Andacht zum Reformationstag, 30.10.2022, von Diakonin/Prädikantin Sabine Klatt

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Der Friede Gottes sei mit Euch allen. Amen – Etwas mehr als ein halbes Jahrtausend ist es her, dass die evangelische Kirche ihren Anfang nahm, dass der große Reformator Martin Luther wirkte und um die Erneuerung der Kirche kämpfte. Da ist es Zeit, einmal Bilanz zu ziehen: Was ist eigentlich geblieben von Luthers Wirken und Lehren?

Lied: Ein feste Burg ist unser Gott (EG 362)

Ansprache

Liebe Leser*innen,

Martin Luther wurde 1483 in Eisleben im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Eigentlich war klar, dass er in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters treten sollte. Doch es sollte anders kommen … Im Jahr 1505 geriet der junge Luther mitten im Wald in ein schweres Gewitter und litt Todesängste. Berühmt geworden ist sein Gelübde: „Heilige Anna, hilf mir, und ich will ein Mönch werden!“ und so geschah es dann tatsächlich. Martin Luther überlebte das Gewitter und trat ins Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein. Gewissenhaft und fromm, so soll Luther als Mönch gewesen sein. Und doch war er immer auf der verzweifelten Suche nach dem gnädigen Gott. Luther wusste natürlich, dass man diesen Gott für sich gewinnen konnte, wenn man in der Beichte alle seine Sünden aufrichtig bereut und Gott von ganzem Herzen liebt. So lautete die damalige Lehre der katholischen Kirche. Doch so sehr sich Luther auch bemühte, er war sich nie sicher: Hatte er wirklich alle Sünden gebeichtet? Und konnte er einen solchen strengen Gott, der ihn mit ewiger Verdammnis drohte, wirklich lieben? War es nicht vor allem Furcht, die er vor ihm empfand? Doch wenn er Gott nur fürchtete und nicht liebte, dann – dessen war Luther sich schmerzlich bewusst – würde er Gottes Gebot nicht erfüllen und wäre auch wieder verdammt. Wie also sollte er einen gnädigen Gott kriegen? Luther suchte weiter nach einer Antwort. Er studierte Theologie, schrieb eine Doktorarbeit, wurde Professor und hielt Vorlesungen über die Bücher der Bibel. Aber eine Antwort auf seine Frage hatte er noch immer nicht gefunden. Doch dann, eines Tages, ging ihm ein Licht auf. Als Luther in seinem Turmzimmer saß, die Bibel studierte und sich auf seine Vorlesungen vorbereitete, durchzuckte ihn ein Gedankenblitz, als er diese wenigen Verse aus dem Römerbrief las: Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Röm 1,16f). Aus Glauben in Glauben. Luther erkannte: Das ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Gott macht alle selig, die an ihn glauben. Nicht ich muss mich um meine Seligkeit sorgen, sondern Gott schenkt sie mir. Gott macht mich selig. Nicht mein Handeln macht mich vor Gott gerecht, sondern seine Gnade. Keine Werke, keine guten Taten, sondern Gott selbst. Das war sie endlich, die Antwort auf Luthers bange Frage: Gott ist immer schon gnädig. Dieser Satz sollte Grundlage seines Glaubens und Denkens werden: Sola gratia – Allein aus Gnade.

Sola fide – Allein durch den Glauben – Bereits als Theologiestudent war Luther nach Rom gereist. Zum Papst, in die Heilige Stadt. Doch schon damals, war er, der junge Mönch aus der sächsischen Provinz, geschockt von der moralischen Verwahrlosung, die im Zentrum des katholischen Glaubens herrschte. Dazu gehörte auch der Ablasshandel. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!“, so dichtete der Ablassprediger Tetzel. Und das hieß nichts anderes als das: Gegen klingende Münze konnte man sich von seinen Sünden freikaufen. Im Nachhinein, für die Zukunft und sogar noch für andere, z. B. für Verwandte, die man im Fegefeuer glaubte. Luther war entsetzt darüber. Geld statt innerer Reue? Das konnte nicht Gottes Wille sein. Da war er sich sicher. Er sagte: Hier irrt die katholische Kirche. Deswegen verfasste er immer mehr kirchenkritische Schriften, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten. Doch wer damals gehört werden wollte, der wählte einen besonderen Weg: Er musste die Dinge, die er zu sagen hatte, anschlagen. Als Bekanntmachungen. Und das tat wohl auch Luther. Am Vorabend eines der wichtigsten katholischen Feste, nämlich von Allerheiligen, nagelte Luther seine Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche zu Wittenberg. Das geschah am 31. Oktober 1517. Und die erste von Luthers 95 Thesen lautete: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ und so weiter, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll. Buße tun, das hieß doch nicht: „Geld bezahlen und gut ist.“ Sondern Buße tun, das hieß: Sein ganzes Leben auf Gott ausrichten. Nicht um ihn gnädig zu stimmen, sondern um seine Dankbarkeit zu zeigen. Dankbarkeit dafür, dass Gott gnädig ist, alle Menschen liebt und retten will. Deshalb gilt nicht nur sola gratia, sondern auch sola fide – allein aus Glauben. Der Glaube an Christus reicht aus, um selig zu werden. Ich muss mir Gottes Liebe, seine Gnade, nicht verdienen, weder durch besondere Werke, noch durch gute Taten oder durch sonst etwas. Der Glaube reicht. Der Glaube an Gottes Gnade und Liebe. Und wer so glaubt – da war sich Luther sicher -, der legt ja nicht einfach die Hände in den Schoß. Er handelt auch so. Der nimmt sich Christi Liebe zum Vorbild. Der eifert Gottes Großzügigkeit nach. Wer glaubt, der tut freiwillig gute Werke. Und der Ablasshandel war damit völlig überflüssig, ja geradezu gotteslästerlich.

