was hier steht kann aber durchaus als Bedrohung gelesen werden: „Gott säumt nicht zu vergelten“.

Dreierlei fällt mir hierzu ein:

Zum einen müssen wir uns frei machen von der irrigen Meinung, dass Gott immer und bedingungslos der Teddybären-Gott ist, der sich gut knuddeln lässt und sonst nichts zu sagen hat oder haben will. Nein, schon Luther spricht vom „verborgenen Gott“, von dem Teil Gottes, den wir nicht verstehen, weil er einfach größer ist, als das, was wir denken können – was wäre das für ein Gott, der nur so groß ist, wie ich ihn denken kann?? Mit diesem Gedanken würde ich mich ja schon über Gott erheben. Gottes Größe umfasst nicht nur, ein lieber, tatteriger alter Opa zu sein, so wie wir ihn gerne hätten, damit er harmlos und unbedeutend für unser Leben bleibt. Gott hat auch eine Seite, bei der durchaus Leid und Schweres für uns vorkommt. Aber das können wir gedanklich kaum einordnen, geschweige denn ertragen.

Zum anderen ist es ja nur logisch, dass Gott von uns einfordert, dass wir uns auch an seine Ratschläge d.h. Gebote für unser Leben halten. Ge-bote sind nicht Ver-bote. Er sagt nicht: „Dies und jenes darfst du nicht!“ Er sagt im Gegenteil: „Tu das, dann wirst du Lebendigkeit erfahren, dann kann ich dich segnen!“ Wie sollte es denn gehen, dass Gott unser Leben segnet und uns hilft, wenn wir uns keine Gebrauchsanleitung von ihm geben lassen wollen oder gar ihn vorher rausgeschmissen haben aus unserem Leben? Wenn wir ihm untersagt haben, in unser Leben einzugreifen, dann tut er das auch nicht. Gott will eingeladen sein.

Zum Dritten – und das ist das wichtigste zu betonen – ist Gott eine Macht, die uns immer wohlgesonnen ist. Er ist treu, hält tausend Generationen zu uns und will unser Leben mit Barmherzigkeit begleiten und segnen.

Lassen wir es zu, dass er in unser Leben spricht. Ohne vorherige Leistungskontrolle. In unübertrefflicher Treue. Das gibt ihm die Ehre, die ihm zusteht und uns Segen.

Amen

Der Wochenpsalm ist Psalm 139, 1–16.23–24, im Gesangbuch Nr 754

Der heutige Sonntag steht im Kirchenjahr unter dem Thema „Taufe“. Der Predigttext passt insofern gut dazu, als er aufzeigt, dass Gottes Liebe und Annahme an keine Bedingungen geknüpft sind: Er hat Israel ohne Vorbedingungen erwählt und liebt es. Genau deswegen taufen wir auch kleine Kinder: Als Symbol für Gottes bedingungslose Annahme. Ein Baby kann nichts leisten oder bringen. Es wird einfach um seiner selbst willen von Gott geliebt.

Es grüßt Sie sehr herzlich

Ihr

Pfr. Ulrich Hilzinger

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