Andacht zum Ewigkeitssonntag, 21.11.2021 von Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Friede sei mit Euch.

Es ist November, das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Die Blätter an den Bäumen haben keine Kraft mehr. Ein kleiner Windstoß genügt, um sie von ihrem Zweig zu wehen. Langsam fallen auch noch die letzten Blätter herunter. Die Erde fängt sie alle auf. Die Natur zieht sich zurück und scheint tot. Doch längst sitzen an den Zweigen die neuen Knospen, kaum sichtbar. Werden und Vergehen gehören zusammen. Jetzt ist Herbst, und nach dem Winter mit seinen dunklen Tagen wird es wieder Frühling, mit neuem Leben. Die Natur ist ein Bild für unser Leben. Wir alle sind sterbliche Wesen und leben nicht ewig. Auch unser Miteinander ist begrenzt. Wir haben einander nicht ewig. Heute, am Ewigkeitssonntag, wird uns das schmerzlich bewusst. Wir gedenken der Menschen, die gestorben sind, und die uns dennoch umgeben. Wir gedenken ihrer und bitten, dass es ihnen gut gehen möge dort, wo sie jetzt sind. Wir feiern diese Andacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Psalm 90

Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit, der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom; sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst und des Abends welkt und verdorrt. Das macht dein Liebes-Zorn, dass wir so vergehen, und dein Gnaden-Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen. Denn unsere Schande stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsere Tage dahin; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon. Wer glaubt aber, dass du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir? Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Kehre doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Fülle uns früh mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Erfreue uns nun wieder nach langer Plage, nachdem wir so lange Unglück leiden. Zeige deinen Gläubigen deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern. Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern.

Lied: Wir warten dein, o Gottes Sohn (EG 152)

