Kantate – Wort der Bischöfin Beate Hofmann


„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn der Herr tut Wunder!“ Psalm 98.1
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
heute, am Sonntag Kantate, dürfen nach 8 Wochen Unterbrechung erstmals wieder Gemeindegottesdienste
in unseren Kirchen stattfinden. Viele von Ihnen haben es vermisst, sich sonntags
auf den Weg in „Ihre“ Kirche zu machen, vertraute Menschen zu treffen und miteinander
Gottes Wort zu hören, zu singen und zu beten. Manche haben sich gefreut über die vielen
neuen Wege, die wir in den letzten acht Wochen entdeckt haben, um weiter Gottesdienst zu
feiern: im Fernsehen, Radio, in Telefonandachten, bei Gottesdiensten im Internet, oder bei
Gottesdienst „to go“ für Zuhause. Und manche, die sonntags nicht regelmäßig in den Gottesdienst
gehen oder den Weg nicht mehr schaffen, haben sich gefreut, auf diesen Wegen mitfeiern
und teilhaben zu können. Mitten im Stillstand ist Neues gewachsen.
Die Gottesdienste, die wir jetzt feiern können, werden sich von denen vor dem 15. März unterscheiden:
zwei Meter Sicherheitsabstand, beschränkte Besucherzahl, Maske tragen, kein
Handschlag beim Friedensgruß oder beim Abschied an der Tür, Abendmahl nur unter besonderen,
sehr strikten Hygienevorschriften. Persönlich finde ich besonders traurig, zumal am
Sonntag Kantate, dass wir nicht miteinander singen können. Gemeinsames Singen hat die
höchste Ansteckungsgefahr, wie bittere Erfahrungen von Chören in anderen Ländern zeigen.
Vieles, was christliche Gemeinschaft spürbar macht, wird weiter nicht möglich sein. Umso
mehr bleibt es unsere Aufgabe, dass wir konzentriert aufeinander hören und einander wahrnehmen.
Wir werden uns voraussichtlich noch lange in einer veränderten „Normalität“ einrichten und
kreative Wege suchen müssen, um „dem Herrn ein neues Lied zu singen“. Ich hoffe sehr, dass
es gelingt, in den Regionen vielfältige Gottesdienstkonzepte zu entwickeln, die zwei zentrale
Anliegen verknüpfen: Niemand wird gesundheitlich gefährdet und möglichst viele hören Gottes
frohe Botschaft in analogen und digitalen Gottesdiensten. Darum möchte ich die Verantwortlichen
ermuntern, weiterhin kreativ zu sein und Verschiedenes zu kombinieren, ohne das Neue
zusätzlich zu allem Bisherigen anzubieten. Vielmehr: Wer eine große Kirche hat, feiert Kurzgottesdienste
im Kirchengebäude; wer einen großen Platz oder eine große Wiese und eine
gute Lautsprecheranlage hat, feiert Gottesdienste auf dem Klappstuhl im Freien; die dritten feiern
miteinander am Telefon und die vierten stellen einen Gottesdienst ins Internet. Nicht alle
müssen alles machen.
Darum werden manche Gemeinden warten, bis sie wieder Gottesdienste in Kirchenräumen feiern.
Die Situation vor Ort ist unterschiedlich und soll vor Ort verantwortlich entschieden werden.
Dazu möchte ich ausdrücklich ermutigen.
Die „neue Normalität“ wird uns weiterhin Geduld, Besonnenheit und Durchhaltevermögen abverlangen.
Wie Noah in der Arche, so sitzen wir weiterhin und hoffen, dass die Katastrophe
vorbeigeht; wir werden Tauben und Raben aussenden und warten, welche Botschaft sie uns
bringen. Und das Land wird anders aussehen, wenn die Pandemie vorbei ist. Doch Gottes Bogen
leuchtet über uns und sagt uns seinen Segen und Schutz zu. Er verspricht uns: „Solange
die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag
und Nacht.“ (Gen 8,22)
Wir haben in den letzten Wochen viel Neues entdeckt und trotz der Unterbrechung vieler kirchlicher
Angebote wesentliche Seiten an Kirche mit geschärften Sinnen wahrgenommen. Wir haben
gelernt, wie wichtig Sorgenetze in unserer Gesellschaft sind und welche Bedeutung Seelsorge
hat, damit niemand ganz allein ist, auch im Sterben nicht. Wir haben Wege gesucht, damit
die, denen alles zu viel wird, sich ihren Kummer von der Seele reden können und Trost erleben
und damit die, die um ihre Existenz fürchten – bei uns und weltweit – Solidarität erleben.
All das wird es weiterhin brauchen. Wir können daran wachsen und entdecken, worauf es ankommt:
Den Hunger nach Leben und die Sorge um Leben klug miteinander zu verbinden. Das
ist für die Kirche keine völlig neue Herausforderung, wie ein Blick ins Neue Testament zeigt.
Darum gilt auch für uns, was Paulus der Gemeinde in Rom schreibt:
„Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet, teilt das, was ihr habt und
seid gastfreundlich.“ (Röm 12,12f)
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen
Ihre

Beate Hofmann

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