Sola scriptura – Allein durch die Schrift – Bald wurde klar: Die Dinge, die Luther schrieb, stimmten nicht mehr mit der katholischen Lehre überein. Das merkten viele. Deshalb kam es, wie es kommen musste: 1518 wurde Luther der Ketzerei, also der Verbreitung von Irrlehren, angeklagt. Doch das Verfahren gegen Luther zog sich hin. 1520 schließlich wurden seine Lehren als ketzerisch verurteilt. Die kirchliche Obrigkeit gab Luther 60 Tage Zeit, seine Aussagen zu widerrufen. Er sollte erklären, er habe sich geirrt, und um Wiederaufnahme in den Schoß der Kirche bitten. Doch Luther tat das nicht. Er verbrannte stattdessen die Bannandrohungsbulle des Papstes vor der Stadt. Im Januar 1521 wurde er aus der Kirche ausgeschlossen. Aber er erhielt eine zweite Chance. Im Mai 1521 durfte er vor dem Wormser Reichstag sprechen. Doch wieder hielt er an dem fest, was er glaubte. Seine Worte sind sprichwörtlich geworden: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Nach dem Ausschluss aus der Kirche wurde Luther auch vom Kaiser geächtet. Er wurde für „vogelfrei“ erklärt und war nicht mehr durch das Gesetz geschützt. Jeder hätte ich töten dürfen. Doch zu seinem Glück hatte Luther bereits viele Freunde. Einer davon rettete ihm nun das Leben. Der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ließ den vogelfreien Martin Luther entführen, bevor es jemand anderes tun konnte. Er versteckte sich fast ein Jahr auf der Wartburg. Dort lebte Luther als Junker Jörg und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Sein Ziel: Jeder Christ sollte die Bibel selbst lesen können. Niemand sollte mehr auf die Hilfe des Priesters angewiesen sein, der als einziger den lateinischen Text verstand. Jeder sollte sich selbst ein Urteil darüber bilden, was im Glauben wichtig ist. Als Getaufter ist jeder Christ ein Priester. Luther übernahm diesen Begriff aus dem 1. Petrusbrief. Er sprach vom „Priestertum aller Gläubigen“. Im 1. Petrusbrief heißt es: Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (1. Petrus 2,9). Luther wollte eine Bibel in der Sprache der Menschen. Er schaute „dem Volk aufs Maul“, wie er selbst sagte. Und er schuf eine Bibelübersetzung, die bis heute in ihrer sprachlichen Schönheit ihresgleichen sucht. Doch damit war die Vermittlung der Lehre durch die geweihten Priester im Grunde überflüssig. Die kirchliche Tradition war nicht mehr Maßstab und Richtschnur der Bibelauslegung. Allein auf den Inhalt der Heiligen Schrift kam es an. Und den konnte dank Luthers Übersetzung nun jeder selbst nachlesen. Deshalb lautet das dritte Prinzip der Reformation: Sola scriptura – allein durch die Schrift.