Andacht zu Psalm 90

Ewigkeitssonntag ist heute. Manche sagen auch Totensonntag. In vielen Gottesdiensten werden heute die Namen der Verstorbenen des zurückliegenden Kirchenjahres verlesen. Viele sammeln sich unter der Erfahrung: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, sind es achtzig Jahre. Wie klingt das im Munde eines Menschen, der mit 70, 80 oder gar mehr Jahren auf ein gelebtes Leben zurückblickt? Dabei ist es weniger eine Frage des Alters, als mehr der Umstände, wie sich mein Leben anfühlt. Und wie sich Sterben anfühlt. Wenn ich alleine sterben muss? Keiner da ist. Keiner kommen darf. Regeln es verbieten in der letzten Stunde dabei zu sein, Abschied zu nehmen, ihn / sie noch einmal zu sehen. Es ist wie auch im vergangenen Jahr das Jahr mit Corona und wir teilen es höchstens noch ein in „vor Corona“. Es gibt kein „ohne“ und jede verschwörerische Vermutung über Corona verhöhnt jeden, der daran starb. Und die meisten wären vermutlich nicht nur gerne älter geworden, sondern vor allem nicht in die Qual einer Beatmungssituation gekommen, hätten nicht so und vor allem nicht alleine sterben wollen. Am Ende möchten wohl viele – ich zumindest -, die drei Worte sagen können, die so oft trösten: ein erfülltes Leben. Vielleicht haben Sie es im Trauergespräch auch gesagt: Sie / er hatte ein erfülltes Leben. Er hat gelebt. Dieses oder jenes hätte er auch gar nicht mehr gewollt. So wahr das alles ist. So tröstend ist es auch. Und je älter jemand wird, desto leichter fällt einem das Rechnen: Sie hat ein langes Leben gehabt. Wir arrangieren uns damit. Die Länge des Lebens scheint einen mit der Tatsache , dass jemand sterben muss gnädiger zu stimmen. Vielleicht lassen wir ihn und sie dann leichter los. Lassen wir auch leichter los, wenn wir sterben? Manche schlafen friedlich ein. Andere werden kämpfen. Kein Tod ist wie ein anderer. Ein „Wir“ gibt es kaum. Und eine Regel auch nicht. Gerechtigkeit passt ebenso wenig. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, sind es achtzig Jahre. Meines aber vielleicht nicht? Womit können wir rechnen? Mit nichts? Weil es keine Gesetze, keine Regeln, nichts Verlässliches gibt. Ich weiß nicht wann und wo und wie. Ich will es auch gar nicht wissen. Und der Psalm weiß auch nicht recht. Wie rechnet denn Gott? „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag“: „Lieber Gott, stimmt das, dass tausend Jahre für dich nur ein Moment sind?“ „Ja, das stimmt.“ „Und, lieber Gott, stimmt das, dass tausend Euro für dich nur ein Cent sind?! „Ja, das stimmt.“ „Ach lieber Gott, dann gib mir doch nur einen Cent!“ „Aber gern doch, warte nur: einen Moment!“ – Dieser Witz setzt auf seine Weise den Psalm ins Bild. Die ungeheure Distanz zwischen Menschenzeit und Gottes Zeit. Bei Gott sind Jahrtausende ein Hauch. Bei mir, Mensch, sind’s gerade mal siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, achtzig, und mein Leben wird ausgehaucht. Was für ein Abstand zwischen der alles Menschenmaß überschreitenden Zeit Gottes und der kurzen Lebensspanne des Menschen. Ist das nun der groß zu lobende Gott? Oder ist es der ferne Gott? Nicht zu finden? Sind die Worte über Gottes Zeit hymnischer Klang oder bittere Klage vor einem Gott, in dessen Zeitmaß sich Menschen wie „Eintagsfliegen“ ausmachen? Lob und Klage sind die beiden Arten der Psalmgebete. Psalm 90 ist in beidem verwoben und verwandt. Es ist nicht seine Unentschiedenheit oder mangelnde Sehschärfe, dass Klagen und Loben fast ununterscheidbar werden. Vielmehr ist es das Zugleich: die Ewigkeit loben und klagen, dass ich nicht wirklich weiß, ob ich ankomme. Der Psalm wird Mose zugeschrieben, der am Ende seines Lebens vor dem gelobten Land steht, in das er seine Brüder und Schwestern führen sollte.   Er wird es aber nicht betreten. Er wird sterben, bevor die Nachkommen ankommen. Aber er weiß, was er für seine Kinder getan hat, faltet die Hände und betet: HERR, wende dich uns wieder zu! Wie lange willst du noch zornig sein? Hab Mitleid mit deinen Knechten! Schenk uns doch schon am Morgen den ganzen Reichtum deiner Güte! So wollen wir jubeln und uns freuen an allen Tagen unseres Lebens. Lass uns so viele Tage fröhlich sein, wie du uns niedergedrückt hast. Schenke uns so viele gute Jahre, wie wir Unglück erfahren haben. Zeig an deinen Knechten deine Macht und an ihren Kindern deine Herrlichkeit! So soll sich an uns erweisen, wie freundlich der HERR ist, unser Gott! Lass das Werk unserer Hände gelingen! Ja, das Werk unserer Hände, lass es gelingen! Mose sieht sein Land und kann es nicht betreten. Er fügt sich in die Zeit Gottes; aber vieles fügt sich auch nicht. Und wenn „Tausend Jahre vor Gott wie ein Tag sind“, dann ist das nicht nur eine lustige Vorstellung. Wie sieht die Weltgeschichte aus einer Warte aus, wenn tausend Jahre wie ein Tag sind? Die letzten tausend Jahre mit ihren Kreuzzügen, Reformation, Französische Revolution, Weltkriegen und „Auschwitz“, mit weltumspannenden Krankheiten wie der Spanischen Pest und Corona, mit weltbewegenden Bildern aus Moria. Wenn alles auf einen Tag fällt? Wenn alles bei Gott der Schmerz eines Tages ist. Wenn es der Schmerz ist, den Sie kennen, weil von einem Tag auf den anderen ein ganzes Leben fehlt. Der Stuhl leer bleibt. – Das Bett kalt. – Die Schranktür verschlossen. – Die Zahnbürste unbenutzt. – Mir fehlt sein Schnarchen. – Mir fehlt sein Duft. – Ihre Haut. – Die Falten und das Glatte. – Was zu vergeben war. – Was wir uns schuldig geblieben sind. Ich habe Angst vor der Trauer und vielleicht auch Angst vorm Vergessen. Ich weiß gar nicht, ob es besser wird. Jetzt wo es besser ist, habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen. Darf ich wieder lachen und tanzen und lieben? „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag“. Und mein Tag hat manchmal zu viele Stunden und manchmal viel zu wenige. Die Zeit ist so willkürlich und so persönlich. Sie fühlt sich gut an und manchmal leer. Sie heilt Wunden und sie reißen auch wieder auf. „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag“. Oder darf ich das umgekehrt verstehen? Ein Tag ist Gott tausend Jahre wert. Wenn Gott diese Zeit für uns hätte: Tausend Jahre für einen Tag von uns. Was für ein Wert.   Die Namen ins Buch des Lebens geschrieben. Ein Wort nur am Kreuz und ein ganzes Leben in seiner Gegenwart. Ich möchte mir vorstellen, dass Gott alle unsere Namen hört und alle Gesichter sieht und den Schmerz kennt und der Tod nicht mehr sein wird. Ich möchte mir vorstellen, dass Gott tausend Jahre Zeit hat für ein Leben: für meins. Ich möchte mir vorstellen, dass Gott zu uns sagt: Ich habe für dich einen Moment:

„Lieber Gott, stimmt das, dass tausend Jahre für dich nur ein Moment sind?“ „Ja, das stimmt.“ „Ach, lieber Gott, wenn ich sterbe, dann gib mir diesen einen Moment mit dir: Ewiges Leben.“ Amen

Fürbittengebet / Stilles Gebet / Vaterunser

Du Gott, unser Vater und unsere Mutter, wir denken heute daran, dass wir und die Menschen, die wir lieben, sterben müssen. Wir leiden unter dieser Grenze und unter der Macht, die der Tod in unserem Leben und in unserer Welt hat. Du hast uns aber auch die Hoffnung geschenkt, dass dein Sohn den Tod überwunden und begrenzt hat. Und wir hoffen, dass wir durch das Sterben hindurch zum Leben gelangen. Wir bitten dich für die Menschen, die uns vorausgegangen sind auf dem Weg in die Ewigkeit, die wir loslassen mussten. Halte du sie weiterhin in deiner Hand und lass sie dereinst auferstehen, damit sie bei dir leben. Wir bitten dich für die Menschen, die alt und hochbetagt sind oder durch Krankheit gezeichnet. Hilf ihnen, die wenige Zeit, die ihnen bleibt, zu nutzen, dass sie jeglichen Groll ablegen und in dir Frieden finden. Wir bitten dich für die Menschen, die unter Schmerzen leiden und die ein Ende ihrer Qual herbeisehnen. Sei bei ihnen in ihrem Leiden, und lass sie Hilfe finden. Stelle ihnen Menschen zur Seite, die bei ihnen wachen. Wir bitten dich für uns selbst, die wir oft ohne Ziel vor uns hin leben. Öffne unsere Augen, dass wir erkennen, was wirklich zählt in unserem Leben, dass wir die Zeit, die uns gegeben ist, nicht verschwenden, sondern zu deiner Ehre und zum Wohl der Menschen einsetzen.

– S T I L L E –

Vater unser im Himmel,…

Lied: Meine Zeit steht in deinen Händen (EG+ 111)

Segen

Gott heile deine Wunden und stärke deinen Glauben.

Gott mache deine Seele heil und tröste dich.

Gott geleite dich auf deinem Weg ins Leben.

So segne dich Gott, heute, morgen und in Ewigkeit.

Amen +++

 

Bleiben sie behütet und gesund.

Es grüßt Sie herzlich, Ihre

Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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