Solus Christus – Allein Christus – Luther lebte auf der Wartburg versteckt und in aller Stille. Aber seine Ideen ließen sich nicht aufhalten. Immer mehr Menschen bekannten sich zu dem neuen Glauben, zum Evangelium vom gnädigen Gott. Überall wurden Menschen „evangelisch“ und begehrten gegen die Traditionen und Lehren der katholischen Kirche auf. Nonnen und Mönche verließen die Klöster. Dabei wollte Luther eigentlich die Kirche nur erneuern, nur reformieren. Doch seine „Reformation“ geriet außer Kontrolle. Die Bauernaufstände und die Täuferbewegung – beide letzten Endes Folgen von Luthers neuen theologischen Gedanken – kosteten viele Menschen das Leben und wurden schließlich blutig niedergeschlagen. Luther kehrte deshalb an die Öffentlichkeit zurück und begann wieder zu predigen. Er setzte sich für eine maßvolle Reformation ein. Für vorsichtige theologische Veränderungen. Auf seiner Seite wusste er viele deutsche Landesfürsten. Durch sie wurde aus der Volksbewegung Reformation eine politische Größe. Aus dem innerkirchlichen Aufbegehren der Unzufriedenen wurde eine eigene neue Kirche. Reformatorisch kann man sie nennen, evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert oder auch protestantisch. Denn die Evangelischen haben gegen die damalige katholische Lehre protestiert. 1530 gab es auch ein erstes evangelisches Bekenntnis auf dem Reichstag in Augsburg. Als Luther 1546 starb, war die Bewegung nicht mehr aufzuhalten. Seine Mitarbeiter führten sein Werk fort, sammelten seine Schriften und bauten seine Erkenntnisse endgültig zu einer umfassenden Kirchenlehre aus. Im Zentrum standen dabei die vier Prinzipien: allein aus Gnade, allein aus Glauben, allein durch die Schrift. Und das vierte: Solus Chistus – allein Christus. Er war für Martin Luther das Zentrum christlichen Glaubens. Wer auf ihn und sein Schicksal blickt, der erkennt den gnädigen Gott. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für diese Welt gab. Allein aus Gnade. Wer auf Christi Tod am Kreuz sieht, der weiß: Ich bin gerettet, ich muss selbst nichts mehr dafür tun, ich muss nur glauben. Allein aus Glauben. Und wer von all dem wissen will, der muss lesen, was die ersten Christen von ihren Erfahrungen mit Jesus, dem menschgewordenen Gott, aufgeschrieben haben. Allein durch die Schrift. Durch sie erfahre ich von dem, der Zentrum meines Glaubens ist: Jesus Christus, er allein.

Zum Schluss – Was bleibt? – Das war sie, die Geschichte der Reformation: Außer Thesen nix gewesen? Was bleibt von diesen vier Prinzipien, die für Luther so viel Bedeutung hatten? Immerhin sind seither 503 Jahre vergangen. Sind sie wirklich noch wichtig in einer Zeit, in der alle Kirchen, die evangelische ebenso wie die katholische, um Mitglieder kämpfen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass Luthers Zeit seit einer gefühlten Ewigkeit vorbei ist. Die katholische Kirche, die er kritisiert hat, ist anders geworden. Und auch Luthers Probleme waren oft andere als unsere heute. Und doch denke ich, dass die vier Prinzipien, die für Luther so wichtig waren, heute noch Bedeutung haben. Und zwar nicht nur für den Glauben, sondern für uns gesamtes Leben. Zum Beispiel sein Prinzip „Allein aus Gnade“. Vielleicht meint das eben nicht mehr nur die Gnade vor Gottes Augen, sondern auch in unserem Miteinander. In einer Gesellschaft, in der so oft die Leistung zählt, wünsche ich mir einen gnädigeren, einen liebevolleren Umgang miteinander. Wenn Luther uns daran erinnert, dass wir von Gott geliebt sind – dann wirkt das auch in meinem Alltag. Dann weiß ich: Auch in Zeiten, wenn ich nicht perfekt funktioniere, bin ich wichtig und wertvoll. Auch dann, wenn ich nicht perfekt bin. Gerade dann, wenn ich nicht perfekt bin. Und noch etwas ist mir wichtig: Luther zeigt mir doch, dass ich einen eigenen Kopf zum Denken habe. Dass ich das Recht und die Pflicht habe, selbst nachzufragen und nachzubohren, bis ich mit den Antworten, die ich kriege, zufrieden bin. Und ich finde, das gilt nicht nur in Bezug auf den Glauben und die Bibel, sondern auch auf andere wichtige Dinge meines Lebens. Selbst denken, das war es doch, was Luther forderte, wenn er vom Priestertum aller Gläubigen sprach. Dann bleiben doch mehr als nur Thesen von Luther übrig. Mehr als nur vier lateinische Schlagworte. Gott sei Dank. Amen.

Fürbittengebet / Vaterunser

Gott, du hast uns die Bibel als Richtschnur unseres Lebens gegeben. Aus ihr sollen wir erkennen, was dein Wille für die Welt ist. Gib du uns Weisheit durch dein Wort. Prüfe unser Herz. Schärfe unseren Verstand, dass wir zur Versöhnung in dieser Welt beitragen. / Gott, wie gut tut es, an dich zu glauben. Doch wie viele Menschen gibt es, die niemandem mehr glauben können und es doch gerne tun würden. Die verlernt haben zu vertrauen, weil sie verletzt, enttäuscht oder allein gelassen sind. Schenke du ihnen Menschen, die sie neu anrühren. Lass sie wieder glauben und vertrauen. Öffne unsere Ohren und Augen, dass wir dazu beitragen. Damit alle Menschen von deiner Gnade erfahren und aus dem Glauben an dich leben. / Gott, du hast uns zuerst geliebt. Bedingungslos und unendlich. Hilf du uns, dieser Liebe zu entsprechen in Worten und Werken. Zeige uns, wo wir gebraucht werden in unseren Familien, unserem Alltag, unserer Freizeit. Deine Gnade ist so überfließend, dass sie uns mitreißt. Dafür danken wir dir. / Vater unser…

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen +++

Bleiben Sie behütet und gesund!

Ihre Sabine Klatt, Diakonin/Prädikantin

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